“Love Under Construction” Oder: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe (1. Kor. 16,14). – Die Jahreslosung 2024 zwischen Utopie und Alltagsgeschehen.

Theologie

 

Diese Jahreslosung ist eine Provokation und strotzt auf den ersten Blick nur so von Idealismus und Utopie, meint es jedoch anscheinend ernst. Sehr ernst. Denn sie spricht mitten hinein in die Spannungen und Polarisierungen unserer Zeit, in all die Irritationen und Vereinnahmungen, die uns täglich prägen und herausfordern. In all die moralischen Konflikte der Gegenwart, die so viel Sprengkraft besitzen. In all die Diskussionen und Streitigkeiten in unseren Familien, Arbeitsplätzen sowie in unseren Kirchen und Gemeinden hinein. Dabei wird vor allem in den sozialen Medien der Umgangston deutlich rauer und unbarmherziger, und es wird über Theologie und Ethik, Geschlechterrollen und Familienbilder, religiöse und politische Zugehörigkeiten diskutiert und geurteilt. Und hier spricht sie also rein, unsere Jahreslosung, und hinterfragt jeden einzelnen unserer Sätze und Posts und fragt provokant: „Hast du es aus Liebe getan?“ Es wird schon deutlich, dass es hier nicht um eine romantisierende oder gar kitschige Liebe geht, sondern um eine existenzielle Liebe. Eine Liebe, die die Macht und Kraft hat, alles zu verändern. Und alles heißt alles. Wirklich? Geht das? Aber der Reihe nach. Ich möchte mir etwas Zeit nehmen, um die Jahreslosung in ihrem Kontext und im gesamtbiblischen Zusammenhang genauer anzuschauen und erst dann zu fragen: Was hat sie uns heute zu sagen?

 

1. “Kontext matters” – Korinth und die Liebe

Zunächst möchte ich mir die Stadt Korinth in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts anschauen, um dann auf die Situation der Gemeinde einzugehen.

Kurze Geschichte der Stadt Korinth

Schauen wir kurz auf die Geschichte einer faszinierenden Metropole, die zur Zeit des Korintherbriefes ihre Hauptblütezeit schon hinter sich hatte. Der Aufstieg Athens zur führenden Handels- und Seemacht veranlasste Korinth, sich im Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) auf die Seite Spartas zu stellen. Nach der Niederlage Athens verbündeten sich die Korinther mit den Athenern und kämpften im Korinthischen Krieg (395-386 v. Chr.) gegen Sparta. 338 v. Chr. wurde Korinth von den Makedoniern unter Philipp II. besetzt. 224 v. Chr. trat die Stadt dem Achaiischen Bund bei und wurde bald eines seiner führenden Mitglieder. Nach der Auflösung des Bündnisses durch die Römer im Jahr 146 v. Chr. zerstörte ein römisches Heer Korinth. Caesar ließ die Stadt um 44 v. Chr. wieder aufbauen. Als Hauptstadt der römischen Provinz Achaia erlebte sie eine neuerliche Blüte, bis sie schließlich durch die Goten unter Alarich im Jahr 395 erobert und verwüstet wurde.

Die christliche Gemeinde in Korinth

Die Gemeinde in Korinth wurde Anfang der 50er-Jahre durch Paulus gegründet, der insgesamt 18 Monate in Korinth verweilte, was für ihn eine bemerkenswert lange Zeit war. Das Verhältnis von Paulus zu den Korinthern war sehr intensiv. Es gab insgesamt mindestens vier Briefe an die Korinther, also einen recht regen Schriftwechsel. Zwei davon haben wir heute, und aus ihnen wird deutlich, dass es noch zwei weitere gab, auf die sich diese Briefe beziehen: ein unbekannter Brief (1. Kor 5, 9ff), der 1. Korintherbrief, dann wieder ein unbekannter Brief (2. Kor 2,3-4 + 7,8), und schließlich der 2. Korintherbrief. Dazu kamen mindestens zwei Besuche von Paulus. Korinth war eine berühmte Hafenstadt, die ihre große kulturelle und ökonomische Bedeutung zu der Zeit langsam verlor. Trotzdem war Korinth ein Knotenpunkt für Handelsware aus aller Welt. Schiffe aus aller Herren Länder brachten verschiedene kulturelle und religiöse Praktiken nach Korinth. Bei Ausgrabungen entdeckte man Tausende von Tempeln und religiöse Opferschreine, die den religiösen Pluralismus der damaligen Zeit belegen. Höhepunkt war sicherlich der große Tempel auf der Akropolis (Akrokorinth), der der Aphrodite gewidmet war.

Kirche in Spannungsfeldern

Mitten in diesem Siedepunkt der Kulturen lebte die christliche Gemeinde, die aus Juden- und Heidenchristen bestand und sich in verschiedene Hausgemeinden in Korinth aufteilte, die sich in den unterschiedlichen Milieus der Stadt befanden. Die Gemeinde spiegelte die soziale Vielfalt und die damit verbundenen Spannungen wider. Es gab reiche Hausbesitzer (1. Kor 1, 11), bei denen sich die Gemeinde traf, und Sklaven (7,21), die kaum Rechte, geschweige denn Grundbesitz hatten. Überhaupt gab es viele eher ungebildete Christinnen und Christen (1,26), die sich untereinander in ihrem Milieu (wahrscheinlich in der Hafengegend) trafen. Dann kamen alle “Hausgemeinden” in den großen Häusern der “Reichen” zusammen (11,22). Dort traten die Konflikte der verschiedenen Lebensstile offen zu Tage, es gab ethische Probleme (Rechtsangelegenheiten, unterschiedliche Ehevorstellungen, Speisevorschriften, Götzendienst, unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit oder sexuelle Unmoral) sowie Probleme bei gottesdienstlichen Abläufen. Die Reichen aßen vor dem Abendmahl ordentlich und tranken, sodass einige schon betrunken kamen, während die Armen hungrig waren und nichts hatten (11,21-22), oder es gab Uneinigkeit im Umgang mit Geistesgaben.

