Simone Weil – Leben zwischen Denken, Leiden und Erfahrung 

Kultur & Glaube

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„In meinen Überlegungen über die Unlösbarkeit des Gottesproblems hatte ich diese Möglichkeit nicht vorausgesehen: die einer wirklichen Berührung von Person zu Person hienieden, zwischen dem menschlichen Wesen und Gott. Ich hatte wohl unbestimmt von dergleichen reden gehört, aber ich hatte es niemals geglaubt.“ Simone Weil

Zwischen den Jahren habe ich mich – einmal mehr und doch neu – mit Simone Weil beschäftig. Mit dieser außergewöhnlichen Frau, deren Denken bis heute berührt und herausfordert. In einer Zeit voller Brüche und Verunsicherung wirkt sie erstaunlich gegenwärtig. Ihre Gedanken über Gott, Aufmerksamkeit, Leid, Gnade, Arbeit und Gewalt bringen etwas in mir zum Klingen. Deshalb möchte ich in den kommenden Tagen einige ihrer Impulse teilen. Ausgelöst wurde das Interesse durch das neue Buch von Byung Han im „Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil.“ Zu Beginn ein kurzer biografischer Blick. 

Simone Weil wurde 1909 in Paris in eine säkular-jüdische Familie geboren. Früh zeigte sich ihre außergewöhnliche geistige Begabung ebenso wie ihre tiefe Sensibilität für Leid, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Philosophie war für sie nie bloß Denken, sondern eine Lebensform. Sie suchte Wahrheit nicht nur im Kopf, sondern im gelebten Dasein. Nach ihrem Studium engagierte sie sich politisch, arbeitete freiwillig in Fabriken und setzte sich existenziell den Bedingungen von Entfremdung und Erschöpfung aus. Diese Erfahrungen prägten ihr Denken nachhaltig und ließen sie gegenüber den  ideologischen Heilsversprechen ihrer Zeit zunehmend skeptisch werden.

Ab 1935 kam es zu einer inneren Wende. Simone Weil selbst spricht von drei prägenden geistlichen Erfahrungen. Die erste ereignete sich im portugiesischen Küstenort Póvoa de Varzim, wo sie vom schlichten Glauben der Fischer tief berührt wurde. Sie erkannte, dass Glaube keine Lehre ist, sondern eine existenzielle Wirklichkeit, die Leid nicht umgeht, sondern trägt. Eine zweite Erfahrung folgte 1937 in Assisi. In der Stille dieses Ortes, so schreibt sie, sei sie innerlich „gezwungen gewesen zu knien“ – nicht aus Frömmigkeit, sondern aus innerer Notwendigkeit. Die dritte Erfahrung machte sie 1938 bei der Lektüre von George Herberts Gedicht Love, in der sie die Gegenwart Christi als leise, aber reale Wirklichkeit erfuhr. Glaube bedeutete für sie nicht Lösung, sondern Aushalten. Gnade verstand sie als Gegenwart Gottes dort, wo der Mensch nichts mehr vorzuweisen hat. Daraus entwickelte sich ihr „Existenzialismus der Gnade“. 

Simone Weil starb 1943 im englischen Exil, nur 34 Jahre alt. Sie hinterließ keine fertige Theologie, sondern eine geistliche Spur, der ich nachgehen möchte.

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Aufmerksamkeit als Haltung und Kriterium des Guten. 

„Christliche Aufmerksamkeit ist deshalb ein Schauen, kein Machen. Sie entzieht sich der Logik des Konsums und der Verfügbarkeit.“

Für Simone Weil ist Aufmerksamkeit keine bloße geistige Fähigkeit, sondern eine existentielle Haltung. Sie beschreibt sie als jene innere Bewegung, in der der Mensch aufhört zu greifen, zu wollen, zu kontrollieren – und beginnt, offen zu sein. Aufmerksamkeit ist für sie der Ort, an dem sich entscheidet, ob ein Leben dem Guten oder dem Zerstörerischen zugewandt ist. Deshalb kann sie sagen: „Es gibt nur ein einziges vollkommendes Kriterium des Guten und des Bösen: das ununterbrochene innere Gebet. Alles, was das Gebet nicht unterbricht, ist erlaubt; alles, was es unterbricht, ist verboten.“ Aufmerksamkeit ist Gebet – nicht als Technik, sondern als Haltung des Daseins.

