„Alles Gender oder was? Anmerkungen und Anfragen an die aktuelle Diskussion rund um den Worthausvortrag von Thorsten Dietz“

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In den letzten Wochen kam die Worthaus Triologie von Thorsten Dietz heraus und hat zu erheblichen Diskussionen in den sozialen Medien und weit darüber hinaus geführt. Vor allem der letzte Teil „Genderwahn & Gendergaga – Rebellion gegen Gottes gute Schöpfungsordnung?“ erhitzte die Gemüter, was dazu führte, dass es kaum eine sachliche und konstruktive Diskussion gab, sondern vor allem über die Gegnerschaft hergezogen wurde, die jeweils und wechselseitig keine Ahnung von der Sache hat, nicht richtig (wenn überhaupt) glaubt und menschenverachtend argumentiert. Das war zwar manchmal amüsant, aber auch verletzend und hat im Endeffekt der Sache nicht sonderlich gedient. Deshalb nehme ich das Thema noch einmal auf und plädiere für eine sachlichere, konstruktivere Auseinandersetzung. Denn eines wurde ja deutlich: Das Thema ist für viele mehr als wichtig. Und, wenn es zwischendurch zur sachlichen Diskussion kam, dann war dies tatsächlich hilfreich, da ich zumindest Lernender bin und vielleicht auch Andere blinde Flecke in ihrer Plausibilitätsstruktur haben.

Es ist nicht nur eine „fromme Diskussion“

Es gibt ja Diskussionen, die in einer Art christlichen Blase ablaufen und für die sich außerhalb dieser Blase kaum jemand interessiert. Bei der Genderdiskussion ist dies nicht so. Hier geht es um eine breite gesellschaftliche Diskussion mit vielen Linien, quer von der universitären und disziplinären Verortung bis hin zur praktischen Umsetzung. Hier ein Beispiel von der Auseinandersetzung zwischen „Feminismus & Gender Studies“, „Gender Studies und Wissenschaft“ oder auch die innerkatholische Debatte zum Thema Gender mit dem schönen Titel „Schafbrief an den Hirten Andreas: Gender ist nicht des Teufels.“

 

Und der Gendersieger ist?

Natürlich geht es mir nicht um Sieger und Besiegte, sondern um einen konstruktiven Dialog, aber wenn man von einem „Sieger“ bisher reden kann, dann ist es aus us meiner Sicht die Spielzeug- und Bekleidungsindustrie! Denn die Stereotypen der „Hellblau-Rosa-Welten“ treiben immer skurrilere Stilblüten und „Gender-Marketing“ gehört zu den wichtigsten Stichworten der Marketingexpert*innen. Hier werden Milliarden umgesetzt und Vorschulkinder in die Rollenklischees der 50er Jahre zurückversetzt. Selbst Produkte, die bisher neutral für beide Geschlechter waren, gibt es nun schön getrennt nach Geschlecht, ob das Kinderbücher, Schoko-Eier, Shampoo oder Malstifte sind. Und dabei sind die Klassifizierungen klar aufgeteilt, denn Jungen sind stark wie Ritter und erleben Abenteuer, Mädchen sind schön wie Prinzessinnen und spielen mit Pferden. Das sollte zumindest alle Genderkritiker beruhigen, die davon ausgehen, dass die „Genderlobby“ bereits die „Weltherrschaft“ gewonnen hat, den Kampf um die Kinderzimmer haben sie (bisher) jedenfalls verloren.

 

Nicht alles in einen Topf werfen

Ein Mangel in der Auseinandersetzung ist meines Erachtens, dass zu viele unterschiedliche Konzepte und Themen in einen Topf geworfen werden und das Ganze dann unter der Überschrift „Gender“ als explosiver Eintopf aufgekocht wird und die Diskussionskultur vergiftet. Aber (und da bin ich ganz bei Thorsten Dietz) das politische Konzept des Gender Mainstreaming ist etwas völlig anderes als die Forderung nach Akzeptanz von sexueller Vielfalt. Gender Studies haben mit der Gleichstellung von Mann und Frau zu tun und nicht mit  der Sexualisierung im Klassenzimmer. Die Frage von Geschlechtergerechtigkeit ist etwas anderes als die Frage von Trans- und Intersexualität. Der Umgang mit sexueller Orientierung, besser: mit schwulen und lesbischen Menschen in der Gesellschaft und in christlichen Gemeinden hat nichts zu tun mit der Förderung von berufstätigen Frauen. Das Verhältnis von natur- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven auf die Geschlechterdifferenz hat wiederum nichts zu tun mit der theologischen Tradition des Naturrechts. Diese Fragen müssen jeweils einzeln erörtert und beantwortet werden