Die Korinther und die Sexualethik

Gerade der Umgang mit Sexualität war in der Gemeinde in Korinth problematisch und wurde heiß diskutiert. Es gab Verheiratete, die aus asketischen Gründen nicht miteinander schliefen (1. Kor 7,1-6), während andere nichts dabei fanden, auch als Christen zu Prostituierten zu gehen (1. Kor 6,13) und nichts dagegen einzuwenden hatten, dass einer von ihnen ein Verhältnis mit seiner Stiefmutter hatte (1. Kor 5,1f.). Ihre Parole war “Alles ist (mir) erlaubt!” – aber, so ergänzte Paulus: “Es dient nicht alles zum Guten” (1. Kor 6,12; 10,23). Dazu kam die unterschiedliche religiöse Sozialisation: Es gab Juden, die Christen wurden (und das Halten des jüdischen Gesetzes für alle einforderten), Heiden, die Christen wurden (und mit den ganzen jüdischen Gesetzen nicht viel anfangen konnten, da sie ohne Probleme das den Götzen geweihte Fleisch aßen), und die Proselyten (Heiden, die Juden wurden und dann Christen, also beide Seiten kannten, aber im Gegensatz zu den Heidenchristen “beschnitten” waren). Dies führte zusätzlich zu Konflikten, sodass Paulus sich gezwungen sah, ausführlich zu beschreiben, wie das Miteinander in diesem Durcheinander möglich ist (die bekannten Kapitel über “Starke & Schwache” in den Kapiteln 8+10). Dabei betonte Paulus neben der gegenseitigen Rücksichtnahme besonders zwei Gemeinsamkeiten, zum einen den Mittelpunkt des Glaubens, das Kreuz Christi (1. Kor 1,18ff; 3,11), und zum anderen die Gleichstellung vor Gott trotz aller Unterschiedlichkeiten (4,9ff; 12,1ff). Denn, so Paulus, am Ende zählt nicht die Weisheit, nicht die Erkenntnis, nicht die Wahrheit. Am Ende zählt die Liebe (1Kor 1,18-31). Denn: “Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf” (1Kor 8,1). Gegen Ende des 1. Korintherbriefes kommt in Kapitel 13 der große Hymnus auf die Liebe, die alles übersteigt und die Erkenntnis, die Freigiebigkeit, die Geistesgaben hinter sich lässt. Nur Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe (1. Kor 13). Der Brief endet dann mit dem letzten Vers, den Paulus an die Gemeinde schreibt: “Meine Liebe ist bei euch in allen, in Christus Jesus” (1Kor 16,24).

 

Wir können also festhalten, dass der Kontext der Jahreslosung dem heutigen Kontext durchaus ähnlich ist, besonders was die aufgeheizten sozialen, sexualethischen und theologischen Debatten und Konflikte angeht. Mitten in diesen Konflikten stellt Paulus die Liebe heraus, die über allem steht und alles verändert.

 

 

2. Einige exegetische Beobachtungen

Nachdem wir uns den Kontext des ersten Korintherbriefes etwas angeschaut haben, möchte ich noch einen exegetischen Blick auf unsere Jahreslosung werfen. Im Griechischen sieht sie so aus: “πάντα ὑμῶν ἐν ἀγάπῃ γινέσθω”.

Die verschiedenen Übersetzungen gehen dann alle in eine Richtung, haben aber kleine Unterschiede. Hier sind einige Beispiele:

  • Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. (Einheitsübersetzung)
  • Lasst euch in allem, was ihr tut, von der Liebe bestimmen. (Neue Genfer)
  • Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen. (Luther 2017)
  • Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein. (Gute Nachricht)
  • Bei allem, was ihr tut, lasst euch von der Liebe leiten. (Hoffnung für alle)
  • Alles bei euch geschehe in Liebe! (Elberfelder)
  • Lasst alles bei euch in Liebe geschehen! (Schlachter)
  • Egal was ihr macht, Hauptsache, euer Grundmotiv ist die Liebe! (Volxbibel)
  • Let all your things be done with charity. (King James Version)

Die Einbettung des Textes in die Verse im Abschnitt rund um die Jahreslosung wird in den meisten Bibeln mit „Abschließende Mahnungen“ überschrieben und fasst nochmal wesentliche Forderungen von Paulus an die Gemeinde in Korinth zusammen:

13 Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! 14 Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. 15 Ich habe noch eine Bitte, Brüder und Schwestern. Ihr kennt das Haus des Stephanas: Sie sind die erste Frucht Achaias und haben sich in den Dienst für die Heiligen gestellt. 16 Solchen ordnet euch unter, ebenso jedem, der mitarbeitet und sich abmüht! 17 Es freut mich, dass Stephanas, Fortunatus und Achaikus zu mir gekommen sind; sie sind mir ein Ersatz für euch, da ihr nicht hier sein könnt. 18 Sie haben meinen und euren Geist erquickt. Erweist ihnen Anerkennung!