In dieser Perspektive ist das Gute niemals aggressiv oder laut. Es verbindet, während das Böse trennt. Byung-Chul Han bringt diesen Gedanken auf den Punkt: „Das Gute verbindet und versöhnt, während das Böse trennt und spaltet.“ Aufmerksamkeit wirkt verbindend, weil sie den Anderen nicht verfügbar macht, sondern ihn in seiner Wirklichkeit stehen lässt. Sie widersteht der Logik der Verwertung und der Selbstoptimierung, die das moderne Subjekt prägt.

Gerade darin sieht Simone Weil eine geistliche Krise der Moderne. Wir sind, so Byung-Chul Han, „süchtig nach Suche. Die Seele selbst verwandelt sich in eine Suchmaschine.“ In dieser Rastlosigkeit verliert der Mensch die Fähigkeit zum Verweilen. Doch christliche Existenz ist für Weil keine Suche, kein aktives Greifen nach Sinn. „Im Evangelium ist an keiner Stelle von einer Suche die Rede, die der Mensch unternimmt. Der Mensch tut keinen Schritt, die Rolle der zukünftigen Braut besteht darin zu warten.“ Warten meint hier kein passives Ausharren, sondern eine wache, offene Bereitschaft für das, was sich nicht machen lässt.

Christliche Aufmerksamkeit ist deshalb ein Schauen, kein Machen. Sie entzieht sich der Logik des Konsums und der Verfügbarkeit. Religion, so formuliert es Byung-Chul Han, schenkt dem Leben „Schönheit, Zauber und Geheimnis“. Sie ist ein „Exerzitium der Aufmerksamkeit“, das das Leben über das bloße Überleben hinaushebt. Ohne diese Dimension verliert das Leben seine Tiefe – und der Mensch sich selbst.

In dieser Perspektive wird Aufmerksamkeit zu einer Form radikaler Ethik. Sie ist, wie Weil schreibt, „die seltenste und reinste Form von Großzügigkeit“. Sie wird nicht verdient, nicht erzwungen, nicht berechnet. Sie ist Gabe. Wer aufmerksam ist, verweigert sich der Logik der Macht und der Beschleunigung. Aufmerksamkeit bedeutet, dem Anderen Raum zu geben – und darin Gott zu begegnen. Aufmerksamkeit, so könnte man heute sagen, ist die höchste Form der Anerkennung, die man einem Menschen geben kann.

So wird deutlich: Für Simone Weil ist Aufmerksamkeit keine spirituelle Technik, sondern eine Haltung des Empfangens. Sie ist der Ort, an dem Gnade geschieht. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern leise – dort, wo der Mensch lernt, nicht zu greifen, sondern zu sehen.

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Der „Existenzialismus der Gnade“ und die Würde des Unfertigen 

„In einer Welt, die Stärke idealisiert, erinnert Simone Weil daran, dass das Unfertige, das Verletzliche und das Wartende der Ort sind, an dem Gnade Raum gewinnt.“

Simone Weil gehört zu den radikalsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Denken entzieht sich einfachen religiösen oder philosophischen Kategorien. Oft wird es als ein „Existenzialismus der Gnade“ beschrieben – ein Ausdruck, der eine tiefe Spannung markiert: das Ernstnehmen menschlicher Existenz in ihrer Zerbrechlichkeit und zugleich die Hoffnung auf eine Gnade, die nicht vom Menschen gemacht werden kann.

Im Zentrum von Weils Denken steht die Erfahrung des Leidens. Sie beschreibt das, was sie malheu  nennt – ein Leiden, das nicht nur schmerzt, sondern den Menschen seiner Würde, Sprache und Handlungsfähigkeit beraubt. Dieses Leid lässt sich nicht erklären, nicht rechtfertigen, nicht auflösen. Gerade darin unterscheidet sich Weil von vielen religiösen Deutungen, die vorschnell Sinn anbieten. Für sie darf das Leid nicht übersprungen werden. Es muss ausgehalten werden – ohne Illusion, aber auch ohne Zynismus.

