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Um es gleich vorwegzusagen: Michael Roth hat mit seinem Buch Die Bibel als Gefahr für die Ethik ein Werk vorgelegt, das deutlich weniger reißerisch ist als sein Titel, hilfreiche Differenzierungen bietet – und am Ende doch eine falsche Schlussfolgerung zieht. Aber der Reihe nach.
Wo Michael Roth Recht hat – und trotzdem sein Ziel verfehlt
Roth beobachtet – vor allem in EKD-Texten (am Beispiel der Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“), in Debatten rund um die Öffentliche Theologie (besonders kritisch sieht er Bedford-Strohm), aber auch in ethischen Lehrbüchern (Härle, Huizing etc.) –, dass biblische Texte häufig instrumentell eingesetzt werden. Sein Vorwurf ist so einfach wie einleuchtend: Ethiker:innen haben eine bestimmte Meinung, suchen sich die passenden Bibeltexte und verfügen damit scheinbar über einen ethischen Begründungszusammenhang. Diese Kritik ist ebenso notwendig wie berechtigt.
Seine bewusst provokative Grundthese lautet deshlab, dass die Bibel nicht an sich eine Gefahr für die Ethik darstellt, wohl aber ihr unreflektierter Gebrauch in ethischen Debatten. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Beobachtung, dass insbesondere in kirchlichen Diskursen bei kontroversen ethischen Fragen – etwa in der Sexualethik, Bioethik oder Friedensethik – Bibelstellen häufig als unmittelbare Autoritätsbeweise eingesetzt werden. Die implizite Logik lautet dann: „Die Bibel sagt X, also ist X richtig.“
Für Roth ist dies problematisch, weil ethische Begründung dadurch durch einen bloßen Verweis auf Autorität ersetzt wird. Bibelzitate beenden in solchen Fällen nicht selten Diskussionen, anstatt sie zu eröffnen, und sakralisieren die eigene Position in einer Weise, die Widerspruch erschwert. So wird die Bibel zur Gefahr für die Ethik, weil sie Ethik ersetzt – sie behauptet und begründet nicht. Hier setzt sein hermeneutisches Hauptargument an: Niemand liest die Bibel voraussetzungslos. Jede Lektüre ist geprägt von Tradition, theologischen Vorannahmen, kulturellen Prägungen und ethischen Grundentscheidungen. Roth formuliert zugespitzt, dass wir nicht zuerst die Bibel lesen und daraus Ethik gewinnen, sondern die Bibel bereits mit ethischen Vorannahmen lesen. Das ist gut, richtig und dem ist selbstredend zuzustimmen. Sichtbar wird dies etwa daran, dass Christinnen und Christen bestimmte biblische Gebote weiterhin für verbindlich halten, andere dagegen nicht. Warum gelten Speisegebote oder Aussagen über Sklavengehorsam in der Regel nicht mehr als normativ, bestimmte sexualethische Aussagen dagegen oft schon? Die Bibel ist, so Roth, kein homogenes Normensystem und auch kein systematisches Ethiklehrbuch, sondern ein Kanon vielfältiger Stimmen, Texte und Traditionen, die über Jahrhunderte hinweg entstanden sind und teilweise in deutlicher Spannung zueinander stehen. Mit der Bibel wurden historisch höchst unterschiedliche Positionen legitimiert: Sklaverei ebenso wie Befreiung, patriarchale Ordnungen ebenso wie Gleichheit, Gewalt ebenso wie Gewaltlosigkeit. Bereits diese Beispiele zeigen, dass ethische Vorentscheidungen die Bibelauslegung mitprägen. Vor diesem Hintergrund betont Roth, dass Ethik rationale Rechtfertigung braucht. Ethische Urteile müssen argumentativ nachvollziehbar sein und sich Fragen stellen wie: Warum ist etwas gut? Für wen ist es gerecht? Welche Folgen hat ein bestimmtes Handeln? Ist die Position auch im öffentlichen Diskurs plausibel? Ein bloßer Verweis auf göttliche Offenbarung reicht dafür nicht aus, insbesondere in einer pluralen Gesellschaft. Also kommt Roth zu dem Ergebnis: Vernunft vor Bibel und begründet dies wesentlich mit zwei Thesen:
a) Die biblischen Texte können nicht als ethische Ratgeber fungieren, weil sie viel zu viel historischen Abstand zu unseren Fragen und Herausforderungen haben.
b) Biblische Texte bilden auch in der theologischen Ethik keine Argumente ersetzen oder Begründungshorizont unserer Urteil sein. Eine solche Ableitung ethischer Urteile aus religiösen Grundlagen widerspricht nicht nur dem Geist der modernen Ethik und ihrer Autonomie; sie wird auch dem reformatorischen Schriftverständnis nicht gerecht.
