Mission als Herzschlag einer Kirche in Transformation. Eine Bibelarbeit zu Mt 28,16-20 

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Ich hatte die Freud und Ehre auf der neunten Tagung der 14. Landessynode der EKKW die Bibelarbeit zu halten und da es einige Nachfragen gab, hier die schriftliche Form:

Hohe Synode, liebes Präsidium, liebe Frau Bischöfin, liebe Konsynodale,

ich freue mich, heute mit Ihnen über einen Bibeltext nachzudenken, den Sie alle kennen und der zu den wirkmächtigsten in der Kirchengeschichte gehört, zugleich aber auch zu den umstrittensten zählt und um den es in unserer Evangelischen Kirche in den letzten Jahren sehr ruhig geworden ist. Zeit, ihn neu zu bedenken. Und ich möchte dies tun und natürlich auch fragen, was dieser Text uns heute zu sagen hat, uns in der EKKW, als Synode und besonders für den Reformprozess, in dem wir stehen. Es geht um Matthäus 28,16–20, den sogenannten „Missionsbefehl“ – und wir werden gleich erarbeiten, dass diese Bezeichnung bereits in eine problematische Richtung weist.

Bevor wir gemeinsam in den Text schauen, möchte ich zwei kurze Vorbemerkungen machen:

a) Wenn wir über Mt 28 nachdenken, dann tun wir dies im Wissen, dass es auch um einen umstrittenen theologischen Begriff geht: Mission – ein Begriff mit einer zutiefst ambivalenten Geschichte. Ja, es ist kein „unschuldiger“ Text. Gerade in den Kirchen des globalen Südens ist der Begriff problematisch geworden, weil er mit Kolonialisierung, Machtmissbrauch, kultureller Überformung und geistlicher Übergriffigkeit verbunden ist. Und bei uns? An diesem Begriff scheiden sich die Geister: Für manche steht er im Zentrum kirchlichen Handelns, für andere ist er historisch belastet und deshalb nicht mehr brauchbar. Gerade deshalb ist es notwendig, neu und kritisch darüber nachzudenken, was Mission heute bedeuten kann.

b) Jede Person liest sich in Bibeltexte auch selbst, ihre eigene Biografie und ihre eigene Kultur in die biblischen Texte hinein. Das ist uns allen bewusst, aber gerade bei einem so aufgeladenen Text möchte ich daran noch einmal erinnern und auch offenlegen, dass bspw. mein Verständnis von Mission und Mt 28 durch meine Promotion in Südafrika und meine aktuelle Professur an der staatlichen Universität UNISA maßgeblich geprägt ist.

Das soll der Rahmen und Kontext sein, auf dessen Grundlage ich mit Ihnen gemeinsam über Mt 28 nachdenken möchte.

Der sogenannte „Missionsbefehl“ neu gelesen

Also schauen wir uns den Text einmal an: Traditionell wurde dieser Abschnitt als „Missionsbefehl“ gelesen. In der Lutherübersetzung von 1984 heißt es:

„Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Ich möchte diesen Text jetzt mit Ihnen einmal Vers für Vers durchgehen:

„Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.“

Wir erinnern uns kurz an den Kontext: Die Jünger erleben die emotionalste Zeit ihres Lebens: Der, den sie für den Messias hielten, wurde aus den eigenen Reihen verraten, gefoltert und von den Machthabern gekreuzigt. Alles fiel zusammen. Sollten sie sich so getäuscht haben? Trauer, Machtlosigkeit, Zweifel – alles schien aus. Dann die Gerüchte der Auferstehung, und dann war dieser Jesus wieder da, alles gespenstisch und etwas unwirklich. Und mitten in diese Situation hinein kommt wieder eine Begegnung mit dem Auferstandenen, der ihnen kundtut, wie es jetzt für sie weitergeht.

Sie waren noch zu elft; Judas hatten sie verloren. Auch jetzt, in dieser Situation, kommen Ehrfurcht und Zweifel zusammen. Und dem Evangelisten ist es wichtig, dies ausdrücklich zu erwähnen: Zweifel. Nach all dem, was passiert ist. Und das, was jetzt kommt, gilt für alle. Jesus sortiert hier nicht aus – die Glaubenden und die Zweifelnden –, weil er weiß, dass Glaube und Zweifel zusammengehören, sozusagen Zwillingsschwestern sind.

Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“

„Mir ist gegeben alle Vollmacht im Himmel und auf Erden“ wurde oft so gelesen, als legitimiere Jesus eine expansive Herrschaftsbewegung seiner Kirche. Gerade postkoloniale Lesarten warnen vor genau dieser Kurzschlusslogik.

In Matthäus gehört Jesu Vollmacht zum Gekreuzigten und Auferstandenen, nicht zum Imperator. Sie ist an den gebunden, der die Sanftmütigen seligpreist, mit den Geringen solidarisch ist und sich am Ende nicht mit den Herrschenden, sondern mit „den Geringsten“ identifiziert. 

Gewalt/Macht (ἐδόθη) ist Aorist Passiv von δίδωμι. Das sogenannte Passivum divinum liegt nahe: Gott ist der nicht ausdrücklich genannte Handelnde. Jesu Vollmacht ist also nicht autonom ergriffen, sondern ihm vom Vater verliehen. Das passt zur matthäischen Christologie: Jesus ist der bevollmächtigte Sohn. Wichtig ist das Wort ἐξουσία. Es meint nicht bloß rohe Macht oder Gewalt im modernen negativen Sinn, sondern legitime Vollmacht, Autorität und Befugnis. Im Matthäusevangelium ist das ein Schlüsselbegriff:

  • Jesus lehrt mit Vollmacht (Mt 7,29),
  • hat Vollmacht zur Sündenvergebung (Mt 9,6),
  • seine Vollmacht wird hinterfragt (Mt 21,23).

Die gefährlichste Frage an diesen Text ist nicht: Was sollen wir tun? Sondern: Wie gehen wir mit der Macht um, die wir meinen, aus ihm zu haben? Oder noch schärfer: Dieser Text wurde benutzt, um Macht auszuüben. Vielleicht will er uns heute lehren, wie man mit Macht sensibel und reflektiert umgeht. Jesu universale Vollmacht darf nie als kirchliche Verfügungsgewalt missverstanden werden.

Matthäus 28 ist kein Text, der kirchliche Macht legitimiert – sondern ein Text, der jede Form von Macht daran misst, ob sie dem gekreuzigten Christus entspricht.

Also: Jesus sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt …“ – nicht der Kirche, nicht mir oder der Synode, nicht einmal der Bischöfin! 😉 

Das lehrt uns auch: Wir dürfen, ja müssen aus der Geschichte lernen. Gerade beim Thema Macht. Besonders weil wir aus einer privilegierten Situation heraus diesen Text lesen. Mt 28 ist ein zentraler Text in der Diskussion um Mission, der eine ambivalente Geschichte hat. Historisch lässt sich nicht ausblenden, dass Mission häufig mit kolonialen Machtstrukturen verflochten war. Christliche Verkündigung, europäische Zivilisationsideale und politische Herrschaft gingen vielfach Hand in Hand. Dadurch wurde die gute Nachricht oft mit kultureller Dominanz vermischt.

Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu bringt diese Erfahrung pointiert auf den Punkt: „Als die Missionare nach Afrika kamen, hatten sie die Bibel, während die Menschen das Land besaßen. Sie schlossen die Augen zum Gebet, und als wir sie wieder öffneten, war es umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“

Südafrika ist ein Beispiel für Machtmissbrauch: die Kolonialgeschichte mit den Niederländern und Engländern und später das Apartheidsystem – ein mächtiger Apparat, der die Gesellschaft geteilt und Menschen zerstört hat. Und das auch im Namen und mit der Macht der Kirche. Nach dem Ende der Apartheid gab es sogenannte Versöhnungskommissionen, die das Unrecht aufarbeiteten und Versöhnung ermöglichten. Desmond Tutu (Erzbischof von Kapstadt) spielte dabei eine zentrale Rolle. Eine sehr intensive, emotionale und beeindruckende Zeit. Ich kann nur von dem lernen, was dort geschehen ist. Und doch: 20 Jahre später war ich auf einer wissenschaftlichen Tagung zum Thema „Versöhnung“ in Pretoria. Ein kanadischer Professor hielt einen beeindruckenden Vortrag, doch am Ende geschah etwas Ungewöhnliches: Ein junger südafrikanischer Kollege stand auf und rief laut in den Raum: „Es gibt keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit!“ Dann setzte er sich, und es entstand eine peinliche Stille. Danach folgten intensive Diskussionen, die sich durch die gesamte Tagung zogen. Für mich war das ein wichtiges Lernbeispiel.