Die Verse starten mit vier Imperativen: Seid wachsam! Steht fest im Glauben! Seid mutig! (wörtlich mannhaft) und Seid stark! Diese vier Imperative kumulieren, so der Exeget Schrage, in der Mahnung zur Liebe. Im Echo von Kapitel 13 wird die Liebe zum Schluss nochmal aufgenommen und über alles gestellt. Sie stellt die Haltung, Motivation und Begründung der Imperative dar. Von der Liebe Gottes geht alles aus, und in diese Liebe geht auch alles hin. „Alles, was bei Euch geschieht …“ ἐν ἀγάπῃ ist dabei modal zu verstehen, also: „nach dem Maßstab der Liebe“. Dies bedeutet, dass dies imperativisch zu verstehen, und Luthers passive Übersetzung „lasst … geschehen“ etwas irreführend ist. Und das πάντα (alles) spitzt dies nochmal eindrucksvoll zu: Die Liebe Gottes soll unser ganzes Leben, unser ganzes Denken, unser ganzes Tun durchziehen und bestimmen. Ohne Ausnahme beschreibt Paulus das Leben in der Gemeinde in Korinth, wohlwissend, wie es in der Gemeinde in Korinth zugeht. Dies wird dann auch nochmal an den folgenden Versen deutlich, wo dieses Bemühen und Ordnen des Miteinanders im Zentrum steht. So kommen Andreas Lindemann und Johannes Wischmeyer zum Resümee: „Das Objekt πάντα zeigt, dass nichts und nirgendwo in der Gemeinde etwas geschehen soll, das nicht dem Maßstab der Liebe entspricht. Dabei ist ἀγάπη nicht in erster Linie ein Gefühl oder eine Stimmung, sondern sie zielt auf konkrete Verhaltensweisen der Zuwendung und der Anerkennung des anderen Menschen.“

Fassen wir die exegetischen Erkenntnisse zusammen, dann beschreibt unsere Jahreslosung keinen Wunsch, keine Utopie, kein “wäre aber schön”, sondern eine innere Haltung, die sich in allen Situationen des Lebens zeigt. Es geht also um das „wie“ des Denkens, Glaubens, Redens und Verhaltens und nicht um das „was“, nicht um konkrete Verhaltensregeln.

 

 

3. Gesamtbiblisch-theologische Einordnung

Im Folgenden sollen die bisherigen Erkenntnisse in den gesamtbiblischen Rahmen eingeordnet werden, um zu zeigen, dass es sich bei Paulus im Korintherbrief nicht nur um eine kontextuelle oder singuläre Aussage handelt, sondern dass diese sich in das Gesamtzeugnis des Alten und Neuen Testaments einordnet.

Gottes Liebe zu den Menschen

In der Tora ist das Thema Liebe vor allem im fünften Buch Mose (Deuteronomium) ausformuliert. Im Vordergrund der theologischen Beschreibung des Verhältnisses von Gott und Mensch stehen die Konzepte von Erwählung (Dtn 4,37; 7,6; 14,2) und Bund (Dtn 4,23.31; 5,2; 7,9; 28,69). Der letzte Grund für dieses erwählende Verhalten liegt nicht in irgendeiner Leistung oder Qualifikation Israels. Die Liebe Gottes zu uns ist der Grund der Erwählung: „Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat“ (Dtn 7,7–8). Gottes Liebe ist also der letzte Grund der Erwählung. Das Bundesverhältnis von Gott und Mensch gründet in der Urentscheidung göttlicher Liebe und ist zugleich angelegt auf ein Verhältnis der gegenseitigen Liebe und Treue. Im berühmten Sch’ma Jisrael wird dieses Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf die Liebe zugespitzt: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ (Dtn 6,4–5).

Wechselseitige Liebesbeziehung

Dieses doppelte Verständnis von Liebe von und zu Gott zieht sich durch das gesamte Alte Testament und wird von den Propheten immer wieder angemahnt. Das Gottesverhältnis des Menschen wird mit unterschiedlichen Bildern beschrieben. Bedeutsam für unser Thema sind vor allem die Bilder von Bräutigam und Braut (Jes 62,5; Hes 16,8; Hos 1–3) sowie von Vater und Kind (Jes 63,16; Jer 31,9; Mal 1,6). Diese beiden intensivsten menschlichen Gemeinschaftsformen sind Bildgeber für das Verhältnis von Gott und Mensch. Vor allem im Buch Hosea kann die ganze Erwartung Gottes an Bundestreue der Menschen auf Gotteserkenntnis und Liebe zugespitzt werden: „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer“ (Hos 6,6).

Diese wechselseitige Liebesbeziehung überschreitet Grenzen

Das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe wird auch nicht erläutert, sondern hängt direkt mit dem Wesen Gottes und seiner Selbstvorstellung an uns Menschen zusammen. Das wird auch daran deutlich, dass das Gebot der Liebe an keine Bedingungen geknüpft ist, weder für das Volk Israel noch für die Fremden oder Ausgestoßenen: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott“ (Lev 19,33–34). Die Liebe zum Nächsten ist nicht nur die selbstverständliche Zuneigung zum Familienmitglied oder Nachbarn. Es geht ausdrücklich um alle Menschen, denen man begegnet, besonders Menschen am Rande der Gesellschaft, wie damals bspw. Witwen und Waisen (2. Mose 22,21; 5. Mose 14,29; 24,17; 27,19). Auch gab es eine Menge an Gesetzen, die eine Art Sozialgesetzgebung für Benachteiligte darstellten und für einen Ausgleich innerhalb des Volkes sorgten. So waren Landbesitzer verpflichtet, einen Teil ihrer Ernte auf den Feldern zu lassen, damit Witwen, Waisen und Fremde dort Nachlese halten konnten (5. Mose 24,19-21). Außerdem erhielten sie regelmäßig einen Anteil am Zehnten, der auf allen Ertrag erhoben wurde (5. Mose 26,12-13). Auch Menschen mit Behinderungen standen unter dem besonderen Schutz Gottes. “Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR.” (3. Mose 19,15). Der enge Zusammenhang des Liebesbegriffs mit dem erwählenden Handeln Gottes macht die zentrale Bedeutung der Liebe im Alten Testament deutlich. Liebe bedeutet Bejahung, Annahme und Anerkennung.

