„Empört Euch! Nehmt das Unrecht nicht einfach hin. Oder: Gottes Charakter in der Wirklichkeit dieser Welt sichtbar machen. Ein Bericht vom 9. Studientag Gesellschaftstransformation.“

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Um es gleich vorneweg zu sagen, es gab keine leichte Kost für die über 300 Teilnehmenden an diesem Studientag, denn es ging um die großen globalen Ungerechtigkeiten in dieser Welt: Menschenhandel und Zwangsprostitution. Dazu war das Thema, wie wir als Gemeinden mit Geflüchteten umgehen, allgegenwärtig und wurde von verschiedenen Referentinnen und Referenten aufgegriffen. Aber der Reihe nach. Den Auftakt des Studientags machte der Leiter von IJM Indien Sanjay Macwan mit dem Thema „Vom Kindersklaven zum Anwalt für Gerechtigkeit“. Er nahm die Zuhörerinnen und Zuhörer mit hinein in seine eigene Geschichte als „Unberührbarer“ in Indien und seinen Weg aus der Armut und Zwangsarbeit hinein in ein menschenwürdiges Leben. Dieser Schritt wurde für ihn zum Lebensprogramm; er studierte Jura und leitet jetzt mit einem Team aus Juristen und Sozialarbeitern Befreiungseinsätze, um minderjährige Prostituierte und Zwangsarbeiter ein Leben in Würde und Freiheit zu ermöglichen. Aber es waren nicht nur der Mut von Macwan, sondern auch die geistliche Leidenschaft für die Gottes Gerechtigkeit, die ihn antreibt. Durch Gebet und die mutige Tat, so Sanjay Macwan, wird der Charakter Gottes in die Wirklichkeit dieser Welt sichtbar und somit den vergessenen und verstoßenen Menschen die von Gott gegebene Würde zurückzugeben.

„Prostitution greift die Menschenwürde an“

Sr. Lea Ackermann nahm das Thema auf und fragte, wie Menschenhandel und Prostitution in Deutschland aussehen und was wir dagegen tun können. Zuerst erzählte Sr. Lea Ackermann auf sympathische Weise ihre eigene Geschichte und wie in ihr der Lebenswunsch entstand, sich für alle Menschen, auch für die Entrechtenden und die Traumlosen einzusetzen. Angefangen hatte ihre Arbeit damit, dass sie in Bordelle ging und mit den Frauen sprach. „Die Prostituierten“, so Ackermann, „sind Kinder Gottes, geliebt und begabt, so habe ich sie immer gesehen“. Aber viele dieser Frauen sahen für sich selbst keine Zukunft und so entstand die Frauenbewegung SOLWODI, um Frauen aus der Prostitution in Afrika und Deutschland eine neue Perspektive zu geben. Durch Selbsthilfegruppen, Fußballmannschaften, Ausbildungsplatze etc. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland 18 Beratungsstellen und acht Frauenhäuser (1728 Frauen wenden sich an die Beratungsstellen, 398 Fällen von Menschenhandel wurden mitten in Deutschland aufgedeckt). „Prostitution greift die Menschenwürde an“, so Ackermann „und das mitten unter uns, das kann einfach nicht sein.“ Ackermann setzt sich deshalb für Gesetzgebung nach dem Vorbild Schwedens ein, das Sexkauf verbietet. Es kann nicht sein, so Ackermann, dass in einem Land, in dem es eine Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt, Sexkauf legal ist. Prostitution ist Machtmissbrauch an Frauen. Norwegen, Kanada, Frankreich sind Schweden gefolgt, nur Deutschland möchte an diesem alten Gesetz zum Sexkauf festhalten. Das macht sie wütend, das treibt Sr. Lea Ackermann an, genau diesen Frauen die Würde und Liebe Gottes zu bringen und ihnen eine neue Perspektive für ihr Leben zu geben.