Hier setzt ihr Verständnis von Gnade an. Gnade ist für Weil kein religiöser Trost und keine Belohnung für Frömmigkeit. Sie ist auch kein Eingreifen Gottes, das das Leid einfach aufhebt. Gnade geschieht dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst retten zu wollen. Sie ereignet sich in der „Aufmerksamkeit“ – in einer wachen, offenen Haltung, die nichts erzwingen will. Gott, so Weil, tritt nicht in die Stärke ein, sondern in die Leere, die wir nicht füllen können.

Damit widerspricht sie dem klassischen Existenzialismus, der Sinn aus menschlicher Freiheit und Entscheidung gewinnt. Für Weil entsteht Sinn gerade dort, wo das Ich zurücktritt. Freiheit bedeutet nicht Selbstbehauptung, sondern Hingabe. Erlösung geschieht nicht durch Aktivität, sondern durch ein Aushalten, das offen bleibt für das, was sich nicht machen lässt.

Besonders deutlich wird dies in ihrer Deutung des Kreuzes. Gott ist dort nicht als Macht präsent, sondern in der äußersten Ohnmacht. Die Abwesenheit Gottes wird selbst zum Ort seiner Nähe. Gerade darin liegt die radikale Hoffnung Weils: Gott ist nicht jenseits des Leids, sondern mitten in ihm gegenwärtig.

Der Existenzialismus der Gnade ist daher kein heroischer Glaube, sondern eine Spiritualität der Verwundbarkeit. Er widerspricht jeder religiösen Selbstoptimierung und hält daran fest: Erlösung geschieht nicht trotz der Zerbrechlichkeit des Lebens, sondern durch sie hindurch. In einer Welt, die Stärke idealisiert, erinnert Simone Weil daran, dass das Unfertige, das Verletzliche und das Wartende der Ort sind, an dem Gnade Raum gewinnt.

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Die Ilias oder das Gedicht von der Gewalt

„Die Seele erleidet mit jedem Tag Gewalt. Morgen für Morgen amputiert die Seele sich jede Ambition, denn das Denken kann nicht in der Zeit reisen, ohne dass es hindurchgeht durch den Tod. So vernichtet der Krieg jede Vorstellung von einem Ziel, sogar die Vorstellung vom Kriegsende.“ Simone Weil „Die Ilias oder das Gedicht von der Gewalt“, 37

In ihrem Essay Die Ilias oder das Gedicht von der Gewalt (1941) liest Simone Weil das große Epos nicht als Heldengeschichte, sondern als schonungslose Analyse dessen, was Gewalt mit Menschen macht. Für sie ist die eigentliche Hauptfigur der Ilias nicht Achill oder Hektor, sondern die Gewalt selbst – jene Macht, die Menschen in Dinge verwandelt, ihnen Stimme, Würde und Zukunft raubt. Gewalt, so Weil, trifft nicht nur die Besiegten. Auch die Sieger werden von ihr deformiert. Wer Gewalt ausübt, verliert ebenso seine Menschlichkeit wie der, der ihr ausgeliefert ist. In dieser radikalen Einsicht liegt die verstörende Aktualität des Textes: Gewalt kennt keine echten Gewinner. Sie verzehrt alles, was ihr begegnet.

Besonders eindringlich beschreibt Weil, wie Gewalt die innere Welt des Menschen zerstört. Sie schreibt: „Die Seele erleidet mit jedem Tag Gewalt. Morgen für Morgen amputiert die Seele sich jede Ambition, denn das Denken kann nicht in der Zeit reisen, ohne dass es hindurchgeht durch den Tod. So vernichtet der Krieg jede Vorstellung von einem Ziel, sogar die Vorstellung vom Kriegsende.“ Gewalt zerstört nicht nur Körper, sondern Zeit, Hoffnung und Zukunft. Sie nimmt dem Denken selbst die Möglichkeit, über das Jetzt hinaus zu reichen. Wo Gewalt herrscht, verengt sich der Horizont auf bloßes Überleben.