Und jetzt wird es in der Tat interessant und durchaus kontrovers. Kleiner Funfact am Rande: Roth hat das Buch geschrieben, was viele konservative Kritiker in Wege zur Liebe von Thorsten Dietz und mir hineingelesen haben. Seine Argumentation unterscheidet sich jedoch wesentlich von unserem ethischen Ansatz – gerade und besonders im Blick auf den Gebrauch der Bibel. Aber was bedeutet Roths Ansatz jetzt konkret? Und was sehen wir anders?
Für Roth bedeutet es nicht, dass biblische Traditionen für ethische Reflexion irrelevant wären. Vielmehr prägt der Glaube moralische Wahrnehmung, ersetzt aber keine vernünftige Argumentation. Weil Roth die Vernunft (oder modern: verschiedene Rationalitäten) letztlich vor die Bibel stellt, verschiebt er jedoch deren Funktion. Die Bibel liefert seiner Ansicht nach nicht primär fertige Lösungen für moderne ethische Konflikte und auch keine unmittelbaren Handlungsanweisungen. Ihre eigentliche Stärke liegt vielmehr darin, Wahrnehmung zu schulen, Sensibilität zu fördern und moralische Imagination zu formen. Die Bibel eröffnet Perspektiven auf Macht, Gerechtigkeit, Schwäche, Hoffnung und Verantwortung. Sie lehrt etwa den Blick auf Marginalisierte, kritisiert Herrschaft und öffnet Räume der Hoffnung gegen Fatalismus. Nach der ethischen Entscheidung bleibt dem Ethiker bzw. der Ethikerin nach Roth im Wesentlichen, diese Entscheidung nachträglich im Horizont des historischen Christentums zu plausibilisieren. Die entscheidende Frage lautet für Roth deshalb weniger: „Was sagt die Bibel zu Thema X?“, sondern vielmehr: „Wie prägt die biblische Tradition unseren Blick auf Thema X?“
Und hier springt Roth meiner Meinung nach zu kurz. Denn er zieht aus seiner durchaus hilfreichen Analyse die falsche Konsequenz, indem er die Vernunft an die Stelle einer vernünftigen Hermeneutik setzt. Jede vermeintlich rationale Argumentation ist in ihrer Erkenntnisform kontextabhängig. Roth räumt das grundsätzlich als selbstverständlich ein. Dass sich Vernunft irren kann, zeigt sich bekanntlich nirgends deutlicher als in den großen ethischen Entwürfen der Menschheitsgeschichte – man denke nur an Aristoteles oder Kant und deren Sicht auf Frauen oder Sklaven. Die philosophischen Traditionen der Ethik teilen die Herausforderungen der christlichen Ethik und ihrer Traditionen. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum die christliche Ethik auf die erhellende und orientierende Kraft biblischer Texte verzichten sollten. Worte wie „Schwerter zu Flugscharen“ oder das „Gebot der Nächstenliebe“ haben auch in der Moderne noch irritierende und orientierten Impulse gesetzt. Gerade weil das so ist, braucht es eine transparente Hermeneutik, die sowohl den historischen Kontext der biblischen Texte als auch unseren heutigen Kontext – einschließlich unserer Vernunft – reflektiert und so die historische Lücke schließt. Statt das Kind (die Bibel) mit dem Bade auszuschütten, braucht es einen hermeneutischen Umgang, der sich auch für Dritte nachvollziehen lässt. Entscheidend ist nicht der Verzicht auf die Bibel, sondern ihr sachgemäßer Gebrauch. Gerade das kontextuelle und hermeneutische Spannungsverhältnis von rationaler Argumente und biblischer Impulse – und nicht das Ausspielen beider Kategorien gegeneinander – hilft uns bei ethischen Entscheidungen.
