„Ist Glaube machbar? Über den Sinn und Unsinn christlicher Erziehung“

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Momentan werte ich die Umfrage „Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Eine Untersuchung zur christlich-familiären Sozialisation im Wandel der Zeit.“ aus, an der erfreuliche 1756 christliche Mütter und Väter teilgenommen haben. Neben den vielen spannenden Ergebnissen zu Gottesbildern, Erziehungsstilen, Ritualen, Gewalt in der Erziehung und vielem mehr beschäftigt mich gerade die übergeordnete Frage: Können Eltern ihre Kinder zum Glauben erziehen? Theologisch würde ich natürlich erstmal dagegenhalten und sagen, dass Glaube nicht machbar ist, sondern aus der Beziehung zu einem lebendigen Gott ein Geschenk ist. Und trotzdem sind die meisten Christinnen und Christen auch christlich aufgewachsen und haben ihren Glauben ein Stück weit „vererbt“ bekommen. Und dies mit allem Guten und allem Schlechten, wie nicht zuletzt die „Entkehrungsstudie“ gezeigt hat.

Keine Frage, die Familie ist der Ort, an dem die Fragen des Glaubens eine besondere Rolle spielen. Familien stellen insgesamt die stärkste Sozialisationskraft für christliche Werte und Praktiken dar, gerade in einer Zeit, in der die Kirchen immer weniger direkten Einfluss auf das Alltagsleben besitzen. Die Familie spielt darum für die Weitergabe des Glaubens eine zentrale Rolle. Dabei braucht jede Familie eine gemeinsame Wertebasis, eine Haltung, auf deren Grundlage sich das Leben in der Familie gestalten lässt und die auch in den verschiedenen Lebensinseln der einzelnen Mitglieder tragfähig ist. Für explizit christliche Familien spielt der Glaube an Gott dabei eine zentrale Rolle und die Bibel hilft die gemeinsamen Werte zu finden und diese dann gemeinsam zu leben. Dabei spielt die Erfahrung der fürsorgenden Eltern als Grundlage für die Bindung an einen fürsorgenden Gott für die Kinder eine wichtige Rolle. Mit dieser Zuwendung zum Kind machen die Eltern es zugleich beziehungs- und religionsfähig und durch die erfahrende Annahme in der Familie kann die noch größere Annahme durch Gott für das Kind schon erahnt werden. Christliche Erziehung geschieht deshalb vor allem im Alltag, im tagtäglichen miteinander, in Gesprächen, Mahlzeiten, festen Ritualen, Streitereien und Aktivitäten. Interessant ist, dass explizite Glaubenserziehung mit regelmäßigen Familienandachten und Bibellesen keine große Rolle mehr spielt. Ist das aber schlimm? Sicher, Bibelwissen geht verloren, aber um welchen Preis wurde dies oftmals erworben? Viel wichtiger erscheinen Familien heute, dass sowohl die Eltern als auch die Kinder als ganze Person in der Familie berücksichtigt werden. Je älter die Kinder werden, je größer werden die unterschiedlichen Lebenswelten, in denen sich die einzelnen Mitglieder einer Familie für bestimmte Zeit aufhalten (z.B. Kindergarten, Schule, Arbeitsplatz usw.) und je wichtiger ist ein Austausch über die unterschiedlichen Werte. Ein Platz dafür ist oftmals der Tisch, an dem zum Essen alle zusammentreffen. Dort geschieht Austausch und Anteilnahme, aber auch Konflikt und Auseinandersetzung, beides ist notwenig, um die gemeinsame Wertebasis des Glaubens langfristig aufrechtzuerhalten. Kinder, die beispielsweise aus einem nichtchristlichen Elternhaus aufwachsen, bekommen heute nur unter besonders günstigen Umständen einen Zugang zu Glauben und Kirche. Überhaupt hat Familie als geistlicher Lernort eine herausragende Bedeutung für den christlichen Glauben, da viele Rituale und Prägungen an die Kinder weitergeben werden. Zugleich ist die Bedeutung der Familie für die christliche Erziehung auch ambivalent, sie kann eine dauerhafte christliche Bindung ermöglichen, die von den Kindern und Jugendlichen als bereichernd erlebt wird, sie kann aber auch eine negative Wirkung haben, etwa weil der Glaube von problematischen Erziehungsdynamiken überlagert wird (z.B. eine als negativ erlebte autoritäre Erziehung oder ein strafendes Gottesbild). Auch das ist ein Ergebnis unserer Studie, viele Eltern haben ihre Erziehung als eher problematisch erlebt und ein negatives Gottesbild geprägt bekommen (vom strengen, kontrollierenden Gott) und wollen nun ihren Kindern dies ersparen und ihnen ein positives Gottesbild (vom liebenden Vater) mitgeben. Dies finde ich grundsätzlich sehr positiv, aber im Erziehungsalltag ist es dann oftmals schwer, dieses Gottesbild mit den Erziehungsmitteln zu vermitteln, die eben nicht immer noch liebevoll sind. So bleibt es herausfordernd und ich schreibe mal fließig weiter….

Das Buch zur Studie erscheint im Februar 2017 bei SCM Medien.

 

 

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