Innere Unterscheidungslinien und Klärung der Begrifflichkeiten

Daran knüpft an, wie wir die einzelnen Begriffe verstehen und gebrauchen. Auch hier hat Thorsten Dietz meiner Meinung einen guten Anfang gemacht und sehr plausibel Gender Studies und Gender Mainstreaming unterschieden oder aufgezeigt, dass in der Diskussion zwischen „Sex“ (biologisches Geschlecht) und „Gender“ (soziales Geschlecht) unterschieden wird. Dabei ist auch immer wieder auf die disziplinäre Herkunft, die zeitliche Verortung und den biographische Werdegang sowohl der Befürworter als auch der Gegner zu achten. Eine Biologin hat einen anderen wissenschaftlichen Background als ein Sozialwissenschaftler, die Perspektiven aus einem wissenschaftlichen Blick sind anders als die Eltern, die es mit dem Blick auf die eigenen Kinder lesen und vor dreißig Jahren hat kaum jemand verstanden, was Gender überhaupt für eine gesellschaftliche Bedeutung hat.

Extreme auf beiden Seiten und keine Ethik in Sicht?

In jeder neuen Diskussion gibt es Extreme und Einseitigkeiten, das gehört generisch dazu. Deshalb braucht es eine Diskussion, braucht es Widerspruch und auch die Weisheit und Gelassenheit, nicht jede Idee der „grünen Jugend“ aufzunehmen und zu diskutieren. Mich stört das Grundprinzip, wie Birgit Kelle beispielsweise argumentiert. Sie nimmt zum Beispiel in ihrem Buch „Gender Gaga“ eine ganze Menge an extremen Meinungen und oft auch unreflektierten Beispielen auf und macht daraus den oben beschriebenen „Eintopf“. Auch in der „Genderdiskussion“ gilt die ethische Linie Jesu, gerade unter Christinnen und Christen, dass wir die anderen so behandeln sollen, wie wir selbst von ihnen behandelt werden wollen (Mt 7,12). Da ist es aus meiner Sicht unlauter sich nur die extremen Spitzen einer Bewegung auszusuchen, um dann alles in Bausch und Boden zu verurteilen. Ich möchte auch nicht, dass die extremen Aussagen mancher Christinnen und Christen als Maß zum Urteil über alle Christen genommen werden.

Kritik ist wichtig und Diskussionen notwendig

Mehr Gelassenheit und eine stärkere substanzielle Kritik, auch sich selbst gegenüber, mehr Ehrlichkeit ist gefragt und eine gewisse Ethik in der eigenen Argumentation. Und nein, es ist dabei nicht nötig Soziologie oder Psychologie studiert zu haben, um hier mitreden zu können, aber wenn mir die Namen Simone de Beauvoir, Judith Butler oder Sabine Hark nichts sagen, dann wäre zumindest etwas Zurückhaltung geboten. Denn, das wissen wir aus den letzten Jahres mit den sozialen Medien, wir tappen allzu oft in die eigene Echofalle, die immer und immer wieder die eigene Argumentation in unterschiedlichen Varianten widergibt. Die ist besonders desstruktiv, wenn diese aus einseitigen Sekundärkommentaren besteht. Ebenso muss niemand Theologie studiert haben, um zu überlegen, wie die Gendertheorien biblisch-theologisch einzuordnen sind. Aber auch hier gilt ein Mindestmaß an theologischer Redlichkeit und nicht nur ein „Hineinwerfen“ von Bibelversen, die die eigene Meinung widergeben. Und ja, es gibt gute und konstruktive Texte, die auf Grund der aufkommenden Polemik zu schnell und oft untergehen. Sich mit ihnen auseinandersetzen, ist zwar viel schwieriger, aber inhaltlich der bessere Weg. Ein Beispiel ist dieser Text vom Genderkritiker Christoph Raedel: „Gender Mainstreaming. Was verbirgt sich dahinter?“ oder dieses Interview der Geschlechterforscherin Paula-Irene Villa. Dass Kritik notwendig ist und was bringt, zeigt zum Beispiel die Klarstellung des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung mit ihrer aktuellen Schrift: „Gender raus! Zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender‐Kritik“. Man muss dem nicht zustimmen, aber die Tatsache, dass sie ihre Positionen verteidigen, sich falsch verstanden fühlen und nun Dinge richtigstellen wollen, hilft, die Positionen klarer zu sehen, um dann auch besser darauf eingehen zu können.

Kritik und Argumentation: Ja, bitte!

In diesem Sinne wünsche ich mir eine kritische Auseinandersetzung rund um das Thema „Gender“ und gerne auch, mit der gewünschten Differenzierung, aller angrenzenden Themenbereiche. Vielleicht sollten wir die brennendsten Fragen zum Thema Gender sammeln und versuchen diese sachlich abzuarbeiten

 

15 Comments

  1. Kann gar nicht glauben, dass Thorstens Vortrag für Kontroversen sorgt—bei all dem „gender essentalism“ bei dem er ja am Ende doch immer noch stecken bleibt. Judith Butler hat doch vor fast 30 Jahren schon überzeugend gezeigt, dass nicht nur „gender“ sondern eben auch „sex“ sozial konstruiert sind.