Eine Alternative zu Roth muss also nicht hinter seine Kritik am unreflektierten Bibelgebrauch zurückfallen – im Gegenteil. Roth hat Recht: Die Bibel darf nicht als Autoritätsjoker verwendet werden, der ethische Urteilsbildung ersetzt. Wo einzelne Bibelstellen isoliert, geschichtslos und ohne hermeneutische Rechenschaft als direkte Antworten auf heutige Konflikte eingesetzt werden, wird die Bibel tatsächlich zur Gefahr für die Ethik. Die Alternative dazu kann jedoch nicht darin bestehen, die Bibel im Wesentlichen auf eine nachträgliche Rückbindung an das historische Christentum zu reduzieren und die eigentliche normative Entscheidung der Vernunft zu überlassen. Die These, dass biblische Texte die Autonomie ethischer Entscheidungen – wie wir sie seit der Neuzeit verstehen – grundsätzlich gefährden und daher weder legitimierende noch begründende Kraft besitzen können, erscheint als eine durchaus fragwürdige Konsequenz; oder, um es im Duktus des Buches zu sagen: ist nicht zwingend vernünftig. Denn auch die Vernunft ist nicht voraussetzungslos – wie Roth selbst im Anschluss an Wilfried Härle und Eilert Herms plausibel darstellt. Sie ist geschichtlich, kulturell, sozial und biografisch geprägt. Deshalb muss auch sie ebenso hermeneutisch reflektiert werden wie der Umgang mit der Bibel.
Genau hier setzt unsere transformative Ethik an. Sie versteht christliche Ethik nicht als einfachen Weg von der Bibel zur Norm, aber auch nicht als Weg von der autonomen Vernunft zur nachträglichen biblischen Illustration. Vielmehr bewegt sich ethische Urteilsbildung in einem Spannungsverhältnis von Karte und Gebiet: Die Bibel ist die grundlegende Orientierungskarte des christlichen Glaubens. Schon die Kirchen- und Theologiegeschichte zeigt, dass sie immer wieder neu in einem konkreten Gebiet gelesen wird – in bestimmten kulturellen, gesellschaftlichen, biografischen und historischen Kontexten. Wer nur auf die Karte schaut, ohne auch nur ihre Auslegungsgeschichte ernst zu nehmen, kann übersehen, dass sich Wege, Landschaften und Herausforderungen verändert haben. Wer nur auf das Gebiet schaut, verliert die orientierende Kraft der biblischen Geschichte. Ethische Urteilskraft entsteht deshalb dort, wo Karte und Gebiet wechselseitig aufeinander bezogen werden.
Eine solche Hermeneutik nimmt die Bibel ernst, ohne sie biblizistisch zu verkürzen. Die Bibel ist keine Gebrauchsanweisung für moderne Einzelfragen. Sie spricht nicht direkt über Algorithmen, Reproduktionsmedizin, Klimapolitik oder digitale Identität. Aber sie spricht sehr wohl über Schöpfung, Befreiung, Gerechtigkeit, Macht, Schuld, Versöhnung, Nächstenliebe, Freiheit und Hoffnung. Ihre normative Kraft liegt daher nicht nur in einzelnen Geboten, sondern in der großen biblischen Story: Schöpfung, Fall, Erwählung, Exodus, Bund, Tora, Prophetie, Jesus Christus, Reich Gottes, Geist und Hoffnung. Diese Story bildet den Horizont, in dem konkrete ethische Fragen gedeutet werden. Damit wird die Bibel weder über die Vernunft gestellt noch ihr untergeordnet. Vielmehr korrigieren und befragen sich biblische Texte und ihre Wirkungsgeschichte und heutige Weltwahrnehmung und ihre rationale Reflexion gegenseitig. Die Vernunft hilft, biblische Texte historisch, sprachlich, sozial und argumentativ zu verstehen. Sie prüft Folgen, klärt Begriffe, analysiert Situationen und macht ethische Urteile öffentlich nachvollziehbar. Die Bibel wiederum irritiert die Vernunft dort, wo diese sich mit den Selbstverständlichkeiten der jeweiligen Gegenwart identifiziert. Sie erinnert an Gottes Option für die Schwachen, an die Würde des Menschen als Geschöpf Gottes, an die Begrenzung menschlicher Macht, an die Kritik von Herrschaft und an die Hoffnung auf eine verwandelte Welt. Eine solche Alternative zu Roth könnte man als hermeneutisch-kontextuelle Ethik beschreiben. Wie erschließt sich eine ethische Frage im Zusammenspiel von biblischer Story, historischer Auslegung, gegenwärtigem Kontext, rationaler Begründung, gelebter Erfahrung und gemeinsamer Urteilsbildung? Dadurch wird ethische Reflexion zugleich biblisch, vernünftig, kontextsensibel und dialogisch. Die Bibel ist nicht Ersatz für Ethik, sondern Quelle, Korrektiv und Horizont ethischer Urteilsbildung. Die Vernunft ist nicht Gegnerin des Glaubens, sondern notwendiges Instrument der Auslegung, Prüfung und Verständigung. Erfahrung ist nicht bloß subjektiv, sondern ein Ort, an dem sichtbar wird, wie Normen wirken. Und der Kontext ist nicht Störfaktor, sondern der konkrete Raum, in dem Verantwortung wahrgenommen wird.
