„Das Böse ist nicht nur personal, sondern auch strukturell und spirituell. Einblick in eine Theologie der Mächte.“

Christentum, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gesellschaftstransformation, Kontextualisierung, Kultur & Glaube, Transformation
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„Das Böse ist nicht nur personal, sondern strukturell und spirituell. Es ist nicht nur das Ergebnis menschlichen Handelns, sondern die Konsequenz gewaltiger Systeme, über die kein Individuum die volle Kontrolle besitzt.“ (Wink, 2014: 41)

Diese Woche haben wir in Modul 3 unseres Studienprogramms Gesellschaftstransformation das Thema „Mächtetheologie“ und es geht darum, wie wir die biblischen Beschreibungen und die empirischen Erfahrungen verstehen, deuten und kommunizieren lernen. Ausgehend vom Kolosserbrief, dem Sieg Christi über alle Mächte & Gewalten wird ein Bild entworfen, das aufzeigt, das alles vom Schöpfer kommt und es auch eschatologisch bei ihm enden wird. In der Zwischenzeit leben wir in einer spannungsgeladenen Zeit.

»Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes … In ihm ist alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Hoheiten oder Herrschaften oder Gewalten« (1,16). »Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet, sie öffentlich an den Pranger gestellt und sie im Triumph geführt zu ihm« (2,15).

Gott offenbart sich auf ganz unterschiedliche Weise in dieser Welt, auch durch unser Handeln. Sein Wirken gilt der ganzen Welt, die er als Schöpfer erschaffen hat, in allen Beziehungsebenen und bis in die letzten Systeme hinein. Christi Tod ist deshalb nicht nur ein Akt der individuellen Seelenrettung, sondern die gesamte Welt (Kol 1,15-21). So schreibt Walter Wink richtig:

„Den Mächten gegenüber zu sterben ist am Ende nicht ein Weg, unsere Seelen zu retten, sondern uns einzufügen in das göttliche Bemühen, die widerspenstigen Mächte [d.h. politische, ökonomische, soziale und religiöse Systeme, die sich aufgrund ihres „gefallenen“ Zustandes destruktiv verhalten und Menschen zum Selbsterhalt und zu Steigerung ihrer Macht benutzen] zu zügeln. Als Jesus sagte: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“ (Lk 17,33), zog er einen Strich in den Sand und fragte, ob wir bereit seien, darüber zu treten: aus einer Welt, in der Gewalt immer die ultimative Lösung ist, in eine Welt, in der die Spirale der Gewalt endlich durchbrochen ist, durch diejenigen, die bereit sind, ihre Wucht am eigenen Leib aufzufangen. Diese neue Art zu leben ist die Gewaltfreiheit, der „dritte Weg“ Jesu.“ (Wink 2014)

 

Das Streben nach der Gerechtigkeit Gottes identifiziert die herrschenden Mächte dieser Welt und der herrschende Mythos in unserer Kultur, dass Gewalt nur durch Gewalt beendet werden kann wird durch das Kreuz Christi entlarvt. Die Gewaltspirale ist durchbrochen durch den Tod Jesu am Kreuz. In diesem Wissen sollen wir die Mächte dieser Welt identifizieren, um sie dann zu transformieren. Dieser Veränderungsprozess fängt gleichermaßen im eigenen Leben an (Rö 12,2) wie in den Systemen dieser Welt. Der Einsatz für Arme und Entrechtete ist die Möglichkeit des Protestes mitten in dieser Welt, um die Gerechtigkeit Gottes sichtbar zu machen und den von Gott geliebten Menschen wieder gewonnene Würde und Freiheit zu geben. Das Ziel ist es, so Wink, nicht nur von den herrschenden Mächten frei zu werden, sondern diese selbst zu befreien. Dabei spielt unser Verständnis von Kreuz, Versöhnung und Sünde eine zentrale Rolle. Die Reduzierung der Sünde auf moralische Verfehlungen ist ein zutiefst pharisäisches Verhalten. Aus der Angst vor immer neuen Verfehlungen wurden neue moralische Gesetze als Schutzmauer vor dem Bösen gebaut. Jesus reißt diese moralischen Mauern konsequent ab und sucht die Beziehungen zu den Menschen, sucht die Beziehung, die Gemeinschaft, die Heilung und Vergebung bringt. Das Kreuz hat also Auswirkungen auf alle Lebensbereiche eines Christen, auf all sein Verhalten und alle seine Beziehungen. So schreibt Thomas Weißenborn in „Das Geheimnis der Hoffnung“ treffend:

„Mit der Eingrenzung der Erlösung auf das Kreuz und hier speziell auf den Aspekt als Sühneopfer gehen zudem meist noch andere Engführungen einher: Wer im Kreuz vor allem eine Sühneleistung sieht, muss zwangsläufig Sünde in Schuldkategorien beschreiben und die durch das Kreuz erwirkte Rettung in erster Linie als Vergebung. Auch dabei handelt es sich jedoch um eine Verkürzungen, die verfälschend wirken. Sünde ist mehr als Schuld, weshalb Erlösung mehr sein muss als Vergebung. Werden Schuld und Vergebung schließlich nur noch persönlich verstanden, geht der kosmische Aspekt des Neuen Testaments verloren. Aus der Erlösung der Welt wird ein bloßes Nichtahnden privatem Fehlverhaltens.“ (Weißenborn 2008:140)

Die Sünde des Einzelnen ist nur ein Abbild der großen Entfremdung der Menschen von Gott. Die strukturelle Abgrenzung und die „unheilvolle Wirklichkeit der Beziehungsunfähigkeit und Autonomie“ (Weißenborn 2008:140) des Menschen vom Göttlichen durchzieht das große Bild von den Mächten dieser Welt.

„Die Rede von den Mächten hilft uns deshalb die ganze Komplexität der Sünde besser zu verstehen, die eben nicht nur in der individuellen Verfehlung steht, sondern auch mindestens ebenso großen überindividuellen Bereich der Strukturen. Gerade Letzterer ist freilich in den vergangenen Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewachsen. Phänomene wie Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus, aber auch die in vieler Hinsicht systemische Zerstörung der Schöpfung durch hemmungsloses Wirtschaftswachstum, die Ausbeutung der Armen und Ähnliches können ganz klar benannt werden, was sie sind, nämlich Sünde, ohne dass eine individuelle Schuldzuweisung nötig wäre.“ (Weißenborn 2008:144)

Dies mal ein kleiner Einblick in unsere Modulwoche, die noch mitten im gang ist und die Studierende denken und visualisieren und kommunizieren ihre Gedanken und Erkenntnisse. Ein Privileg dabei zu sein….

5 Comments

  1. Thomas Kröselberg

    Das klingt absolut spannend! Welche Literatur empfiehlst Du?

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  2. Zum einstieg ist sicher Walter Wink „Verwandlung der Mächte“ gut, ist eine populäre Zusammenfassung seiner englischen Trilogie. Eine knappe, leichte aber gute Zusammenfassung hat Thomas Weißenborn in seiner Dogmatik „Das Geheimnis der Hoffnung“ und John H Moder in „Die Politik Jesu“. Vertiefend wäre Hailer „Götzen, Mächte und Gewalten“ und Zeilinger „Zwischen-Räume-Theologie der Mächte und Gewalten“.

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  3. Hubert

    Ja, Jesus sucht die Verlorenen! Aber er sagt auch, dass viele ihn und seine Nachfolger ablehnen werden. Für diese ist laut Jesu die Hölle angesagt. Bei euch scheint die Hölle abgeschafft zu sein, denn wenn alle bösen Mächte transformiert sind, bleibt dafür keiner mehr übrig. Aus welcher Aussage von Jesus lässt sich das begründen?

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  4. Lieber Hubert, vielleicht kannst du mal deine Anfrage begründen, da ich sie nicht nachvollziehen kann, wie kommst du auf solche Aussagen, dass „die Hölle abgeschafft“ sei?

    Zu der Transformation der Mächte, vielleicht ist das in diesem Post etwas missverständlich und verkürzt, es geht nach meiner Auffassung darum, dass Gott der Schöpfer und Vollender dieser Erde ist, alles kommt von ihm und wird auch wieder zu ihm gehen, wenn Christus wiederkommt. Bis dahin leben wir in einem Zwischenreich zwischen „jetzt und noch nicht“, wir haben die eschatologische Hoffnung auf Vollendung und Transformation aller Mächte und Gewalten, aber hier auf Erden können wir das nur Ansatzweise erleben…

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