„Ehrlich, streitbar, berührend, irritierend und immer anbetend – meine Gedanken zum Emergent Forum 2016“

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An diesem Wochenende war mal wieder so weit, das Emergent Forum fand in Zusammenarbeit mit der Andreasgemeinde Niederhöchstadt statt, die auch Gastgeber war. Es ging um eine sehr spannende und relevante Frage: „Kirche für alle, aber… oder: Hat Gottes Gnade Grenzen? Und was heißt das für Kirche und Gemeinde?“ Neben vielen tollen Referentinnen und Referenten hatten zwei einen besonderen Status, Nadia Bolz-Weber aus Denver und Christina Brudereck aus Essen. Zwei wortstarke Frauen, Autorinnen, Gemeindegründerinnen, und obgleich ganz verschiedenen, doch vereint in ihrer Leidenschaft für Gott und Gemeinde. Es war ein sehr dichtes Wochenende mit viel gutem zum Nachdenken und wunderbaren Begegnungen. Die Teilnehmer kamen aus allen möglichen Kirchen und Gemeinden, durch alle Milieus, von Ehrenamtlichen bis zur Superintendentin, von Studierenden bis Professoren, von Skeptikern bis Superfrommen. Eine interessante Mischung. Am Freitagabend ging es los mit der Frage: Welche Rolle spielt die eigene Biographie für den eigenen Glauben und die eigene Theologie? Die beiden Hauptreferentinnen Nadia Bolz-Weber und Christina Brudereck haben aus ihrem Leben erzählten und Erlebnisse, Brüche, Erfolge und Erfahrungen mit allen offen teilten. Es ging um Großeltern, Gemeinde, Alkoholismus, Scheidung, Sprache, Bücher, Stand up Comedy, Ulrich Parzany, Nachbarschaft und sehr viel mehr. Sehr spannend und berührend – ein gelungener Auftakt.

Versöhnte Unperfektheit 

Nadia hat in ihrem Vortrag Am Samstagvormittag thematisch am Freitagabend angeknüpft und bei sich selbst angefangen, ihrer Biographie, ihrer Gebrochenheit und ihrer Hoffnung. Und fragte sich und uns: „Warum denken Christinnen und Christen immer, dass sie sich so heilig fühlen müssen? Ich fühle das oft nicht. Ich bin vielleicht ein ‚purpose driven sinners’? Unsere Fehler und Wunden markieren doch unsere Beziehung zu Christus. Das Leben mit Jesus ist nicht einfach, aber enorm wertvoll. Die Leute fragen mich immer, ob ich Vorbild bin? Ja, ich bin ein Vorbild, ein Vorbild für einen Menschen, der die Gottes Gnade braucht. Und natürlich gibt es deshalb jede Menge Konflikte, was vielerlei Gründe hat, einer ist, wenn wir in Konflikt mit uns selbst stehen, stehen wir meist auch in Konflikt mit den Menschen um uns herum.“ Nadia entwarf eine Gegenkultur zur „siegreich im Herrn wandeln in Zeichen und Wunder Theologie“ und stellte sich gegen diejenigen, die denken, sie könnten „geistlich durch das Leben fliegen“. „Im Gegenteil“, so Nadia, „es bringt uns sogar von Gott weg. Wenn wir denken, dass wir durch geistliche Übungen denen ähnlicher werden, an denen wir uns orientieren, werden wir uns selbst verlieren. Nicht mal Gott wird dich durch mehr geistliche Übungen mehr lieben. Die Leute fragen mich immer, ob ich Vorbild bin? Ja, ich bin ein Vorbild, weil ich ein Mensch bin, der Gottes Gnade braucht. Aber in der Gemeinde geht es nicht um mein „Facebookprofil“, sondern es geht darum, dass wir uns unsere wahren Gesichter zeigen – da wird nichts geschönt und verbessert. Jesu ist für die uncoolen gekommen, die Lahmen, Blinden und Ausgestoßenen – dafür ist Gemeinde heute da. Gastfreundschaft ist dabei die sichtbare Seite von Gnade. Aber es gibt einen Unterschied zwischen freundlich sein oder ob wir die Menschen, die in unsere Gemeinden kommen, willkommen heißen und sie sich willkommen fühlen.“ Interessant fand ich noch folgende Bemerkung von Nadia über ihre Gemeinde: „Das große Missverständnis ist meine Gemeinde „House for all Sinners and Saints“, nur weil ich tätowiert bin, kommen keine anderen Tätowierten! Keine Hipster! Da können die christlichen Zeitschriften und sozialen Netzwerken schreiben, was sie wollen. Sie haben keine Ahnung. Sie schreiben, was sie selbst hören wollen. Es kommen die ganz normalen Leute aus der Nachbarschaft, da gibt es genug Zerbrochene und Menschen, die keine Heimat haben.“

