„Hände zum Gebet falten ist der Anfang eines Aufstandes gegen die Unordnung der Welt.“ Zum 140. Geburtstag von Karl Barth

Theologie

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Heute vor 140 Jahren wurde der evangelische Theologe Karl Barth geboren. Und er ist nicht irgendein Theologe, sondern der evangelische Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, der die evangelische Theologie und Kirche maßgeblich geprägt und beeinflusst hat. Ihn zu beschreiben, ist fast unmöglich, denn er war eine außergewöhnliche Gestalt der Geschichte: Landpfarrer, Sozialist, Vertreter des kirchlichen Widerstands gegen die Nationalsozialisten (Mitautor der „Barmer Theologischen Erklärung“ 1934) und eben ein streitbarer Theologe. Seine „Wort-Gottes-Theologie“ war ein Skandalon in Zeiten des Kulturprotestantismus.

In meinem Studium war er für mich die Brücke in die wissenschaftliche Theologie, und ich habe ihn mit großer Begeisterung gelesen. Ich habe mich an seiner Offenbarungstheologie abgearbeitet und dabei immer mehr den „alten“ Karl Barth lieben gelernt. Besonders beeinflusst hat mich sein Vortrag „Der Christ in der Gesellschaft“, auf den ich gerne eingehen möchte – weil er nicht nur für die damalige Zeit wichtig war oder mir neu die Augen dafür geöffnet hat, wie Glaube und Politik zusammenhängen, sondern weil er für unsere Zeit heute geradezu prophetisch ist.

Karl Barth hielt diese Rede 1919 auf der Tagung der religiös-sozialen Bewegung in Tambach (Thüringen). Der historische Kontext dieses Vortrags ist entscheidend für sein Verständnis: Europa lag nach dem Ersten Weltkrieg in Trümmern, das deutsche Kaiserreich war zusammengebrochen, politische Revolutionen erschütterten die Gesellschaft, und viele Menschen verloren ihr Vertrauen in die bisherigen kulturellen, politischen und theologischen Gewissheiten. Besonders prägend für Barth war die Erfahrung, dass zahlreiche liberale Theologen den Krieg nationalistisch unterstützt hatten. Dadurch geriet für ihn eine Theologie in die Krise, die Christentum und kulturellen Fortschritt zu eng miteinander verbunden hatte.

Vor diesem Hintergrund formulierte Barth in Tambach einen theologischen Neuansatz. Christlicher Glaube sei nicht bloß eine private oder innerliche Angelegenheit, sondern habe immer gesellschaftliche Relevanz. Christ:innen könnten sich nicht aus den politischen und sozialen Fragen ihrer Zeit zurückziehen. Gleichzeitig warnte Barth aber davor, christlichen Glauben mit politischen Programmen oder gesellschaftlichen Ideologien gleichzusetzen. Entscheidend sei vielmehr, dass Gottes Wirklichkeit alle menschlichen Ordnungen infrage stelle und relativiere.

Besonders wichtig ist dabei Barths Gedanke, dass keine gesellschaftliche Ordnung absolut gesetzt werden dürfe – weder der Staat noch der Kapitalismus, weder nationale Ideologien noch die Kirche selbst. Alle menschlichen Systeme stehen unter Gottes Gericht und dürfen deshalb niemals vergöttlicht werden. Damit kritisierte Barth sowohl nationalistische Selbstüberhöhungen als auch den Fortschrittsoptimismus seiner Zeit. Nach den Erfahrungen des Krieges hielt er die Vorstellung, menschliche Kultur oder Politik könnten aus eigener Kraft eine bessere Welt hervorbringen, für zutiefst fragwürdig.

Dennoch bedeutet dies für Barth keinen Rückzug aus gesellschaftlicher Verantwortung. Christ:innen sollen sich aktiv für Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität einsetzen. Sie sollen Missstände benennen und Verantwortung übernehmen, allerdings ohne zu glauben, sie könnten das Reich Gottes selbst herstellen. Genau darin liegt die Spannung seines Ansatzes: Christlicher Glaube führt zu gesellschaftlichem Engagement, bleibt aber zugleich kritisch gegenüber allen politischen Heilsversprechen. Christ:innen leben deshalb in einer Haltung verantwortlicher Distanz zur Gesellschaft – weder angepasst noch weltflüchtig.

Der Vortrag war damals deshalb so besonders, weil Barth mit ihm einen deutlichen Bruch mit dem liberalen Kulturprotestantismus vollzog. Er verband eine radikale Orientierung an Gott mit einer klaren gesellschaftlichen Verantwortung. Diese Verbindung wurde später prägend für die dialektische Theologie und bereitete indirekt auch den theologischen Widerstand gegen totalitäre Ideologien vor, wie er später etwa in der Barmer Theologischen Erklärung sichtbar wurde.

Auch heute hat die Tambacher Rede eine erstaunliche Aktualität. Barth erinnert daran, dass Kirche und Christentum niemals vollständig mit politischen Ideologien, nationalen Interessen oder gesellschaftlichen Mehrheiten verschmelzen dürfen. Zugleich macht er deutlich, dass Glaube immer öffentliche Konsequenzen hat und Fragen von Gerechtigkeit, Macht, Frieden und Verantwortung betrifft. Seine Kritik an menschlicher Selbstüberschätzung wirkt gerade angesichts von Klimakrise, politischen Polarisierungen und gesellschaftlichen Umbrüchen hochaktuell. Barth verbindet dabei gesellschaftliche Kritik mit einer Hoffnung, die nicht auf menschlichem Fortschritt allein beruht, sondern auf Gottes Zukunft. Gerade darin liegt bis heute die bleibende Kraft seines Vortrags „Der Christ in der Gesellschaft“.

Bild: Karl Barth auf dem Time Cover 1962

Hier die Tambacher Rede im Wortlaut.

Sehr schöner Vortrag über Leben & Theologie von Karl Barth von Thorsten Dietz.

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