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  2. Thorsten Dietz

    Freue mich sehr, mal „von der anderen Seite aus“ kritisiert zu werden! Bin aber nicht so ganz einverstanden mit der Vereindeutigung Butlers. Ich finde es ziemlich gut, wie sie es in „Die Macht der Geschlechternormen“ formuliert: „Geschlechterdifferenz ist weder gänzlich gegeben noch gänzlich konstruiert, sondern beides zu Teilen. […] was konstruiert wird, geht notwendig der Konstruktion voraus, auch wenn es keinen Zugang zu diesem vorausliegenden Moment gibt als durch Konstruktion. So, wie ich sie verstehe, ist die Geschlechterdifferenz ein Ort, an dem wieder und wieder eine Frage in Bezug auf das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen gestellt wird, an dem sie gestellt werden muss und kann, aber wo sie, streng genommen, nicht beantwortet werden kann. Wenn wir sie als eine Grenzvorstellung verstehen, so hat die Geschlechterdifferenz psychische, somatische und soziale Dimensionen, die sich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber nicht endgültig voneinander abgesetzt sind.“ (S. 299)
    Heißt m.E.: Die Begriffe Gender und Essentialismus schließen sich schon an sich gegenseitig aus. Jenseits des Essentialismus ist jedoch mehr als reine Konstruktion, sondern stete Arbeit am Gegebenen, ohne dass ich mich auf dieses je völlig objektiv beziehen könnte. Aber es begrenzt die Spielräume möglicher Konstruktionen.

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    • und diese Kritik am Konstuktivismus geht mir viel zu sehr unter. Außer bei Ulfig habe ich dazu (im nicht-universitären Raum) nichts weiter finden können und gelesen. Schade eigentlich, denn der Konstruktivismus scheint doch eine Basisüberlegung in den gender studies zu sein. Und solche Vorraussetzungen sollten „stiimmen“. Denn aus A folgt B und wenn A falsch ist, ist B erst recht falsch und alle Folgerungen.

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  3. Danke für den Hinweis auf das von verschiedenen Seiten aus vergiftete Diskussionsklima in dieser Frage. Ich halte mich deswegen weitgehend aus dieser Art von Online-Diskussionen heraus.

    Das gender-gerechte Warenangebot ist nur eine Seite der Nützlichkeit des Gender-Themas. Eine andere ist, dass Gender über Jahrzehnte hinaus im akademischen Bereich Promotionen, Habilitationen und Lehrstühle sichern wird. Außerdem wird man, wenn man nur genau genug hinsieht, immer wieder neue Gender-Diskriminierungen und immer neuen gender-bezogenen Gleichstellungsbedarf entdecken, für den dann wieder Gender-Beauftragte Stellen erhalten.

    Gender-Denken hat im deutschen Kulturkreis kaum Tradition, was sich symptomatisch darin zeigt, dass es die Sprecher der deutschen Sprache nicht nötig gefunden haben, dafür überhaupt ein deutsches Wort zu entwickeln. In anderen Gesellschaften, z. B. Indonesien, gibt es schon länger mehr Varianten als Mann und Frau. Dort wäre Gender wahrscheinlich kein solcher Aufreger wie hier. Der Aufreger ist es allerdings auch bei uns nur für Minderheiten, an der Mehrheit der Bevölkerung geht das weitgehend vorbei und wird erst registriert, wenn irgendetwas Greifbares eingeführt und dann meist kurios gefunden wird. Das kann durchaus gefährlich sein.

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  4. Thorsten Dietz

    Ich habe einige der Anregungen hier aufgegriffen und inzwischen bei fromm+frei die Diskussion weiter geführt: https://frommundfrei.net/ff008-thorsten-dietz-und-die-grosse-gender-entspannung/ Das Interessante ist ja: wenn man sich um Gelassenheit und Entspannung bemüht, scheint das allgemeine Diskussionsinteresse mit abzusinken. Marketingtechnisch wäre es sinniger gewesen, die Runde so zu bewerben: „Die Gender-Lüge – Wie ultrarechte Christen und queere Fanatiker uns in einen Kulturkampf stürzen wollen“. Aber noch hoffe ich ja auf die stille und sanfte Macht vernünftiger Überlegungen…

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  5. Ben Braun

    „Gender Mainstreaming ist etwas völlig anderes als die Forderung nach Akzeptanz von sexueller Vielfalt. Gender Studies haben mit der Gleichstellung von Mann und Frau zu tun…“

    Warum nennt man es dann nicht Gleichstellung oder Gleichberechtigung von Mann und Frau? Dann wär die Diskussion vorbei.
    Mmn ist das Problem mit Gender Studies/ Mainstreaming, dass nicht klar kommuniziert wird was deren Vertreter eigentlich wollen und somit Leute verunsichert werden. Das hat sich für mich leider auch nicht mit dem Vortrag von Thorsten Dietz geändert. Schade, denn die ersten beiden Vorträge fand ich 1A und hatte hohe Erwartungen an den dritten. Aber jetzt muss ich mir wohl eigene Gedanken machen ;D

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