Von Gnade schwärmen 

Christinas Vortrag stand unter dem Thema: „Ich möchte nicht das Aber sein, sondern das Und. – Die grenzenlose Liebe & unsere Lieblingsgrenzen“. Und es ist schwer davon zu berichten, da er so dicht war und fast jeder Satz zitierfähig wäre (gibt es bald als mp3 auf der emergent HP). Ein paar Gedanken, die für mich wichtig waren: Zuerst, Christina hat von Gnade und Gemeinde geschwärmt, wie eine Verliebte hat sie davon berichtet, ohne pathetisch zu werden, sondern sie blieb dabei immer theologisch fundiert und herausfordernd: Gnade ist die Schwester der Liebe, die mir hilft meine Begrenztheit anzunehmen –Gnade ist ein Geschenk. Gnade ist die Skepsis gegenüber allem und allen, die dir Rettung anbietet. Gnade ist deshalb immer herrschaftskritisch – denn nur die Gnade allein rettet. Gnade ist die Gegenbewegung zur Optimierung und zum Zynismus in unserer Welt. Öffnet die Grenzen, denn Gott versöhnt und wir spalten. Wie kann das sein? Abgrenzung ist ein mieser Götze. Was nicht verstanden wird, wird rausgeschmissen. Wir müssen doch Grenzen ziehen, ohne geht es nicht – ja? Wo sind die Grenzen Gottes? Hat Gott mich denn lieber als die anderen? Nein – Gottes Liebe ist niemals an Bedingungen geknüpft. Und klar, das Aber gibt es, wir sind individuelle Wesen und wollen gesehen werden, ja anerkannt werden. Das bringt natürlich Konflikte, aber was regiert? Wenn Gleichgesinnte sich treffen, ist das wunderbar, ja notwenig, deshalb ist es gut, dass es unterschiedliche Gemeinde und Kirchen gibt. Jede Gemeinschaft ist automatisch ausgrenzend durch ihre Sprache, Ästhetik, ihren Umgang miteinander, ihre Werte etc., die Frage ist doch eher: reflektiere ich das, ist mir das bewusst und was ist meine Haltung. Das Problem ist nicht, wie homogen oder heterogen eine Gruppe ist, sondern ob sie denkt, dass sie die einzig wahre Gemeinde sind. Außen mögen und können wir alle unterschiedlich sein, aber innen verbindet alle die Gnade. Wenn wir das vergessen, beginnt Ausgrenzung, Abgrenzung und Verletzungen nehmen ihren lauf. Dabei gibt keine billige Gnade, zur Gnade gehört auch der Zorn Gottes. Gnade ist die Liebe die uns zurecht bringt. Das brauchen wir, denn Gott wird zornig über all das Unrecht, all den Krieg und Hunger und Streit auf dieser Erde. Aber der Teufel gehört in die Unterkategorien der Engel und ist kein ebenbürtiger Gegner auf Augenhöhe. Evangelium heißt: Die Liebe hat das letzte Wort. Der Auferweckte hat den Tod besiegt. Christus ist der Meister unser Unzulänglichkeiten.“ Und zum Schluss wurde Christina sehr persönlich: „Ich glaube nicht an ein letztes Aber, sondern an ein ewiges Und. Die Reise in mein eigenes Herz zeigt mir, dass ich das Urteilen, Trennen, Einteilen noch verlernen muss.“