Wir kommen in der EKKW aus einem anderen Kontext und machen doch ähnliche Erfahrungen – sowohl mit Machtmissbrauch als auch mit der Frage nach wiederherstellender Gerechtigkeit. Wir haben gestern den Bericht zu sexualisierter Gewalt gehört und sehen, wie tief die Wunden sind – persönlich und strukturell – und wie weitreichend die Aufarbeitung ist – strukturell, juristisch, theologisch. Kirche ist schuldig geworden, an Menschen und an Gott. Auch hier gilt: Es gibt keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit.

Aber es gibt noch eine andere Form von Macht, die subtiler ist und ebenso schmerzhaft sein kann. Wo üben wir Macht aus, obwohl wir eigentlich das Gute wollen? Wo sind wir durch unsere Gewohnheiten und Privilegien machtsensibel oder vielmehr machtunsensibel geworden?

Ein Beispiel dafür ist die Perikope aus Matthäus 9,1–8, in der Jesus einen Gelähmten heilt. Sie kennen die Geschichte: Ein Gelähmter will zu Jesus. Er hat vier Freunde, die ihn zu ihm bringen wollen. Aber da sind schon so viele Menschen, dass sie nicht hineinkommen. Dieses Bild hat mich sehr beschäftigt: Da sind Menschen, die bei Jesus sein wollen, die gute Motive und Pläne haben – und doch verwehren sie dem Gelähmten den Zugang zu Jesus. Derjenige, der es am nötigsten hat, bekommt keinen Zugang, weil diejenigen, die bei Jesus sein wollen, den Raum blockieren.

Hier geht es auch um Machtausübung. Denn diese Geschichte zwingt uns zu einer kritischen Selbstprüfung: Welche Bilder transportieren wir? Helfen wir wirklich – oder reproduzieren wir Abhängigkeiten? Welche Machtasymmetrien bleiben bestehen? Wo stehen wir mit unseren Gewohnheiten Menschen, die Jesus brauchen, im Wege? Wo bilden Strukturen und Sprache Ausgrenzung, ohne dass wir es eigentlich wollen?

Theologie ist niemals neutral. Sie ist immer kulturell, historisch und biografisch geprägt. Es gibt keine kulturfreie Theologie und auch kein kulturfreies Evangelium. 

Theologisch würden wir darauf antworten, dass die Macht bei Gott selbst liegt, wie es unser Text auch sagt.  Dazu hat in den 1950er Jahre der Begriff der missio Dei begründet: Nicht die Kirche hat eine Mission, sondern Kirche ist das Ergebnis von Gottes Mission. Gott ist das handelnde Subjekt. Gott selbst ist von seinem Wesen her missionarisch. Der Vater sendet den Sohn, und beide senden den Heiligen Geist (Joh 20,21).

Mission beginnt also nicht bei unserem Aktivismus, sondern bei Gottes Bewegung auf diese Welt zu. Nach dem Scheitern der Menschheit im Zweiten Weltkrieg und der Neuorientierung der Theologie war es unter anderem Karl Barth, der diesen Begriff neu prägte: die missio Dei. Gott ist das handelnde Subjekt der Geschichte – wir werden eingeklinkt in seine Mission ein. Das ist ein zentraler Unterschied.

„Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

In dieser Übersetzung von Martin Luther entsteht leicht der Eindruck, es handle sich um vier gleichrangige Imperative: Geht, macht, tauft, lehrt. Diese Lesart hat die kirchliche Missionspraxis über Jahrhunderte stark geprägt.