Die Wechselseitige Liebe bei Jesus und Paulus

Dieses Verständnis von Liebe nehmen Jesus und Paulus auf und führen es in ihrer Lehre weiter: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12). „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Röm 13,10). Oder: „Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt‘ (Dtn 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘ (Lev 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22, 36–40). Dass die Liebe im Neuen Testament bei Jesus wie bei Paulus, in der johanneischen Literatur wie bei Jakobus als höchste Norm bezeichnet wird, ist unumstritten. Genau das zeigt sich im Leben Jesu ganz praktisch, dass Jesus sich den Kranken, Blinden, Stummen und Gelähmten zuwendet. Dies ist keine Besonderheit, sondern ein normaler Ausdruck seines jüdischen Glaubens, denn Fürsorge für Kranke (bikkur cholim) gehörte zu den wichtigsten ethischen Maximen des Judentums. Aber es geht dabei nicht nur um Fürsorge, sondern auch um „Achtung, Würde und um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ (Baltes 2015). So gibt es in der jüdischen Literatur bspw. eine Fülle von Beispielen, wie Rabbinen mit Menschen mit Behinderung umgegangen sind. Guido Baltes hat einige dieser Geschichten gesammelt, wie z.B. die Erzählung von zwei Taubstummen, die regelmäßig ins Lehrhaus von Rabbi Jehuda HaNasi kamen. Alle nahmen an, dass sie dort nichts lernen konnten, denn Lernen geschah damals hauptsächlich durch das Hören und Nachsprechen von Lernstoff. Aber Rabbi Jehuda bestand darauf, dass die an den Lehrstunden teilnehmen durften. Nach vielen Jahren wurden beide durch ein Gebet des Rabbi Jehuda geheilt und konnten sprechen. Und es stellte sich heraus, dass sie die Gesetze und Auslegungen besser beherrschten als alle anderen (Baltes 2015).

Feindesliebe als USP des Christentums

Eine Besonderheit der jesuanischen Lehre ist seine ausdrückliche Betonung der Liebe sogar zu den Feinden: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben‘ und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nun zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“(Mt 5,43–48). In jeder Religion gibt es die Nächstenliebe, in keiner anderen Religion gibt es die Feindesliebe. Als Höhepunkt der Bergpredigt wird sie von Jesus postuliert und ausführlich begründet. An der Feindesliebe, die über Nächstenliebe und Fürsorge hinausgeht (Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?), wird die transformative Kraft der Liebe deutlich, die uns auffordert, das Unmögliche zu tun, ja sogar für diejenigen zu beten, die uns verfolgen. Darin geht es um eine doppelte Veränderung, denn das Gebet für diejenigen, die einem feindlich gegenüberstehen, macht sichtbar, dass die Liebe in der Gottesbeziehung und in der Gotteskindschaft (5,44) wurzelt. Diese Liebe gilt allen Menschen gleichermaßen, und somit verändert dieses Gebet nicht nur das Verhältnis zu den Feinden, sondern auch mein eigenes Verhältnis zu Gott. Der Aufruf zur Vollkommenheit (Mt 5,48) unterstreicht dabei die Orientierung an Gott selbst. Gott verschenkt seine Liebe in Christus und macht sich klein, verwundbar und verletzlich, damit wir sie verstehen und annehmen können. Diese Liebe verändert und wird so zum Vorbild für uns. Es geht um eine radikale Haltung und nicht um einen ethischen Idealismus, der sich nicht an den Menschen orientiert, sondern an der vollkommenen Liebe Gottes zu allen Menschen. Dabei geht diese Liebe Hand in Hand mit der Gerechtigkeit Gottes, seiner Gnade und Barmherzigkeit. Es geht nicht um Perfektion, um das Erreichen eines moralischen Ziels, sondern um ein Sich-von-dieser-Liebe-verändern-Lassen, inklusive Scheitern und Versöhnung. Diese Liebe bestimmt die Beziehung von Menschen zu Menschen. Gerechtigkeit bezieht sich auf das Verhältnis zwischen uns Menschen. Liebe ist ein Beziehungsbegriff, Gerechtigkeit ein Verhältnisbegriff. In der Liebe geht es um personales Geschehen; die Gerechtigkeit beschreibt die Verwirklichung dieser Liebe zwischen uns Menschen.

 

Diese Liebe ist also weder bloßes Gefühl noch abstraktes Ideal, weder eine moralische Pflicht noch ein abzuleistendes Programm, sondern eine konkrete Beziehungswirklichkeit unseres Lebens. Sie ist ein sichtbares Ja Gottes zu uns und ein sichtbares Ja zu unserem Gegenüber. Die Liebe entsteht in der Wechselseitigkeit und Resonanz von der Liebe von Gott und der Liebe zu Gott und wirkt sich dann auf die konkrete Liebeshandlung gegenüber unserem Nächsten aus. Die Liebe ergreift und verändert uns und wird so zur Haltung unseres Lebens.

