„Begegnung mit Heio“

Gottesdienst

Heute einen besonderen Gottesdienst erlebt. Schon beim rein laufen sah ich einen älteren Mann der gestützt auf zwei Äste sich auf den Weg ins Gemeindehaus machte. Eingehüllt in mehrere schichten Jacken, die grauen Haare strähnig am Kopf klebend. Keine Frage ein Obdachloser. Nun ja, ich war erst mit meiner Familie beschäftigt. Nachdem die Kids in ihren Kindergottesdienst gegangen sind, sah ich ihn etwas unsicher alleine im Flur stehen. Also sprach ihn an, brachte ihm Kaffee und dann setzen wir uns und unterhielten uns eineinhalb Stunden, hier ein kurzer Auszug:
Toby: Wie heißt du denn?
Heio: Ich heiße Heio, dass ist die Abkürzung von xxx und du?
Toby: Ich heiße Tobias, kannst aber Toby sagen. Herzlich willkommen hier…
Heio: Das ist doch das ehemalige Kurhaus, oder?
Toby: Ja genau, jetzt ist hier eine Gemeinde und gerade läuft ein Gottesdienst.
Heio: Aha, früher war ich öfters hier.
Toby: Warum?
Heio: Ich bin eigentlich Psychotherapeut und habe ab und zu hier gearbeitet, aber das ist schon lange her, zwischendurch habe ich in Wehen und München gearbeitet, aber jetzt arbeite ich schon lange nicht mehr…
Toby: Psychotherapeut?
Heio: Ja, ich habe in München Psychologie studiert und auch promoviert. (holt seinen Ausweis und Krankenkarte etc. vor). Hast du auch studiert? Was machst du?
Toby: Ja, ich habe Theologie studiert und arbeite jetzt als Dozent.
Heio: Theologe! Ah, das ist nicht schlecht. Und arbeitest du jetzt schon?
Toby: (lacht) Ja, am Bibelseminar…
Heio: In der Schwanallee? Ja, genau, da hab ich früher auch schon mal was zu essen bekommen. Da hast du mir echt was voraus. Ich arbeite schon lange nicht mehr…
Toby: Warum nicht?
Heio: Das ist eine lange Geschichte. (flüsternd) 1973 wurde ich von einer russischen Geheimorganisation, den sieben Zwergen, überfallen und schwer misshandelt. Und werde heute noch via Magnetstrahlen überwacht. (Es folgte ein dreißigminütiger Monolog, die abgefahrenste Verschwörungstheorie die ich je gehört habe. Enden tut sie im Heute…) Und der Schlimmste, der das alles weiß und mit da drin hängt ist Dr. Wolfgang Schäuble. Er ist der Herr der Magnetstrahlen. Ich sag es dir, pass auf, hier in Marburg ist das Zentrum. Der Schäuble, wurde ja selbst schon Opfer, hört aber nicht auf. Glaub mir, ich habe alles genau eroiert!
Toby: O.k., und wo wohnst du jetzt?
Heio: Im Waldtal.
Toby: Ah, im Obdachlosenheim. Kennst du Andy?
Heio: Der Andy – klar, der wohnt unter mir. Der sitzt im Rollstuhl. Ein übler Alkoholiker.
Toby: Ja, aber ich find ihn echt nett.
Heio: Ja, aber du musst aufpassen. Geh nie alleine ins Waldtal, das ist zu gefährlich…
Toby: Die sieben Zwerge?
Heio: Ja, Jesus hat ja früher die Dämonen in Schweine getrieben. Das macht er heute noch und die sieben Zwerge sind solche Schweine. Und dann gibt es im Marburg noch mehr, der Herr X und der Stadtrat Y. Und natürlich gibt es jede Menge Volksschweine, die einfach namentlich und doch besessen durch Marburg laufen…
Toby: Interessantes Bild…
Heio: Ja, aber du bist echt in Ordnung. Kann mich gar nicht erinnern mich in letzter Zeit so gut unterhalten zu haben.
Toby: Möchtest du noch einen Kaffee und ein Brötchen?
Heio: Ja, wenn es keine Umstände macht, dann sehr gerne.
Toby: (2 Minuten später)
Heio: Warum bist du denn so freundlich?
Toby: Ich bin Christ und glaube an Gott.
Heio: Das ist gut.
Toby: (lacht), ja finde ich auch.
Heil: Ich glaube auch an Gott. (Kramt in seinen Jacken). Ich habe auch eine kleine Wanderbibel dabei… Weißt du, manchmal wenn ich keine Kraft mehr habe und die Schmerzen so groß sind und ich denke, das geht alles nicht mehr weiter, dann seufze ich zu Gott und bitte ihn um neue Kraft, dann (strahlt mich an) bekomme ich von ihm ein Extrapaket neue Kraft geschenkt und es geht wieder weiter. Das ist schon großartig.
Toby: Schön, es ist gut zu wissen, dass Gott einem nicht alleine lässt…
Heil: Ja, der ist immer da. So viele Menschen haben mich in meinem Leben schon verlassen (kurze Pause), eigentlich alle (zählt verschiedene Leute auf). Im Januar werde ich 65 Jahre und habe nicht mehr viele Leute die ich kenne.
Toby: Das tut mir leid.
Heil: Aber jetzt bin ich ja hier und hier ist es schön mit dir.
Toby: Ja, das finde ich auf.
Heil: Komm mal her (steht auf und nimmt mich im Arm)