Ein genauer Blick in den griechischen Grundtext zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Dort stehen die Verben „gehen“, „lehren“ und „taufen“ nicht als eigenständige Imperative, sondern als Partizipien. Wörtlich heißt es daher: „indem ihr geht“, „indem ihr lehrt“, „indem ihr tauft“. Das eigentliche finite Verb im Imperativ ist allein das Verb „machet“ auf das alles hinausläuft. Nicht das Gehen an sich, nicht das Taufen als isolierter Akt und auch nicht das Lehren als bloße Wissensvermittlung stehen im Zentrum, sondern das Hineinführen in einen Prozess der Gemeinschaft und Nachfolge. Das Verb μαθητεύειν beschreibt dabei ein umfassendes Lehr- und Lebensverhältnis zwischen Jünger und Meister. Es meint nicht nur Wissensvermittlung, sondern einen Prozess, in dem Menschen sich dem Einfluss Jesu als Lehrer anvertrauen und diesem Einfluss in ihrem Glauben und Leben zunehmend Raum geben. In heutiger Sprache könnte man sagen: Werde Teil meiner Lerngemeinschaft.

Wir könnten Mt 28 auch so übersetzen: Indem ihr mit den Menschen in nah und fern unterwegs seid, euer Leben mit ihnen teilt, sie begleitet und sie tauft in der Autorität des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, werdet ihr Teil meiner Lerngemeinschaft.

Es geht um eine Haltung und dies hat der ehemalige Bischof von Aachen Klaus Hemmerle pointiert ausgedrückt:

Lass mich dich lernen,

dein Denken und Sprechen,

dein Fragen und Dasein,

damit ich daran

die Botschaft neu lernen kann,

die ich dir zu überliefern habe.

Mission erscheint damit nicht zuerst als Befehl zur Expansion, sondern als Einladung in Beziehung, Begleitung und eine gemeinsame Lerngemeinschaft. Gerade diese Lesart korrigiert viele Missverständnisse, die sich historisch um den Begriff „Missionsbefehl“ gelegt haben.

Die Lerngemeinschaft, von der hier die Rede ist, ist interkulturell und global; sie umfasst alle Völker („πάντα τὰ ἔθνη“), also alle Nationen. Im matthäischen Zusammenhang ist dabei eine spannende Dynamik zu beobachten: Während Jesu irdisches Wirken zunächst stark auf Israel konzentriert war (vgl. Mt 10,5f; 15,24), öffnet sich am Ende der Horizont universal. In diesem Sinne können wir dankbar sein für ökumenische Begegnungen und dafür, dass wir immer wieder Gäste aus unterschiedlichen Kontexten bei uns haben.

Die Konsequenz daraus ist eine „heilende Mission“, also eine Transformation hin zu einer Mission, die Wunden ernst nimmt, statt sie zu übergehen, die Macht reflektiert, statt sie zu verschleiern, und die Beziehungen heilt, statt Hierarchien zu stabilisieren. Dieses gemeinsame Unterwegssein mit den Völkern erleben wir heute auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Kirche ist im interreligiösen Dialog aktiv, und wir laden Menschen aus verschiedensten Ländern und kulturellen Kontexten in diese Lerngemeinschaft ein. Wenn wir dabei selbstkritisch auf uns schauen, wird deutlich: Auch unsere Synode könnte noch diverser und interkultureller werden.

Wenn wir heute über Missionsrichtungen sprechen, reden wir zunehmend von Multidirektionalität. In einer globalisierten Welt sind wir durch Handel, Migration und Digitalisierung interkulturell miteinander verbunden. Längst senden Länder wie Indien, Kenia oder Brasilien mehr Menschen nach Europa als umgekehrt. Stichwort „Reverse Mission“: Mission kehrt sich um bzw. kehrt zurück. Damit verschiebt sich das bisherige Verständnis von Mission grundlegend hin zu Beziehung und Gegenseitigkeit. Es geht nicht um die Abschaffung von Mission, sondern um ihre Transformation. Mission darf nicht länger heißen: „Wir bringen euch Gott“, sondern: „Wir begegnen einander in dem Raum, in dem Gott schon wirkt.“ Das bedeutet konkret: Zuhören statt Belehren, Dialog statt Einbahnstraße, Lernen statt Dominieren.

„Alle Völker“ sind in diesem Sinne nicht Objekte, sondern Subjekte. Sie bringen ihre eigene Geschichte, Spiritualität und Gotteserfahrung mit. Das verändert die Dynamik grundlegend: Die anderen sind nicht „unerreicht“, sondern Träger von Wahrheit, die uns fehlt. Glaube wird als gemeinsame, verkörperte Praxis verstanden, als geteilte Nachfolge. Mission wird so zu einer Bewegung, die heilend wirkt, statt kontrollierend.

