„Weltanschauung & Wahrheit. Kritischer Realismus nach NT Wright. Part 2“

Kultur & Glaube, NT Wright, Studientag, Weltbild

Als erkenntnistheoretische Gegenbewegung zur eher positivistischen Sicht führt Wright die phänomenologischer Sicht an, die er selbst so interpretiert: „Dingen aus der (scheinbar) externen Welt konfrontiert werde, sind meine eigenen Sinneseindrücke. Diese Sicht übersetzt mit einer vermeintlichen epistemologischen Demut die Rede von externen Objekten („Dies ist eine Tasse“) in Aussagen über Sinneseindrücke („Ich nehme harte, runde, glatte und warme Gefühle in meinen Händen wahr“).“ (Seite 61) Dies verdeutlicht, dass die Wahrnehmung aus phänomenologischer Sichtweise linear vom Beobachter zum Objekt verläuft, die scheinbare Evidenz jedoch nur meine eigene Wahrnehmung bestätigen kann, und sich so der Beobachter immer nur seiner selbst bewusst wird. Wright weist auf verschiedene Ausprägungen beider Positionen hin, und schlägt dann als Gegenmodell eine Form des kritischen Realismus vor. Kritischer Realismus nach NT Wright (dabei geht er von Ben Meyers Buch „Critical Realism and the New Testament“ aus) beschreibt den „Erkenntnisprozess unter Anerkennung der Realität des zu erkennenden Gegenstandes im Unterschied zum Erkennenden (daher „Realismus“), während gleichzeitig vollständig anerkannt wird, dass der einzige Zugang, den wir zu dieser Realität haben, entlang des spiralförmigen Weges eines angemessenen Dialoges oder einer Konversation zwischen dem Erkennenden und dem zu erkennenden Gegenstand liegt (daher „kritisch“)“. (62) Dieses Verständnis skizziert Wright mit folgender Grafik:

Beobachter ————————————————————–> Objekt
erste Beobachtung
< ---------------------------------------------------------------------------------
wird von kritischer Reflexion herausgefordert,
———————————————————————————->
kann aber die Herausforderung bestehen
und wahrhaftig von der Realität sprechen.

Dies bedeutet, dass wir als Menschen keinen direkten „Gottesstandpunkt“ haben, sondern alles durch ein Raster aus Erwartungen, Erinnerungen, Storys, psychologischen Zuständen etc. interpretieren, sozusagen durch eine „Linse unserer Weltanschauung“.

6 Comments

  1. Ich mach mal an der Stelle weiter, auch wenn ich wie gesagt glaube, dass der kritische Realismus keine allzugroßen Auswirkungen auf NT Wrights Position hat oder vielleicht würde ich sogar sagen: andere Positionen passen viel besser gerade weil er ja die Weltbilder/Stories etc so betont.
    Was er als Phänomenologie bezeichnet ist für meine Begriffe eigentlich das was schon Kant macht (also eben nicht die Postmoderne mit ihrer sprachbezogenen Wende). Die Erkenntnis, dass ich auf mich zurückgeworfen bin, ist ja eher „ein alter Hut“. „Neu“ (dH schlappe 100 Jahre alt) ist eher das Problem mit der Sprache, weil die diese Entgegensetzung zwischen Subjekt und Obejekt unterwandert: die Sprache ist vor dieser Spaltung und ermöglicht sie erst. Ich habe nur Zugriff auf die Dinge im Modus der Versprachlichung und wenn ich Dinge in Worte fasse, passe ich sie meinen Erkenntnismustern (Weltbildern, Stories!) an. So gesehen würde ich sagen: sein Modell, dass das Subjekt immer wieder „kritisch Rücksprache“ hält mit dem Objekt ist sozusagen noch in den Dichotomien der Aufklärung verstrickt (denn alle HKM Exegese hat das ja letztlich behauptet). Und es wiederspricht auch dem, was er so erfolgreich und beeindruckend macht: zuerst die große Story offenlegen, die man an die Texte heranträgt und dann auf die Texte selbst gehen – und sich dabei bewusst machen, dass der Text (/die Welt/die Realität etc) sich immer wieder eigensinnig gegen die großen Bilder in die man ihn einfügen will, sträubt.

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  2. Anonymous

    Mich erinnert das alles an eine Barthsche Aussage:
    Alle menschlichen Versuche, Gott zu beschreiben, sind wie eine Tangente am Kreis. Sie beschreiben nicht den Kreis, sondern nur ihren Berührungspunkt mit dem Kreis.
    Was anderes als unseren Berührungspunkt beschreiben wir in Predigten, Aufsätzen, ganzen Büchern…? Aber immerhin! Wir haben einen Berührungspunkt! Könnte man das „Gnade“ nennen? 🙂

    (Weiß übrigens jemand wo das mit der Tangente stehen könnte? Hab es schon so oft als von Barth stammend gehört…)
    Finde übrigens deinen Blog echt immer wieder spannend! Danke Toby.
    Gruß,
    Linda

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  3. @arne: ja klar hast du Recht und doch nicht. 🙂 Deine inhaltlichen Anmerkungen sind nicht nur richtig, sondern auch wichtig und zeichnen vor allem auch den aktuelleren Diskurs nach. Ich bin einfach von NT Wright selbst (Band 1) ausgegangen und wie er sich selbst darstellt und da bauen die „Stories“ eben auf seinem Verständnis von kritischen Realismus auf. Es soll ja mehr eine Einleitung sein, wobei eine aktuelle Diskussion ja folgen kann und an den Studientagen hoffentlich wird. Und du wirst Welker dabei würdig vertreten. 🙂

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  4. Anonymous

    Das Bild von der Tangente und dem Berührungspunkt kommt m. E. im Römerbrief (Auflage 2) vor. Weiß zwar nicht unter welchem Kapitel, aber dort solltest Du es finden.

    Gruß

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