Dann war der Gottesdienst für mich beendet.

34 Comments

  1. ein einziges mal habe ich soetwas auch erlebt und mein Gesprächspartner hat mich nachher auch einfach in den Arm genommen, weil ihn einer endlich mal zugehört hat. ich war etwas verdattert, aber er sagte, du weißt wie ich dass meine, du bist ein guter mensch. Schön, dass du öfter von solchen geschichten schreibst auf deinem Blog (siehe Andi, etc.) Gott segne dich und setzte dich zum Segen und Vorbild für uns.

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  2. fand durch eure begegnung auch eine namensänderung bei heio statt, so wie bei manchen vätern des glaubens im at? oder hast du dich zum ende hin einfach nur
    vertippt? 🙂

    schön das zu lesen!

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  3. Anonymous

    Hi Toby,

    hatte am WOE eine recht ähnliche Begegnung mit Silke, einem 41 Jahre alten Mann, der Musiker ist (22 Instrumente spielt und gerade Dieter Bohlen von Platz 1 der Charts verdrängt hat) ausserdem im 6. Monat schwanger.
    Ich muss sagen, dass es mir zwischendrin richtig schwer fiel (es war nach dem Gottesdienst und wir mussten abbauen und so). Trotzdem hatte ich das Gefühl bei ihm/ihr bleiben zu sollen. Am Ende konnte ich noch mit Silke beten und er/sie hat noch mitgeholfen abzubauen.
    Danach war ich traurig nicht wirklich weiter helfen zu können und hatte zugleich auch etwas Angst – was ist wenn Silke ab jetzt in all unseren Veranstaltungen auftaucht? Wie könnten wir mit ihm/ihr umgehen. Irgendwie interessant, dass wir da ähnliches erlebt haben. Hm.

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  4. Anonymous

    Äh – ich dachte der Fragt mich noch nach Name und so…Björn Wagner hat Kden Kommentar vorher verfasst…

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  5. Mir sind den Sonntag über die selben Fragen durch den Kopf gegangen, wäre ich bereit mit solchen LEuten ständig zu arbeiten? Wie könnten wir sie integrieren? Geht das überhaupt? Wollen sie es überhaupt? Wie würde eine kontextualisierte „Obdachlosengemeinde“ aussehen? etc.

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  6. Anonymous

    Und wie war die Begegnung für dich? Wie geht´s dir damit?
    Das so zu lesen, find ich klasse und denk, wow, cool,..
    Aber dann denk ich auch, was für eine Verantwortung, muss ich dem jetzt nicht mal hintergehen, nach ihm schauen? Oder kann ich mir meine Gemeinde mit solchen Personen überhaupt vorstellen, das ist ein ja ein ganz anderes Milieu,…
    Siggi