Die zentrale Pointe lautet: Matthäus 28 ist kein Auftrag zur Ausbreitung von Macht, sondern eine Einladung zu einer Beziehung, in der wir lernen, dass Gott uns in den anderen bereits voraus ist. Die Frage ist nicht mehr: Wie erreichen wir die anderen? Sondern: Was haben wir noch nicht gehört, weil wir zu schnell denken, wir wüssten schon alles?

Damit wird Mission weniger als Aktion verstanden, sondern als Beziehung, Begleitung und gemeinsamer Lernweg. Sie ist nicht zuerst Veranstaltung, sondern Lebenspraxis. Seit etwa drei Jahrzehnten wird dies im Begriff der „missionalen Kirche“ gefasst – ein Versuch, Mission aus der missio Dei heraus zu denken und den Charakter des Hörens und Gehens zu betonen. Eine besondere Herausforderung für uns als Kirche. Deshalb verwenden wir heute häufig den Begriff „Kommunikation des Evangeliums“, etwa im Kontext des Reformprozesses und der sechs Grundaufgaben von Kirche. Oder, wie es Bischöfin Hofmann 2019 formuliert hat: „missionale Kirche sein“.

Doch was bedeutet das konkret – und wo stehen wir als EKKW heute, gut sechs Jahre später? Mission geschieht im Alltag: beim Essen, in Beziehungen, in gegenseitiger Fürsorge, in Gerechtigkeit und Solidarität. Kirche ist dort, wo sie sich zu den Menschen bewegt, wo sie unterwegs ist. Beispiele dafür finden sich in den Erfahrungen, die wir als EKKW etwa auf der Landesgartenschau gemacht haben. Kirche kam zu den Menschen. Kirche war ein Zelt. Und über 50.000 (!) Menschen haben sich einen Segen zusprechen lassen. Kirche bei den Menschen. Missional Kirche sein. 

Mission gehört zum Herzschlag kirchlicher Existenz. Die Frage ist: Wo müssen wir selbst wieder neu zu Lernenden werden? Wo verharren wir in alten Mustern und stehen uns damit selbst im Weg? Mission, Macht und kirchliches Handeln beinhalten immer auch einen mühsamen Verlernprozess. Deshalb müssen wir uns immer wieder selbst prüfen – als Kirche, als EKKW.

Aber wir müssen uns immer wieder den Puls fühlen. Schauen: Schlägt unser Herz noch? Der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel hat dies einmal zugespitzt formuliert: „Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus dieses Herzens bestimmen. Und Defizite in der missionarischen Tätigkeit würden sofort zu schweren Herzrhythmusstörungen führen.“

Mission gehört also zum Herzschlag christlicher Existenz – gerade im Blick auf die Transformation, in der wir stehen: innen durch Reformprozesse, außen durch Säkularisierung. Wir dürfen diesen Herzschlag Gottes nicht vergessen, sondern müssen ihn immer wieder in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen.

Denn wir sprechen heute über Matthäus 28 in einer völlig veränderten religiösen Landschaft. Die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) zeigt deutlich: 43 % der Menschen in Deutschland sind konfessionslos, nur noch 25 % katholisch und 23 % evangelisch. Gleichzeitig ordnen sich 57 % der Bevölkerung im unteren Bereich von Religiosität ein; viele verstehen sich ausdrücklich als nicht religiös. Klassische religiöse Praxisformen spielen für die Mehrheit kaum noch eine Rolle. Besonders auffällig ist: Auch alternative oder „spirituelle“ Formen von Religiosität nehmen nicht zu, sondern eher ab. Gleichzeitig verlieren traditionelle Orte religiöser Bildung – wie Konfirmation oder Religionsunterricht – deutlich an Prägekraft, besonders bei jüngeren Generationen.

Das bedeutet: Wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft, in der Menschen „irgendwie religiös“ sind und nur noch „erreicht“ werden müssen, sondern in einer Situation, in der Glaube für viele schlicht keine relevante Kategorie mehr ist.