So verstanden geht transformative Ethik über Roth hinaus. Sie übernimmt seine Warnung vor einem unreflektierten, autoritären Bibelgebrauch, aber sie zieht daraus eine andere Konsequenz. Nicht die Reduktion der Bibel auf moralische Wahrnehmungsschulung ist nötig, sondern eine transparente Hermeneutik, die offenlegt, wie biblische Texte, theologische Grundüberzeugungen, vernünftige Argumente und konkrete Lebenssituationen miteinander ins Gespräch gebracht werden
Was bleibt? Eine Einordnung.
Roths Schlussfolgerungen sind in ihrer Analyse hilfreich und stellen eine deutliche Warnung vor fundamentalistischen Verkürzungen dar. Die größte Gefahr entsteht dort, wo die Berufung auf die Bibel zur Immunisierung gegen Kritik wird. Wenn Positionen mit dem Satz abgesichert werden: „Ich bin biblisch – du nicht“, endet echter ethischer Diskurs. Ein solcher Umgang mit der Schrift kann zu Moralismus, Autoritarismus und geistlichem Machtmissbrauch führen. Darin hat Roth Recht: Nicht die Bibel selbst entscheidet unmittelbar, sondern immer ihre Auslegung. Wer sich auf die Bibel beruft, beruft sich daher stets zugleich auf eine bestimmte Interpretation. Problematisch wird es jedoch dort, wo Roth aus dieser Einsicht die Konsequenz zieht, rationale Begründungskriterien zur primären normativen Instanz zu machen. Dadurch wird die Bibel als eigenständige Ressource moralischer Urteilsbildung deutlich geschwächt. Sie bleibt dann zwar Quelle moralischer Sensibilisierung, verliert jedoch ihre stärkere orientierende und normative Kraft für ethische Reflexion. Genau hier wird meines Erachtens eine wichtige Chance vergeben: die Bibel nicht gegen die Vernunft auszuspielen, sondern beide in ein reflektiertes hermeneutisches Wechselspiel zu bringen. Diese Chance lässt Roth ungenutzt. Und das ist mehr als schade.
Bei aller Eigenständigkeit ist Roths Entwurf theologiegeschichtlich klar verortet: Seine scharfe Kritik an Formen der Öffentlichen Theologie – insbesondere bei Bedford-Strohm und Dabrock – verortet ihn in der Tradition eines liberalen Protestantismus lutherischer Prägung, wie ihn Reiner Anselm in der Tradition Trutz Rendtorffs vertritt. Im Grunde lässt sich das Buch daher als eine Apologetik, ja als Überlegenheitsanspruch der liberaler Theologie am Beispiel der Ethik lesen. Gerade deshalb überrascht, wie wenig Roth würdigt, dass die hermeneutische Kernfrage – nämlich das Spannungsverhältnis von Bibel, Vernunft, Glaube und öffentlicher Rationalität – innerhalb der Öffentlichen Theologie selbst längst hoch differenziert verhandelt worden ist, etwa bei Meireis, Dabrock, Höhne oder von Oorschot. Gerade deshalb besteht weiterer Klärungsbedarf, und es wäre wichtig, diese Debatten intensiver, breiter und differenzierter im Kontext von Theologie und Kirche weiterzuführen.
Hier eine Zusammenfassung von Michael Roth von seinem Buch.
Wer mal reinlesen möchte, hier die Einleitung des Buches.
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