Partizipation und Vielfalt

Diese Inputs wurden auf ganz unterschiedliche und vielfacher Weise diskutiert, in Tischgesprächen, Wordclouds, Twitterwalls, Feedback- und Fragerunden – Gespräche waren Trumpf, Networking Pflicht. Schöne neue Welt – manchmal auch etwas anstrengend. Dazu gab es Workshops und am Abend ein wunderbares 2Flügelkonzert. Das Emergent Wochenende ging am Sonntagvormittag zu Ende und die Teilnehmenden konnten ihre Fragen stellen, die durch „Hossa Talk“ aufgenommen und ins Gespräch mit Christina und Nadia gebracht wurden. Dabei wurden engagiert große Fragen wie Mission und Allversöhnung, Gott als Mutter, Exklusivimus vs. Pluralismus, Depressionen und Gemeinde, Sexualität und vielen mehr diskutiert. Ehrlich, streitbar, berührend, irritierend und immer anbetend. Danke. Abgeschlossen wurde das ganze mit einem kreativen Go-Special Gottesdienst mit der Andreasgemeinde und einer Predigt von Nadia.

Was bleibt?

Es war ein sehr dichtes Wochenende und es wird eine Weile dauern, bis ich alles sortiert habe. Aber die Begeisterung für Gott und seine Gnade in vielerlei Worten und Gesten hat mich neu berührt und nachdenklich gemacht. Dazu war das ganze Wochenende ein Plädoyer für Gemeinde! Bei aller (berechtigten) Kritik ist Gemeinde der Hoffnungsort, an dem Gott Menschen begegnet. Bei aller Zerbrechlichkeit und allen Fehlern, die passieren oder vielleicht gerade deshalb!? Ich kann mich nicht erinnern, wann zum Letzten mal so von Gemeinde geschwärmt wurde. Gut dazu passt auch das Feedback von Daniel.

Zum Schluss soll noch mal Christina zu Wort kommen:

Christus ist der Meister der Grenzüberschreitungen.

Er ist der Komplize der Hoffnung.

Er überwindet die Aber-Du-Nicht-Grenze

Zwischen Sündern und Gerechten, Angesehenen und Verachteten,

wir und die anderen, draußen und drinnen.

Diese Hoffnung zu haben, bedeutet für mich nicht beliebig zu sein.

Oder Unterschiede zu banalisieren,

Grenzenlose Gnade, bedingungslose Liebe

Lässt uns nicht ausruhen, nachlassen, gleichgültig sein.

Grenzenlose Gnade bewirkt ein Kraftfeld.

 

Und hier noch ein paar Buchtipps von den Hauptreferentinnen, die sich lohnen:

Christina Brudereck: Reformation des Herzens.

Christina Brudereck: Café Mandelplatz

Nadia Bolz-Weber: Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“: Pastorin der Ausgestoßenen

Nadia Bolz-Weber: Unheilige Heilige: Gott in all den falschen Leuten finden

 

Hier weitere Einschätzungen des Forums.

Eine Fotodokumentation gibt es hier oder hier.

2 Comments

  1. „…ein sehr dichtes Wochenende…“ – ich glaube, so haben das alle empfunden. Gut, dass man diese intensive Zeit jetzt noch auf Blogs, etc. etwas nacharbeiten kann.

    „..von Gemeinde geschwärmt..“ – da schwärme ich gerne mit. Bei allem, was zu kritisieren ist, kann ich mir mein eigenes Leben ohne Gemeinschaft mit anderen Gläubigen gar nicht vorstellen (in Vergangenheit und Zukunft).

    Vielen Dank für die gute Zusammenfassung! 🙂

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