 

 

4. Auslegung & Anwendung: Liebe als Lebenshaltung

Was passiert also, wenn die Liebe unser Denken und Handeln bestimmt? Das klingt zunächst großartig, nach “Frieden auf Erden”. Aber warum erleben wir das so selten, weder in dieser Welt noch in unseren Gemeinden? Ist die Liebe Gottes zu schwach, oder ist unser Egoismus zu groß? Vielleicht liegt es an der Angst, zu kurz zu kommen, wenn wir nicht zurückschlagen? Vielleicht sind wir zu sicher, die Wahrheit und Erkenntnis zu besitzen, und sehen es als unsere Pflicht an, andere davon zu überzeugen? Ist es nicht auch eine Form der Liebe, andere auf ihre Fehler hinzuweisen? Es gibt viele Gründe, warum unser Verhalten von dem gerade Beschriebenen abweicht – vielleicht sogar abweichen muss, am besten noch im Sinne Gottes. Das Problem könnte darin liegen, dass unser Streben nach Wahrheit und Erkenntnis über dem Streben nach Liebe steht. Was ja genau Paulus wiederum anders sieht, wie wir festgestellt haben. Und bitte nicht falsch verstehen: Es geht hier um die Rangfolge, nicht um ein Gegeneinander. Es geht auch nicht darum, nicht mehr zu diskutieren, sondern darum, wie wir diskutieren. Es geht nicht darum, nicht nach der Wahrheit zu streben, sondern darum, wie wir dies gegenüber Gott, meinem Nächsten und mir selbst tun. Die Liebe Gottes gibt mir die Anerkennung, loszulassen und nicht immer Recht haben zu müssen. Geliebt zu sein bedeutet, den Anderen mit zu lieben.

Die Menschen um mich herum aufblühen lassen

Der Theologe Marcus Tesch erinnert mich in seinen Gedanken zur Jahreslosung an Miroslav Volf, besonders in seiner Beschreibung, wie sich Liebe zeigt: Leben und handeln, sodass andere gemeinsam mit mir wachsen, blühen und sich entfalten können. Das beinhaltet vieles von dem, was bisher beschrieben wurde. Wenn wir also wissen wollen, wo wir geistlich stehen und wie es um die Liebe bei uns bestellt ist, dann schauen wir auf die Menschen um uns herum. Entwickeln sie sich in meiner Gegenwart weiter? Wachsen sie? Blühen sie auf? Dies ist der ultimative Liebestest, besonders bei Menschen, die wir kennen und die uns kennen – ähnlich dem Verhältnis von Paulus zu den Korinthern, deren Schwächen er gut kannte. Paulus nennt die Korinther Heilige und Vorbilder, kritisiert aber auch ihr Verhalten. Geistliche Gaben und Erkenntnisse setzen weder einen gesunden und liebevollen Glauben voraus, noch garantieren sie ihn. Denn geistliches Wachstum ist nicht mit sozialem Verhalten gleichzusetzen; vielmehr spiegelt sich geistliches Wachstum im sozialen Verhalten wider. Praktisch und deutlich beschreibt Paulus dies im fünften Kapitel des Galaterbriefs: “Der Geist Gottes lässt als Frucht eine Fülle von Gutem wachsen, nämlich Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung” (Gal 5,22–23). Praktische Liebe bezieht sich also auch auf die alltäglichen Umgangsformen.

“Love Under Construction”

Die größte Gefahr besteht darin, dass wir an unserem selbst hochgehaltenen Ideal von Liebe scheitern. Ein Ideal, das wir nicht erreichen können, da wir die Vollkommenheit der Liebe Gottes auf uns selbst übertragen. Aber die Liebe der Jahreslosung befindet sich im Prozess, wie im Kontext des Korintherbriefes deutlich wurde. Es geht nicht um Perfektion, nicht um ein Ideal, nicht um eine Utopie, sondern um ein Beziehungsgeschehen, um einen Transformationsprozess des eigenen Herzens im Kontext des angebrochenen Reiches Gottes. Dieses Reich Gottes und unsere Herzentransformation haben begonnen, sind aber noch nicht abgeschlossen. Under Construction – in Arbeit – so könnte man es nennen. Die Liebe Gottes ist auch eine Verheißung. Sie beschreibt einen Prozess der Veränderung in den beschriebenen Spannungsverhältnissen, der gleichzeitig die Unvollkommenheit unseres eigenen Lebens schmerzhaft aushalten muss. Dieser Prozess wird von der eschatologischen Hoffnung getragen, dass Gott das letzte Wort hat, auch in Bezug auf die Liebe. Dies führt sowohl zu einer Transformation des menschlichen Herzens als auch zur Veränderung sozialer Strukturen in der Familie, der Gemeinde und der Gesellschaft.

Liebe – Revolution des Herzens

Zurück zu den Anfängen dieser Gedanken: Die diesjährige Losung provoziert und scheint auf den ersten Blick vor Idealismus und Utopie zu strotzen. Doch sie meint es ernst, sehr ernst. Denn sie spricht mitten in die Spannungen und Polarisierungen unserer Zeit, in all die Irritationen und Vereinnahmungen, die uns täglich prägen und herausfordern. Liebe Gottes bedeutet, sich von Gott verwandeln zu lassen – wenn die Liebe das eigene Herz erfasst. Dabei symbolisiert das Herz im hebräischen Verständnis das Zentrum des menschlichen Seins: seinen Willen, seinen Verstand und seine Emotionen. Unser eigenes Herz wird immer wieder hart und muss durch die Liebe Gottes erweicht werden, wie es der Prophet Hesekiel ausdrückt, der ein “Herz aus Fleisch statt aus Stein” fordert (Hes 36,26). Es geht immer wieder darum, dass die Weisungen Gottes zum Leben und in die Gottesbeziehung führen. Aus dieser Erneuerung des Herzens erwächst der ethische Anspruch für den Nächsten. Hier entfaltet sich eine Wechselwirkung zwischen der Veränderung des Herzens und dem Leben gemäß den Weisungen Gottes. Beides beeinflusst sich gegenseitig und prägt so das Leben vor Gott und den Menschen. Im hebräischen Verständnis bezeichnet das Herz nicht nur den physischen Ort, sondern es meint vor allem die Gesamtheit der menschlichen Person. Das Herz ist das zentrale Organ des menschlichen Seins, des innersten Menschen. Es ist das innerste und eigentliche Selbst, die Mitte des Bewusstseins und des Unbewusstseins, des Körpers, der Seele und des Geistes – die absolute Mitte. Das Herz ist die verborgene Geburtshöhle des neuen Menschen. Doch dieses Herz wird im Alltag oft hart, wandert ab, verlässt seinen Platz im Leben. Ich bete daher oft das alte Gebet von Franz von Sales, das mir hilft, mein Herz in die Gegenwart Gottes zu stellen:

Wenn dein Herz wandert oder leidet,

bring es behutsam an seinen Platz zurück

und versetze es sanft in die Gegenwart deines Gottes.