Und genau hier wird die Frage von Mission neu spannend: Was bedeutet es, Menschen in eine Lerngemeinschaft einzuladen – in einer Welt, in der religiöse Sprache, Praxis und Erfahrung für viele fremd geworden sind? Oder anders gefragt: Wie klingt der Auftrag Jesu heute – mitten in einer Gesellschaft, die ihn kaum noch versteht? Was bedeutet dieser Text für uns als Synode, für die EKKW und für den Reformprozess, in dem wir stehen? Und vielleicht ist das eine der zentralsten Fragen: Wie verstehen wir Kirche heute?

Wenn wir heute über Mission sprechen, dann sprechen wir zugleich über die Zukunft von Kirche. Gerade im Reformprozess der EKKW wird deutlich, dass es nicht zuerst um Strukturen geht, sondern um eine grundlegende ekklesiologische Frage: Wozu ist Kirche da?

Die entscheidende Grundlage lautet: Kirche ist da, wo Kommunikation des Evangeliums geschieht (Evangelium teilen). Dieser Satz ist theologisch hoch verdichtet. Er verschiebt den Fokus weg von Gebäuden, Institutionen oder tradierten Formen hin zum eigentlichen Auftrag. Kirche ist nicht zuerst Selbstzweck. Sie ist kein System zur eigenen Bestandssicherung. Kirche entsteht dort, wo das Evangelium kommuniziert wird – in Wort, Beziehung, Handlung und gemeinschaftlicher Praxis, im gemeinsam feiern und Nächstenliebe teilen. Dabei ist dieser Auftrag dynamisch und unverfügbar. Kirche kann ihn nicht besitzen, kontrollieren oder technisch herstellen. Wie schon in der Missionslehre gilt auch hier: Nicht wir verfügen über Gottes Wirken, sondern wir stellen uns in einen Prozess hinein, der bereits von Gott eröffnet ist.

Das bedeutet für den Reformprozess: Die entscheidende Frage lautet nicht zuerst, welche Form erhalten bleibt, sondern wo und wie heute Kommunikation des Evangeliums geschieht. Diese Kommunikation geschieht dabei immer dreifach: mit den Menschen, in der Welt und als christliche Botschaft. Kirche spricht nicht über Menschen hinweg, sondern mit ihnen. Sie existiert nicht außerhalb gesellschaftlicher Realität, sondern mitten in ihr. Und sie bleibt dabei erkennbar christlich – geprägt von Hoffnung, Gnade, Gerechtigkeit und der Nachfolge Jesu.

Gerade in Zeiten von Vertrauensverlust, gesellschaftlicher Polarisierung und institutioneller Erschöpfung bedeutet das: Kirche muss ihre Präsenz neu vom Auftrag her denken. Daraus ergibt sich die Verständigung über die sechs Grundaufgaben kirchlichen Handelns. Diese sind nicht beliebig, sondern beschreiben den Kern dessen, was Kirche in jeder Reform bewahren muss: die Kommunikation der christlichen Botschaft, die öffentliche Stimme in der Gesellschaft, das Zusammenbringen von Menschen, die Begleitung von Menschen, die Hilfe für Menschen in Not und das Öffnen von Räumen. Kirche schafft physische, soziale und geistliche Räume, in denen Menschen fragen, suchen, zweifeln und hoffen können.

Dabei ist wichtig: Nicht jede Gemeinde, jeder Ort und jede kirchliche Form muss alle Aufgaben gleichermaßen abbilden. Gerade hier liegt eine zentrale Einsicht des Reformprozesses. Die Handlungsfelder sind kontextabhängig und veränderlich. Eine Innenstadtgemeinde, eine ländliche Region, ein digitaler Raum, eine Hochschulgemeinde oder ein diakonischer Ort werden unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Entscheidend ist nicht Gleichförmigkeit, sondern Treue zum Auftrag. Das entlastet. Reformprozess bedeutet deshalb nicht Verlust von Kirche, sondern Neuordnung vom Auftrag her. Oder anders gesagt: Nicht die Form ist heilig, sondern die Kommunikation des Evangeliums ist es.

Genau darin liegt die Verbindung zur missionstheologischen Perspektive: Kirche ist unterwegs mit Menschen, teilt Leben, begleitet, lädt ein und eröffnet Lernräume des Glaubens. Reform ist deshalb kein rein organisationstheoretischer Prozess, sondern ein geistlicher Akt. Die entscheidende Frage lautet: Wo wird durch uns heute Gottes gute Nachricht sichtbar, hörbar und erfahrbar?