„Empört euch. Meine Wut rettet mich.“

Am Nachmittag gab es elf Praxisseminare, die geholfen haben, das Gehörte in den Alltag zu transportieren. Dabei lag ein Schwerpunkt auf der Arbeit mit Geflüchteten, angefangen vom Verständnis von Fluchtursachen über die Praxis des deutschen Asylrechts bis zum Leben und Lernen mit Flüchtlingen. Nach einer Stärkung mit Kaffee und Kuchen gab es zum Abschluss eine Expertenrunde, die zum einen danach fragte, wie konkrete Handlungsstrategien aussehen und zum anderen Fragen aus dem Publikum beantwortete. So kamen der Leiter des deutschen Büros von IJM Dietmar Roller, Studienleiter Thomas Kröck und Sr. Lea Ackermann unter der kompetenten Leitung von Tobias Künkler zu Wort und ermutigten die Teilnehmenden nach ihrer Berufung zu fragen. Was möchte Gott von ihnen und ihrer Gemeinde? Wo ist der eine Platz, an dem sie sich für Gottes Gerechtigkeit einsetzen? Dazu gab es viele Praxistipps, Vernetzungsmöglichkeiten und Hilfestellungen für die Arbeit vor Ort. Aber es wurde auch kritisch diskutiert, vor allem, wenn es um das unaussprechliche Leid geht, das Menschen heute durch Zwangsprositition und Menschenhandel angetan wird. Und die Strategien damit waren ganz unterschiedlich. Sr. Lea Ackermann rief die Zuhörerinnen und Zuhörer auf: „Empört euch. Nehmt das Unrecht nicht einfach hin, stumpft nicht ab!“ und s gab zu: „Meine Wut rettet mich“. Sie ermutigte, die eigene Wut umzuwandeln in den Einsatz für Gerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit kann in Depression, Abstumpfung und Zynismus führen, oder aber in eine Kraft der Veränderung. Dietmar Roller sprach ehrlich aus, was viele an diesem Tag selbst erlebt haben: „Ich erlaube es mir zu weinen.“ Denn wenn mich das Elend dieser Welt nicht mehr berührt, stumpfe ich ab. Er erinnerte an das Vorbild Jesu, der weinte über die Menschen und das Wissen, dass wir in der vorletzten Zeit leben und das Jesus das letzte Wort sprechen wird. Gebet als spiritueller Widerstand spielt dabei eine zentrale Rolle und ist die Grundlage allen Handels.

Begleitet wurde der Tag vom Musiker Johannes Falk, der mit seinen wunderbaren Melodien und tiefgründigen Texten für einen würdigen atmosphärischen Rahmen sorgte.

Insgesamt ein großartiger und hoffentlich nachhaltiger Studientag Gesellschaftstransformation. Danke an alle, die ihn mit gestaltet und möglich gemacht haben.

Veranstaltet wurde der Studientag vom mbs und der CVJM Hochschule.

2 Comments

  1. Das ist eine starke Aussage: „’Meine Wut rettet mich’. Sie ermutigte, die eigene Wut umzuwandeln in den Einsatz für Gerechtigkeit.” Vermutlich versuche ich das zu leben. Aber immer wieder kommt dann die Frage auf: wann ist dem Einsatz für Gerechtigkeit genüge getan? Wie viel kann ich tun und wo sind meine Grenzen (und die meiner Familie)? Und nach einem Tag wie heute, Einsatz für Gerechtigkeit, Tropfen auf den heissen Stein, mit einigen Geflüchteten gespielt, gekocht, gegessen, Spass gehabt, Bewerbungen geschrieben die nie beantwortet werden und sie wieder in ihre Behausungen entlassen, dann wandelt sich die Wut in Ohnmacht. Ich nach Hause ins schöne Heim, zwischen alle meine Bücher und zu meinem Kaffeevollautomaten. Sie nach Hause, ins Nichtstun, Nichtwissen. Da muss doch mehr möglich sein. Jeden Montag, nach jeder Verwandlung von Wut in den Einsatz für Gerechtigkeit kommt der Blues und steigen mir Tränen in die Augen. Es wäre noch so viel möglich, mit wenig Geld und ein wenig Zeit für andere. Dann muss ich meinen Gott anschreien. Stumm und ich sehe Christus in den Augen meines Gegenübers. Viel ist es nicht, was ich tun kann. Nur hoffen, dass Gott das Wenige in mehr verwandelt. Und weitere ruft.

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  2. ich würde ja gerne widersprechen, aber genau so ist es. Danke. Was bleibt in all dem? Die eschoatologische Hoffnung, dass der, der sein Werk begonnen hat, es auch vollenden wird….

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