„Wider die Privatisierung des Evangeliums: Ein Plädoyer für eine Öffentliche Theologie“

Theologie


„Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen.“

(Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, 66.)
In den letzten Jahrzehnten gab es einen schleichenden Rückzug des Religiösen ins Private. Immer mehr Kirchen und Gemeinde haben sich aus öffentlichen Diskussionen herausgehalten, institutionalisierte Diakonie hat diese zwar positiv professionalisiert, aber die Gemeindediakonischen Aufgaben oftmals geschwächt. Dazu kommt eine zunehmende Verunsicherung von Christinnen und Christen wie sie ihren Glauben in einer pluralen Welt leben können. Innerhalb der Disziplin Theologie ist darauf reagiert worden und seit Ende der 1990er Jahre gibt es die Bezeichnung „Öffentliche Theologie“ (international: „Public Theology“). Diese recht junge Teildisziplin verortet sich theologisch in der Praktischen Theologie und der Sozialethik (Systematische Theologie) und versucht aus theologischer Perspektive Antworten auf die dringenden gesellschaftlichen Fragen zu geben. Dieses Feld impliziert schon, dass die „Öffentliche Theologie“ ein wichtiger Bestandteil unseres interdisziplinären Studienprogramms Gesellschaftstransformation darstellt. Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm ist als heutiger Landesbischof der Evangelischen-Lutherischen Kirche in Bayern ist einer der großen Förderer der „Öffentlichen Theologie“ und verortet sie zu Recht nah an der Gestalt und dem Wirken Dietrich-Bonhoeffers. Die von ihm mitgegründete Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle an der Universität Bamberg beschriebt vier Grundparadigmen für die Öffentliche Theologie: 1. Die Bilingualität, d.h. sie muss „zweisprachig“ argumentieren, einerseits den sachgemäßen Ansprüchen der jeweiligen anderen wissenschaftlichen Disziplinen genügen und andererseits in der biblisch-christlichen Tradition und Argumentation  fest verwurzelt sein, 2. Die Verwurzelung in einer christlichen Sozialethik, die auf die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse eingeht, sie analysiert und interpretiert, 3.ÖT muss ökumenisch sein und eine globale Dimension haben, und 4. Braucht sie eine ekklesiologische Ausrichtung, die die Kirche stärkt. Auf der Homepage des Instituts finden wir dann folgende Definition von ÖT:
„Unter „Öffentlicher Theologie“ wird die Reflexion von Fragen öffentlicher Relevanz im Lichte theologischer Traditionen verstanden. Öffentliche Theologie beschäftigt sich also mit Fragen der Sozialethik. Sie thematisiert unter anderem soziale Gerechtigkeit im Kontext aktueller Sozialstaatsdebatten, die Herausforderungen der Globalisierung und ihre humane Gestaltung, die ökologische Neuorientierung der Gesellschaft, ethische Dimensionen der neuen Biotechnologien oder Kriterien zur legitimen Anwendung militärischer Gewalt in Krisengebieten. “Öffentliche Theologie” beschäftigt sich aber auch mit grundsätzlichen Fragen wie der öffentlichen Bedeutung von Religion und ihren verfassungstheoretischen Dimensionen.“
Eine andere Beschreibung, die mir gut gefällt findet sich auf der HP www.public-theology.deund legt ähnliche Schwerpunkte:
„Public Theology“ zählt heute zu den wichtigsten neuen Paradigmen in der Theologie überhaupt. Die christliche Theologie ist eine Theologie der „Einmischung und Anwaltschaft“ aufgrund der christlichen Tradition und ihrer Werte, die ein Orientierungspotential anbieten. Eine christliche Theologie ist stets public, weil sie u.a. eine gesellschaftskritische Dimension verkörpert. Sie setzt sich mit den Zukunftsfragen der Menschheit auseinander und kämpft für die Menschenrechte sowie für die soziale Gerechtigkeit. Als kulturelles Kräftefeld übt sie eine „katalysatorische Funktion“ im politischen Prozess der Anwaltschaft zum Schutz der Schwachen und der Überwindung von Gewalt in der Gesellschaft aus.“
Ich finde diese Themenfelder sehr wichtig und glaube, dass wir einen selbstkritischen Diskurs darüber brauchen, der bei uns als Christinnen und Christen anfängt und fragt, wie wir unseren Glauben verstehen? Welche Rolle er in der Öffentlichkeit spielt und wie dies in einer pluralistischen Gesellschaft möglich ist. Der Züricher Theologe Thomas Schlag hat dazu ein schmales, aber sehr lesenswertes Buch geschrieben: “Öffentliche Theologie“, in dem er den gesamten Reformprozess der Kirche an diese Fragen koppelt. Es bleibt spannend.
Interessante Links:
Journal of public theology

 

2 Comments

  1. Ich denke auch, dass wir Orientierungspotential anzubieten haben und teilweise wird das Theologie oder Religiosität ja auch zugesprochen, aber in weiten Teilen der Gesellschaft verbindet man mit religiösen Gruppen weniger positives Veränderungspotential, als viel mehr Ursachen einer kränkelnden Gesellschaft. Religiöse Gruppen werden mit Fundamentalismus, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Rassismus in Verbindung gebracht. Das soll unser Handeln nicht einschränken oder einschüchtern, aber es sollte uns sehr bewusst sein, um nicht zu meinen alle würden sehnsüchtig auf uns warten.

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  2. Danke für diese Anmerkungen, sie beschrieben tatsächlich eine (hausgemachte!?) Problematik, die wir nur durch unser eigenes Leben überwinden können….

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