Und selbst, wenn du nichts getan hast

in deinem ganzen Leben

außer dein Herz zurückzubringen

und wieder in die Gegenwart unseres Gottes

zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief,

nachdem du es zurückgeholt hattest,

dann hast du dein Leben wohl erfüllt.

 

Nur wer geliebt wird, kann andere lieben. Erst aus dieser Erfahrung heraus können wir die paulinische Jahreslosung als transformative Chance und nicht als moralische Pflicht verstehen. Wenn wir in der Liebe Gottes bleiben, wird sich unser Herz verändern, und somit auch unser Leben und Handeln. Erst dann werden wir die Anerkennung erleben, die es zulässt, dass wir nicht ständig denken, dass wir zu kurz kommen, und somit die Kraft bekommen, diese Liebe mit anderen zu teilen.

 

Liebe leben statt von Liebe reden

Vor einiger Zeit gab es an der Eliteuniversität Princeton ein Experiment, ausgerechneten in der Theologie. Und zwar gab es eine Prüfung über den Text des barmherzigen Samariters (Lk 10), also der Geschichte, in der es darum geht, dass die Priester, die Theologen und geistlich gut angesehenen Menschen an dem Schwerverletzten vorbeigehen und dann ausgerechnet der ungeliebte Samariter ihm hilft. Ergo: Nicht das was gesagt und gepredigt wird, ist entscheidend, sondern das tun. Dem Nächsten helfen, egal wer es ist. Die Studierenden machten sich mit Feuereifer an den Text und hatten den ganzen Vormittag zur Verbreitung, am Nachmittag war dann in einem anderen Gebäude auf dem Campus die Prüfung. Auf dem Weg dorthin kamen die Studierenden an einer Frau vorbei, die offensichtlich eine Obdachlose war und heftig vor Schmerzen stöhnte. Und wir ahnen schon: Die Studierenden gingen alle ohne zu helfen an der Frau vorbei. Der Prüfungsstress war größer als die Liebe der Frau zu helfen.

 

Liebe im praktischen Vollzug

Jede Person, die in die Gemeinde kommt, wird auch enttäuscht werden. Die Vorstellung von einer perfekten Gemeinde ist ein Irrglaube, der weder in der Bibel noch heute existiert. Aber wie leben wir in der Spannung, dass wir als Menschen immer auch Grenzen ziehen und in unserer Identitätsentwicklung auch von Abgrenzungen leben? Denn es gibt keine Gemeinde, die für sich keine Grenzen zieht, und das ist auch gut und gesund, denn wir müssen uns auch vor Übergriffen schützen. Damit kommen wir wieder auf die Korinther und ihre mannigfaltigen Herausforderungen zu sprechen, und das macht mir Hoffnung, weil die korinthischen Probleme auch meine, auch unsere Probleme sind. Hier drei praktische Beispiele:

Soziale Ausgrenzungen: Unsere Kirchen und Gemeinden befinden sich größtenteils in der oberen Mittelschicht und haben unsichtbare Exklusionsdynamiken durch Bildungshabitus, fromme Sprache, fremde Liturgien und Rituale, sodass nicht kirchlich sozialisierte Menschen oft mit Fremdheitserfahrungen konfrontiert werden. Wie können wir unsere Gottesdienste und kirchlichen Orte so gestalten, dass Menschen sie verstehen und sich dazugehörig fühlen? Wie zeigt sich unsere Liebe in einem Gottesdienst, der nicht nur der Stillung eigener Bedürfnisse dient? Ein Gottesdienst, in dem nicht nur die eigene Musik oder Theologie vorkommt?

Menschen mit Beeinträchtigung: Eine Gruppe, die in unseren Kirchen und Gemeinden oft übersehen wird, sind Menschen mit Beeinträchtigungen. Wo bekommen sie ihren Platz? Wo ihre Anerkennung? Wie sieht Inklusion aus, angefangen bei barrierefreiem Zugang zu unseren Veranstaltungen bis zur Frage nach inklusiven Gruppenveranstaltungen? Kürzlich traf ich mich mit einigen Menschen mit psychisch diagnostizierten Beeinträchtigungen und hörte einfach zu. Ihre Geschichten waren kein Ruhmesblatt für Gemeinden und Kirchen, denn ihr Leben besteht aus vielen Erfahrungen der Ausgrenzung. Dennoch suchen sie eine Heimat, wohlwissend, dass sie durch ihre Beeinträchtigungen andere Menschen herausfordern und oft überfordern. Liebe zeigt sich vielleicht ganz praktisch im Zuhören, im Raumgeben, im gemeinsamen überlegen, wie Lösungen gefunden werden können. Liebe macht den ersten Schritt auf die andere Person zu.

