Rezension: Aladin El-Mafaalani „Misstrauensgemeinschaften: Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien“

Kultur & Glaube

Ich habe an diesem sonnigen Pfingstwochenende das sehr spannende und empfehlenswerte Buch „Misstrauensgesellschaften“ von Aladin El-Mafaalani gelesen. Er beschreibt dort die zentrale Dynamik moderner Gesellschaften: Nicht nur Vertrauen, sondern auch Misstrauen gehört zu einer funktionierenden Demokratie (25ff). Beides braucht jedoch ein angemessenes Maß. Misstrauen kann produktiv sein, weil es aufmerksam macht, Gewohnheiten hinterfragt und Missstände aufdeckt. Blindes Vertrauen dagegen kann ebenso gefährlich werden und Gesellschaften in den Abgrund führen. Genau dieses Gleichgewicht zwischen Vertrauen und Misstrauen, so El-Mafaalanis Diagnose, geht gegenwärtig zunehmend verloren.

Besonders multiple Krisen, gesellschaftliche Überforderung, Ausdifferenzierung und zunehmende Spezialisierung lässt ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Institutionen, Staat, Medien, Wissenschaft und Rechtssystem wachsen (37ff). Menschen erleben sich zunehmend entfremdet von gesellschaftlichen Zusammenhängen und ziehen sich innerlich oder äußerlich aus der Zivilgesellschaft zurück.

Das Spannende an El-Mafaalanis Analyse ist die Beobachtung, dass Misstrauen nicht nur trennt, sondern auch neue Gemeinschaften hervorbringt. Menschen suchen Alternativen zu dem, was sie nicht mehr für vertrauenswürdig halten (57ff): alternative Medien, alternative Fakten, alternative Medizin, alternatives Geld oder alternative politische Parteien. Aus gemeinsamem Misstrauen entsteht plötzlich ein neues Vertrauen – allerdings nicht in Institutionen, sondern unter denen, die gemeinsam misstrauen. El-Mafaalani spricht deshalb von einer „Vergemeinschaftung der Misstrauenden“ (71).

Diese Gemeinschaften sind nicht unbedingt ideologisch homogen. Ihr verbindendes Element ist vielmehr ein gemeinsames Gefühl des Zweifelns und der Ablehnung gegenüber etablierten Institutionen. Entscheidend ist das „Wir-Gefühl der Misstrauensgemeinschaft“ (78). Gerade soziale Medien verstärken diese Dynamik erheblich, weil sie Resonanzräume schaffen, in denen sich Misstrauen gegenseitig bestätigt.

Die Stärke des Buches liegt darin, Misstrauen nicht vorschnell moralisch abzuwerten. El-Mafaalani zeigt nachvollziehbar, dass Misstrauen oft aus realen Erfahrungen von Kontrollverlust, Nichtbeachtung und Entfremdung entsteht. Sein Buch ist deshalb weniger eine kulturpessimistische Diagnose als eine Warnung: Demokratien leben von gemeinsamen Vertrauensräumen. Wenn diese zerbrechen, wird Misstrauen selbst zum sozialen Kitt – mit weitreichenden Folgen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Verständigung. Nach dem Lesen habe ich mich gefragt: Welche Aufgabe hat Kirche darin? Als explizite Akteurin des Gemeinwesens und in ihrem öffentlichen Auftrag Menschen einen vertrauensvollen Begegnungsort zu geben. Gerade an heute an Pfingsten scheint mir dies sehr passend zu sein….

No Comments Yet.

Leave a comment