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“

Und damit stehen wir am Ende dieses Textes – und vielleicht zugleich an seinem eigentlichen Anfang: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20). Denn dieser letzte Satz Jesu ist kein Anhängsel, keine fromme Beruhigung am Ende eines anspruchsvollen Auftrags. Er ist der Schlüssel zu allem, was davor gesagt wurde.

Die Zukunft der Kirche hängt nicht zuerst an unserer Kraft, unserer Strategie oder unserer Reformfähigkeit. Sie hängt an Seiner Gegenwart. „Ich bin bei euch“ – das ist keine Vertröstung, sondern eine Verheißung mitten im Alltag: in unseren Gemeinden, in unseren Konflikten, in unseren Reformprozessen, in unseren Zweifeln.

Gerade angesichts der Herausforderungen unserer Zeit – gesellschaftlicher Wandel, Vertrauensverlust, kirchliche Transformation – ist das entscheidend: Wir gehen nicht allein. Wir gestalten nicht aus eigener Vollmacht. Wir müssen nicht tragen, was uns überfordert.

Die Jünger, denen dieser Auftrag gegeben wird, sind keine Heldengestalten. Sie zweifeln. Sie sind verunsichert. Sie stehen zwischen Glaube und Angst. Und genau ihnen gilt diese Zusage – nicht den Starken, sondern den Suchenden, nicht den Perfekten, sondern den Fragenden.

Das heißt auch für uns: Kirche ist nicht zuerst die Gemeinschaft aller, die sich gewiss sind, sondern derer, die sich tragen lassen. Und vielleicht ist genau das die tiefste Korrektur unseres Missionsverständnisses: Wir bringen Christus nicht in die Welt – er ist längst da. Wir müssen ihn nicht verfügbar machen – er hat sich uns schon zugesagt. Wir sind nicht die, die beginnen – wir sind die, die antworten.

Diese Gegenwart ist nicht kontrollierbar. Sie entzieht sich unserer Verfügung. Und genau darin liegt ihre Kraft: Christus ist nicht an unsere Strukturen gebunden – aber er ist auch nicht ohne uns unterwegs.

So wird Mission neu verständlich: nicht als Ausbreitung, sondern als Mitgehen. Nicht als Leistung, sondern als Teilnahme. Nicht als Besitz, sondern als Beziehung.

Oder zugespitzt gesagt: Die Zukunft der Kirche entsteht nicht dort, wo wir alles richtig machen, sondern dort, wo wir darauf vertrauen, dass er schon da ist.

Und deshalb können wir gehen.
Deshalb können wir lernen.
Deshalb können wir loslassen.

Weil er bleibt.

Amen.

Liedvortrag: „Gott ist gegenwärtig“ – von Jelena Herder

Gruppenarbeit zur Anwendung – eigene Gedanken und/oder:

  1. Wenn „missionale Kirche“ – also Beziehung, Begleitung und gemeinsames Lernen – im Zentrum steht: Wie verändert das konkret unseren Reformprozess und unsere Prioritäten als Kirche?
  2. Wo erleben wir heute noch (bewusst oder unbewusst) asymmetrische Machtverhältnisse in unserer Praxis?
  3. Wo sehen wir im Alltag (Gemeinde, Diakonie, Nachbarschaft) konkrete Spuren von Gottes Wirken? Wie können wir diese Orte stärken, vernetzen und sichtbar machen – auch im Reformprozess?

Verwendete Literatur:

David Bosch. Transforming Mission. Orbis Publishing. 

Ulrich Luz, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, EKK, Bd.1/4 Das Evangelium nach Matthäus, MT 26-28: EKK I/4, Mt 26-28. Patmos Verlag, Neukirchener Verlag.

Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6), https://kmu.ekd.de, abgelesen am 15. März 2026.

Harvey Kwiyani. Decolonizing Mission, SCM Press

Lesslie Newbigin. The Gospel in a Pluralist Society. SPCK Classics.

Claudia Währisch-Oblau. Mission – geht’s noch?: Warum wir postkoloniale Perspektiven brauchen. Neukirchener Verlag.

Desmond Tutu. No Future Without. PRH Christian Publishing.

Link zur Bibelarbeit bei YouTube

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