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  7. Schaler Beigeschmack bleibt … Dein Heio (leider noch nicht Heil) kam ein paar Wochen zu unseren Gottesdiensten, bzw. immer pünktlich zum Schluss, wenn es Kuchen gab. Hatte viele gesundheitliche Gründe, warum er nicht eher kommen konnte – jemand erzählte mir dann, vorher sei er eine Weile in einer anderen Gemeinde regelmäßig pünktlich zum Gottesdienstende gekommen, eine Stunde früher als bei uns 😮 Inhaltlich ließ er uns leider nicht an seinen abenteuerlichen Verschwörungstheorien vorbei.
    Mich hat die Geschichte eher frustriert, auch gerade noch mal beim Lesen – aber dann denke ich: Jesus hat mich berufen zu lieben. Die Berufung kann ich leben, auch wenn ich keine Lösung „liefern“ kann, darauf sind wir ja getrimmt (ich jedenfalls – wo ist die Schraube zum drehen?). Vielleicht will Jesus uns mit den Heios und Silkes dieser Welt etwas davon zeigen, wie er uns komischen Käuzen begegnet – mit einer Menge Geduld. Ich hoffe, dass die langsam auf mich abfärbt.

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  8. Anonymous

    Was hätte Jesus denn getan?
    Ihn weggeschickt? Ihn zur Rede gestellt? Ihm zu Essen gegeben? Ihn liebevoll aufgenommen?

    Was mir grade noch einfällt…
    Manchmal ist mein Christ sein vielleicht auch so ein „Heio-Christ-sein“… ich komm wenn´s mir gefällt, wenn ich Lust hab, such mir das Gute (den Kuchen) aus, wenn´s mir zu eng oder zu brenzlig wird geh ich, such mir was neues…
    Und ich glaub, ich steh oft genug vor Gott, ausgelaugt, kaputt, schmutzig, „auf Krücken“, weil ich wieder mal begriffen hab, dass ich ohne Gott nicht kann… und dann ist Gott da, er empfängt mich, hält seine offenen Arme hin, versorgt mich,… immer und immer wieder….

    Siggi

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  9. @alexander: ich denke, dass ein punktueller Kontakt tatsächlich „leicht“ ist und dass die kontinuierliche Arbeit mit „Heio“ die eigentliche Herausforderung ist. Erwartungsfreie Liebe, klingt gut, ist aber verdammt herausfordernd…

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  10. Anonymous

    Solche Geschichten berühren mich immer wieder unglaublich, weil ich selbst längere Zeit mit Obdachlosen gearbeitet habe und was mich noch freut ist die große Anzahl der Kommentare von Leuten, die von Deinem blog-Eintra offensichtlich ähnlich berührt sind. Lösungen gibt es wohl keine zur Frage, wie man damit umgehen kann, wenn er weiterhin regelmäßig kommt. Und wenn er nur käme, um sich Kuchen oder das Essen abzuholen – wär doch eigentlich nicht schlimm, oder? Dennoch bleibt es spannend, wie es weiter geht. In der Tat ist punktuelle Liebe einfach im Verhältnis zum „langen Atem“ mit solchen Menschen. Ich wünsch Euch noch viele gute Begegnungen mit Heio aber auch ne Reihe Leute, die bereit sind, die Kraft, die man langfristig braucht, um sich einer solchen Person zuzuwenden, untereinander aufzuteilen. Das kann nicht einer alleine! Vor kurzem stieß ich – über einen Link der Uni Marburg zum Thema „Richtsberg“ auf einen ähnlich berührenden Eintrag von Dir (Datum: 28. Sept. 2007) Danke auch dafür. Wer das noch nicht gelesen hat – auch das lohnt sich sehr! Marianne
    P.S. Über eine Fortsetzung (sowohl vom Teens-club auf dem Richtsberg als auch von Heio würde ich mich freuen).

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  11. …der Jung-Vikar ist ebenfalls beeindruckt von dem Erlebnis…fragt aber doch mal kritisch nach: Darf man das so genau berichten? Hat Heio das erlaubt? Ich würde in solchen Fällen das Beichtgeheimnis sehr ernst nehmen…!

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  12. Ja klar, er wollte sogar, dass ich Mal ein paar Sachen „aufkläre“.
    Wir sind weiter im GEspräch und Begegnungen uns regelmäßig, vielleicht gibt es auf dem blog eine Fortsetzung…

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