Versöhnung leben: Gerade weil es um unterschiedliche Menschen geht, gehört aus Sicht der Liebe das Thema Versöhnung zur Grundhaltung in jeder Gemeinschaft. Dabei geht es nicht um billige “Gleichmacherei”, sondern um die zentrale Frage einer neu entstehenden Gemeinschaft. Diese entstehende Gemeinschaft der Liebe, die Christus durch Kreuz und Auferstehung gestiftet hat. Der Theologe Miroslav Volf zitiert dazu seinen Lehrer Jürgen Moltmann: “Am Kreuz Christi ist diese Liebe (d.h. die Liebe Gottes) für die anderen da, für Sünder – die widerstrebenden – Feinde. Die gegenseitige Selbsthingabe aneinander innerhalb der Trinität erweist sich in Christi Selbsthingabe in einer Welt, die im Widerspruch zu Gott steht; und dieses Sich-Verschenken bezieht alle, die an ihn glauben, in das ewige Leben der göttlichen Liebe ein”(Volf 2012:23). Gott leidet in Christus am Kreuz für alle Ausgrenzungen und öffnet so die Tür zu dieser neuen Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Liebe sucht Gerechtigkeit in den Beziehungen und gibt gleichzeitig immer eine zweite Chance. Dies beschreibt das “wie” der Jahreslosung, die Haltung und Kultur einer christlichen Gemeinschaft oder Gemeinde. Weil ich die versöhnende und heilende Liebe Christi brauche, möchte ich sie auch allen anderen zugestehen.

 

Abschluss: Liebe leben lernen – Mehr feiern wagen!

Paulus schreibt in 1 Korinther 12 und Römer 12 vom Leib Christi. Die Gemeinde ist immer global, international und interkulturell. Gott denkt nicht in homogenen oder nationalen Gruppen. Deshalb spiegelt auch die Ortsgemeinde dieses Bild wider. Gemeinsam Feste zu feiern, war nicht nur im Alten Testament, sondern auch bei Jesus sehr beliebt. Einander zuzuhören, die Lebensgeschichten zu hören, zu verstehen und füreinander zu beten, sind Grundlagen des Glaubenslebens. Doch oft haben wir dies vor lauter guten Programmen verlernt. Menschen wahrnehmen, wertschätzen und in die Gemeinschaft integrieren, sind wichtige heilende Dienste in unseren Gemeinden. Die Gemeinde ist ein Botschafter des Friedens für die Welt (2 Kor 5,17 ff) und damit ein Agent der politischen und sozialen Veränderung. Wir treten für unsere Geschwister in Verfolgung ein und sind gleichzeitig dankbar für das, was wir haben, und überlegen, was wir von unserem Überfluss teilen können. Mit wem können wir teilen? Was können wir teilen? Von wem können wir lernen? Was dürfen wir annehmen? Wo brauche ich Ergänzung? Wir haben als Christinnen und Christen in unseren Gemeinden eine große Chance, den biblischen Auftrag wahrzunehmen, integrativ zu sein und diese Liebe zu teilen und zu erleben. Die ersten Gemeinden waren allesamt »bunt« und bestanden aus verschiedenen Generationen, Nationen und sozialen Milieus, wie auch in Korinth gesehen. Gerade darin wird der »Leib Christi« in seiner Unterschiedlichkeit deutlich, gerade darin wird die Ergänzung sichtbar. Hier liegt die Chance, voneinander zu lernen. Doch dafür müssen wir neu sensibel werden und den anderen mit seinen Erfahrungen, Gaben und Aufgaben ernst nehmen. Wir dürfen unterschiedlich sein in Persönlichkeit, Frömmigkeitsstil und politischer Gesinnung. Christus verbindet uns. Es ist vielleicht eine der größten Chancen, dass die Welt sieht, wie man in einer pluralistischen Gesellschaft vorbildlich miteinander umgeht. Wie man die Unterschiedlichkeit des anderen als Bereicherung wahrnehmen kann und nicht angstbesetzt dagegen vorgehen muss. Bei aller Unterschiedlichkeit kommt es am Ende weder auf den Frömmigkeitsstil noch auf theologische Wahrheiten an, sondern auf die gelebte Liebe, die sich in uns widerspiegelt. Das zeigt sich auch darin, wie wir miteinander umgehen.

 

Fragen zum Weiterdenken und die bei der Reflexion helfen können:

Wo darf und muss ich mein Herz immer wieder in die Liebe Gottes stellen?

Reflektiere über konkrete Situationen, in denen es herausfordernd ist, die Liebe Gottes zu praktizieren. Welche Schritte kannst du unternehmen, um dein Herz bewusst in diese Liebe zu stellen?

Wo steht mir mein „Perfektionismus der Liebe“ im Weg? Bei mir selbst? Oder auch bei anderen?

Die folgenden Fragen bieten eine gute Grundlage für persönliche und/oder gemeinschaftliche Reflexion. Sie können dazu beitragen, eine tiefere Verständnis der Liebe zu entwickeln und Wege zu finden, wie diese Liebe in konkreten Lebenssituationen gelebt werden kann.

Analysiere, ob du unrealistische Erwartungen an dich selbst oder andere hegst, wenn es um Liebe geht. Inwiefern hindert dich dies daran, eine authentische Liebe zu leben? Wie kannst du dich davon lösen?

Welche Haltung der Liebe spiegelt sich in unserer Gemeinschaft/Gemeinde wider?

Beobachte die Dynamik in deiner Gemeinschaft. Ist die Liebe eher spürbar oder gibt es Bereiche, die verbessert werden könnten? Wie könntet ihr als Gemeinschaft aktiv an einer liebevolleren Kultur arbeiten?

Haben in unserer Gemeinschaft/Gemeinde auch Minderheiten/Ausgegrenzte ihren Platz? Was tun wir aktiv dafür?

