Rezension: Volker Weiß: “Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart.”

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Am Wochenende habe ich Volker Weiß interessantes Buch über den zuletzt wieder verstärkt diskutierten Begriff des Katechon gelesen. Weiß rekonstruiert, wie dieser doch eher rätselhafte Begriff aus dem zweiten Thessalonischerbrief 2,6–7 – der „Aufhalter“ (griechisch τὸ κατέχον) – in der Gegenwart zu einem Deutungs- und Kampfbegriff der Neuen Rechten geworden ist. Ursprünglich bezeichnet der Begriff jene Macht, die das endzeitliche Böse und den Antichristen noch zurückhält, so schreibt Paulus: „Und jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweggetan werden.“ Gerade diese Unbestimmtheit machte ihn wirkungsgeschichtlich so attraktiv: In der Auslegungsgeschichte wurde der Katechon mit dem Römischen Reich, dem Kaiser, dem christlichen Staat, Europa, Russland oder auch einer vermeintlichen Ordnungsmacht identifiziert. Heute wird er teilweise auf politische Akteure oder technologische Eliten übertragen. Zuletzt war es vor allem Peter Thiel, der den Begriff in Interviews und Essays wieder aufgriff und ihm neue Aufmerksamkeit verschaffte. Da Thiel zu den einflussreichsten Tech-Milliardären der Welt gehört und mit J. D. Vance einen politischen Verbündeten bis ins Weiße Haus gebracht hat, erlebte der Begriff, der bislang vor allem theologischen Spezialisten bekannt war, eine überraschende öffentliche Renaissance. Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur die Wiederkehr eines fast vergessenen theologischen Konzepts, sondern auch seine neue politische Sprengkraft. Denn der Katechon ist bis heute ebenso geheimnisvoll wie vieldeutig – und gerade deshalb entfaltet er eine besondere Faszination in der öffentlichen Debatte. 

Und um es gleich vorwegzunehmen: Volker Weiß – Journalist der Süddeutschen Zeitung – schreibt kein theologisches Buch, sondern ein ideengeschichtliches und vor allem politisches. Sein Interesse gilt der „Karriere des Katechon“ als politischem Deutungs- und Kampfbegriff. Das macht er klug, kenntnisreich und ausgesprochen lesenswert. Gleichzeitig liegt hier auch die größte Schwäche des Buches: Weil Weiß die theologische Dimension weitgehend ausblendet, bleibt ausgerechnet das unterbelichtet, worum es beim Katechon im Kern geht – um das spannungsreiche Verhältnis von Theologie und Politik, der Apokalypse und dem Antichristen. Aber der Reihe nach.

Die Stärke des Buches liegt darin, die politische Wiederverzauberung offenzulegen. Weiß zeigt, dass der Katechon heute nicht einfach harmlos als religiöse Metapher verwendet wird, sondern autoritäre Politik legitimieren kann: Wer sich selbst als „Aufhalter“ gegen Chaos, Liberalismus, Migration, Globalisierung oder „Verfall der westlichen Welt“ inszeniert, verschiebt Politik in ein apokalyptisches Freund-Feind-Schema. Damit knüpft Weiß überzeugend an Carl Schmitt an, dessen Denken zwischen politischer Theologie, Ausnahmezustand und Souveränitätsfantasie bis heute in rechten Milieus wirkt. Der Politikwissenschaftler Felix Heidenreich ergänzt in seinen Studien zu Recht auf die Wichtigkeit von Schmitts Verständnis vom Katechon. Es lohnt also ein genauerer Blick auf das Verständnis von Carl Schmitt, dem vielleicht wichtigsten (rechten) Staatsrechtler des 20. Jahrhunderts. Für Schmitt ist der Katechon längst kein exegetischer Begriff mehr, sondern ein politisches Ordnungsprinzip. Seine Grundfrage lautet: Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn sie von Chaos, Revolution und Auflösung bedroht ist? Der Katechon wird bei ihm zur Macht, die den Zerfall der politischen Ordnung aufhält und dadurch Geschichte überhaupt erst ermöglicht. Der Staat erhält damit eine nahezu heilsgeschichtliche Funktion: Er bewahrt die Welt vor dem Chaos und verzögert das endgültige Ende. Kein Wunder also, dass Schmitt den Liberalismus, Parlamentarismus und Universalismus skeptisch sieht – sie erscheinen ihm als Kräfte, die politische Einheit auflösen. Der souveräne Staat hingegen wird zum „Aufhalter“, der Ordnung gegen Anarchie verteidigt. Felix Heidenreich weist jedoch zu Recht auf die Ambivalenz dieses Denkens hin. Schmitt preist einerseits Form, Ordnung und Stabilität, erhebt andererseits aber den souveränen Entscheider über Recht und Gesetz. Dadurch bleibt unklar, ob Schmitt politische Theologie lediglich beschreibt oder selbst betreibt. Gerade diese schillernde Unentschiedenheit erklärt bis heute seine enorme Wirkungsgeschichte. Genau hier liegt auch die eigentliche Pointe: Volker Weiß zeigt überzeugend, wie die Neue Rechte den Katechon als politischen Kampfbegriff wiederentdeckt hat. Weniger fragt er jedoch danach, warum gerade dieser biblische Begriff eine solche Anziehungskraft entfaltet. Seine Attraktivität liegt meinem Verständnis darin, dass er eine der ältesten politischen Fragen überhaupt beantwortet: Wer oder was hält die Welt zusammen, wenn ihre Ordnungen zerbrechen? Carl Schmitt beantwortet diese Frage mit dem starken Staat und dem souveränen Entscheider. Das Neue Testament verweigert jedoch genau diese Identifikation. Paulus nennt den Katechon bewusst nicht. Seine Anonymität schützt den Begriff vor jeder politischen Vereinnahmung. Schmitt macht aus dieser offenen, apokalyptischen Figur ein politisches Prinzip – und genau darin liegt der entscheidende Schritt von der Exegese zur politischen Theologie und zugleich der Grund, warum der Katechon bis heute eine so große politische Sprengkraft besitzt. Deshalb interpretiert Weiß in seiner Darstellung den Katechonbegriff als politisches Symptom gegenwärtiger Krisendeutung. In Zeiten multipler Verunsicherung wächst die Sehnsucht nach einer Instanz, die „noch aufhält“: Demokratie erscheint dann nicht mehr als mühsame Praxis gemeinsamer Freiheit, sondern als zu schwach gegenüber dem vermeintlichen Chaos. Der Katechon wird zur Chiffre einer autoritären Erlösungssehnsucht.