Gerade darin liegt die erschütternde Wahrheit der Ilias: Sie verklärt den Krieg nicht, sondern zeigt die Zerbrechlichkeit aller Beteiligten. Auch die Sieger erscheinen müde, gezeichnet, innerlich leer. Die Dichtung kennt kein triumphales Ende, sondern nur Verlust. Darin liegt ihre moralische Größe: Sie zwingt zur Empathie – auch mit dem Feind. Gewalt wird nicht gerechtfertigt, sondern entlarvt. Gewalt ist keine bloße Handlung, sondern eine Macht, die Menschen in Dinge verwandelt. 

Als Weil 1936 nach Spanien ging, um den Kampf gegen den Faschismus zu unterstützen, erlebte sie aus nächster Nähe, was sie später theoretisch durchdrang: Gewalt zerstört nicht nur Körper, sondern auch Wahrnehmung, Beziehung und Menschlichkeit – auf beiden Seiten. Sie macht den Leidenden zum Objekt, aber sie entmenschlicht ebenso den, der Gewalt ausübt. Genau das beschreibt sie in der Ilias: Gewalt reißt den Menschen aus der Ordnung des Sinns heraus und macht ihn zur Sache, zur „Sache unter Sachen“. Diese Erfahrung führt bei Weil nicht in Zynismus, sondern in eine paradoxe Hoffnung. Sie erkennt, dass Gewalt eine „Blindheit“ erzeugt: Der Täter verliert die Fähigkeit, im Anderen einen Menschen zu sehen, und verliert damit zugleich sich selbst. Doch gerade in dieser radikalen Dunkelheit hält Weil an der Möglichkeit des Guten fest. Ihre Hoffnung ist keine naive Zuversicht, sondern eine „Hoffnung gegen die Hoffnung“: dass dort, wo Gewalt alles zu verschlingen droht, dennoch etwas Unzerstörbares aufscheinen kann. In der Sprache der Ilias heißt das: Auch wenn die Gewalt das Feld beherrscht, ist sie nicht das letzte Wort. So wird Weil zur Denkerin einer radikalen Humanität. Gerade im Angesicht der totalen Entmenschlichung hält sie daran fest, dass das Licht nicht trotz, sondern mitten in der Dunkelheit aufscheinen kann. Ihre Lektüre der Ilias ist deshalb keine literarische Analyse, sondern eine existentielle Deutung unserer Welt: Gewalt ist real, zerstörerisch und allgegenwärtig – aber sie besitzt nicht die letzte Macht über das Menschliche. Genau darin liegt ihre bleibende Aktualität.

Diese Einsichten macht Weils Text heute so dringlich. In einer Welt voller Kriege, medialer Dauererregung und moralischer Polarisierung erinnert sie daran, wie schnell Menschen zu Objekten werden: zu Zahlen, Bildern, Feindbildern. Gewalt zerstört nicht nur Leben, sondern auch Sprache, Mitgefühl und Wahrheit. Krieg und Machtausübungen sind nicht nur mit ökonomischen oder gesellschaftlichen Gründen zu erklären, sondern mit der Ausübung der Macht selbst. Die Macht der Gewalt ist kein untergeordneter Faktor, sondern der zentrale Trieb der Geschichte und Weil stellt dazu ernüchternd fest, dass die Gewalt gerade keiner logischen Vernunft folgt, sondern ihrer eigenen Logik. Gerade deshalb ist Weils Denken ein Akt des Widerstands. Sie ruft zur Aufmerksamkeit auf – zu einem Sehen, das den Anderen nicht reduziert. Ihre Lektüre der Ilias ist eine Schule des Mitgefühls und der Nüchternheit zugleich. Sie zeigt: Wo Gewalt herrscht, steht nicht nur das Leben auf dem Spiel, sondern das Menschsein selbst. In einer Zeit, die wieder nach einfachen Feindbildern greift, erinnert Simone Weil daran, dass wahre Menschlichkeit dort beginnt, wo wir der Gewalt nicht verfallen – und dem Anderen trotz allem seine Würde lassen.

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Mehr über Simone Weil gibt es hier: Denkkollektiv Simone Weil

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