Überprüfe, ob in deiner Gemeinschaft alle Mitglieder sich angenommen und gehört fühlen. Welche Maßnahmen könnten ergriffen werden, um sicherzustellen, dass auch Minderheiten aktiv eingebunden und unterstützt werden?

Wo brauchen wir auch Grenzen (und Abgrenzungen) in unserer Gemeinschaft? Was sind die Gründe dafür?

Erkenne die Notwendigkeit von Grenzen in einer Gemeinschaft an. Überlege, welche Gründe es dafür gibt und wie sie sinnvoll gesetzt werden können, ohne andere auszuschließen.

Helfen wir einander, unsere Gaben zu entdecken, auszuprobieren und zu fördern? Sehen wir uns beim Wachsen zu?

Schau, ob in deiner Gemeinschaft Unterstützung und Ermutigung für individuelle Gaben vorhanden sind. Wie könntet ihr euch besser dabei unterstützen, die Gaben jedes Einzelnen zu fördern?

Leben wir eine Kultur der „Liebe“? Oder haben wir durch neue und andere Personen Angst, dass unsere Gemeinschaft gestört oder sogar zerstört wird?

Reflektiere ehrlich über eventuelle Ängste oder Vorurteile gegenüber Neuankömmlingen oder Veränderungen in der Gemeinschaft. Wie können diese Ängste überwunden werden, um eine Kultur der Liebe zu fördern?

Besteht unsere Gemeinschaft aus einer homogenen Gruppe? Was können wir tun, um unsere Gemeinschaft zu erweitern? Welche Menschen wünscht sich Jesus für uns?

Analysiere die Vielfalt in deiner Gemeinschaft. Wie könnt ihr bewusst daran arbeiten, die Gemeinschaft zu erweitern und die Vielfalt zu fördern? Welche Menschen könnte Jesus für eure Gemeinschaft wünschen?

Was fehlt uns in unserer Gemeinschaft ohne „die Anderen“? Auf wen könnte ich diese Woche zugehen?

Identifiziere, welche Perspektiven oder Fähigkeiten in der Gemeinschaft fehlen könnten. Überlege, auf welche neuen Menschen du zugehen könntest, um die Gemeinschaft zu bereichern.

 

Hier eine Zusammenfassung:

 

Literatur für weitere Vertiefungen:

Andreas Lindemann und Johannes Wischmeyer Bibelwissenschaft zur Jahreslosung

Volf, Miroslav (2012): Von der Ausgrenzung zur Umarmung. Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität. Francke Verlag.

Volf, Miroslav (2017): Flourishing. Why We Need Religion in a Globalized World. Yale University Press.

Rat der EKD (2006): Gerechte Teilhabe. Befähigung zur Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland. Evangelische Kirche in Deutschland.

Pelluchon, Corine (2019) Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Welt. Wbg Academic.

Körner, Johanna (2020): Sexualität und Geschlecht bei Paulus. Die Spannung zwischen Inklusivität und Exklusivität des paulinischen Ethos am Beispiel der paulinischen Sexual- und Geschlechterrollenethik. Mohr Siebeck.

Thorsten Dietz & Andreas Loos über die Jahreslosung

Zimmermann, Ruben (2016): Logik der Liebe. Die implizite Ethik der Paulusbriefe am Beispiel des 1. Korintherbriefes. Neukirchener Verlag.

Söding, Thomas (2015): Nächstenliebe. Gottes Gebot als Verheißung und Anspruch. Verlag Herder.

Karte & Gebiet Folge 6 “Liebe”

Thorsten Dietz & Tobias Faix: Transformative Ethik, Neukirchener Verlag

4 Comments

  1. Moin, ich habe eine Frage zur Übersetzung. “ginostho” ist Imperativ passiv. Warum soll es irreführend sein, dies auch passiv zu übersetzen? Also: “lasst geschehen” genauer, da es 3. Person Singular ist: “Es soll geschehen lassen…” Wer soll geschehen lassen? Das Passiv-Subjekt. Es steht im Genitiv. Also: “Ihr sollt geschehen lassen.” Imperativ passiv. Ohne Imperativ wäre es: “ihr lasst geschehen” ohne Imperativ und ohne passiv wäre es: “es geschieht”. Wäre die Aufforderung also bereits erfüllt, hätte Paulus geschrieben: “Alles bei euch geschieht in Liebe.” Dass Luthers passive Übersetzung des passivs irreführend sei, ist ja von dir von Lindemann Wischmeyer übernommen. Ich frag mich, wie die darauf kommen. Im Gegenteil ist ja das “was ihr tut” irreführend, da es zu der irrigen Annahme führen könnte, dass alles, was geschieht, einfach das ist, was WIR TUN.
    Irgendwelche Griechen hier, die was zum Sinn der passivischen Übersetzung dieses Imperativ passiv sagen können? Ich glaub nämlich, Luther ist da gar nicht irreführend.

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    • Danke für deine Anmerkungen, die ich gut verstehen kann. Ich fasse gerne nochmal meine Erkenntnisse zusammen, die ich aus „Wörterbuch zum NT (Bauer/Aland), „Neuer sprachlicher Schlüssel zum griechischen Neuen Testament“ (von Wilfrid Haubeck, Heinrich von Siebenthal) und Wolfgang Schrage (EKK) habe: γινέσθω ist ein Verb Imperativ Präsens Medium passiv – Das Subjekt (Liebe) erscheint im Satzzusammenhang zugleich als Täter und als Ziel der Handlung (Objekt). Der Genitiv ὑμῶν („euer/von euch“) zeigt den Urheber an, d.h. alles, was die Leser tun, soll in Liebe geschehen. D.h. das Motiv für alle Handlungen ist die Liebe.

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