Im letzten Kapitel nimmt Weiß dann die aktuelle Debatte rund um Peter Thiel auf, der wiederum nimmt die Gedanken von Schmitt auf und aktualisiert den Katechon für das 21. Jahrhundert. Die eigentliche Bedrohung sieht er nicht in Atomkrieg, KI oder Biowaffen, sondern in der politischen Reaktion auf diese Krisen. Aus der Angst vor dem Weltuntergang wachse der Ruf nach einer globalen Ordnungsmacht, die Frieden und Sicherheit verspreche. Genau diese Weltregierung identifiziert Thiel mit dem Antichristen. Seine Formel lautet deshalb nicht „Armageddon oder Frieden“, sondern „Antichrist oder Armageddon“: Die Furcht vor der Katastrophe könne Menschen dazu verleiten, eine totalitäre Weltordnung als Rettung zu akzeptieren. Damit wird der Katechon bei Thiel zur Chiffre für den Widerstand gegen jede Form globaler, zentralisierter Herrschaft wie EU oder UN. Thiel sagt zu dieser Vorstellung: „Die christliche Intuition, die ich habe, ist: Ich will nicht den Antichristen, ich will kein Armageddon. Ich möchte einen schmalen Weg genau dazwischen finden, auf dem wir beides vermeiden.“ 

Dass man dies alles auch anders verstehen kann, zeigt ein Blick auf Dietrich Bonhoeffer und sein Verständnis vom Katechon. Der Theologe Martin Berger zeigt, dass Bonhoeffer den Katechon nur an einer Stelle ausdrücklich aufgreift, ihm aber in seiner Geschichtstheologie dennoch großes Gewicht gibt. Bonhoeffer kann den „Aufhaltenden“ als weltliche, nicht schuldlose, aber von Gott gebrauchte Macht verstehen, die dem Zerfall widersteht. Im Kontext seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus erhält das eine andere Bedeutung als bei Schmitt: Nicht autoritäre Herrschaft wird sakralisiert, sondern eine begrenzende, widerständige Kraft gegen Unrecht benannt. Das zeigt, dass der Katechon ist nicht automatisch rechts verstanden werden muss. Aber er ist gefährlich anschlussfähig, sobald er politisch identifiziert wird: mit einem Staat, einer Nation, einem Führer, einer Zivilisation oder einer religiös aufgeladenen Ordnungsmacht. 

Weiß’ Buch ist daher besonders stark als Warnung vor einer neuen politischen Theologie von rechts. Es zeigt, wie apokalyptische Begriffe säkularisiert, politisiert und strategisch reaktiviert werden. Seine Grenze liegt dort, wo die theologische Binnenkomplexität des Katechon-Motivs stärker hätte entfaltet werden können: katholische Staats- und Ordnungstheologie, Bonhoeffer oder eine jüdisch-christliche Apokalyptik (kommen am Schlusskapitel mit jeweils einem Satz vor) zeigen, dass der Begriff nicht nur eine rechte Chiffre ist, sondern ein umkämpftes Deutungsfeld.

Als Rezension lässt sich deshalb sagen: Volker Weiß legt ein notwendiges Buch vor. Es entlarvt den Katechon als Sehnsuchtsfigur autoritärer Gegenwartspolitik. Wer aber theologisch weiterfragt, muss ergänzen: Gerade weil der Begriff biblisch, geschichtlich wandelbar und politisch gefährlich ist, darf er nicht den neuen Rechten überlassen werden. Eine demokratische Theologie müsste nicht nach dem starken Aufhalter fragen, sondern nach den Kräften, die Recht, Menschenwürde und Frieden schützen, ohne sich selbst apokalyptisch zu überhöhen.

Neben dem Buch von Weiß sind folgende Texte in die Rezension eingeflossen und zur weiteren Vertiefung empfohlen:

Martin Berger, „Die Katechon Vorstellung 2. Kor 2.6f. Dietrich Bonhoeffers Interpretation im Kontext der Rezeptionsgeschichte.“ Protokolle zur Bibel, Jg. 1996 Heft 1.

Jürgen Manemann. (2025). “Herrschaft in Permanenz – Zur Katechontik Peter Thiels und Carl Schmitts.” Philosophie InDebate.

Felix Heidenreich. „Wiederkehr der Monstren. Carl Schmitt als Theoretiker der Gegenwart.“ Politische Vierteljahresschrift (2023) 64:401–405.

Wolfgang Palaver. “Hobbes and the Katéchon: The Secularization of Sacrificial Christianity.” Contagion: Journal of Violence, Mimesis, and Culture, 2 (1995), 57–74.

Fritz W. Röcker. „Belial und Katechon. Eine Untersuchung zu 2Thess 2,1-12 und 1Thess 4,13-5,11.“ Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 2. Reihe (WUNT II). Mohr Siebeck.

Nikolaus Wandinger. “Discussing the Antichrist and Katechon in Innsbruck with Peter Thiel.“

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