„Gefangen in der Echokammer. Populismus und Identität in einer sich wandelnden Welt.“

Kultur & Glaube

Populismus ist kein neues Phänomen und ‚Fakenews’ sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, beides gibt es seit Menschengedenken. Und natürlich wurde im Wahlkampf früher auch gelogen und in den Klatschblättern dieser Welt gab es von je her ‚Fakenews’, das war sozusagen die Geschäftsidee. Auch Populisten sind nichts Neues, es sei nur an Berlusconi, Haider oder die Republikaner, die mit knapp 11% 1992 in den Baden-Württembergischen Landtag eingezogen sind erinnert. Und doch hat sich etwas verändert: Nicht die Sache an sich, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz und das Medium welche die Nachrichten transportiert. Heute werden in einer ‚postfaktischen Welt’ Lügen als taktisches Manöver bewusst eingesetzt und selbst historische Tatsachen so selbstbewusst verdreht, dass man meinen könnte, die Person die es sagt, glaube es selbst. Und es ist erstaunlich, wie selbstbewusst und stolz manche ihren Populismus vor sich hertragen. Um dem Phänomen Populismus auf die Spur zu kommen, werde ich zunächst klären, was ich darunter verstehe und dann den Fokus auf die Frage nach dem Zusammenhang von Populismus und Identität legen und dies anhand von zwei Beispielen aus der virtuellen und aus der physischen Welt verdeutlichen, bevor ich zum Schluss darüber nachdenken möchte, was die Thematik besonders mit Kirche und mit Christinnen und Christen zu tun hat.

Populismus zwischen Verführung und Verunsicherung

Populismus ist eine ‚von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen zu gewinnen’ (Bundeszentrale für politische Bildung). Dabei ist Populismus ist kein Substanzbegriff, der sich auf Fakten oder Wahrheiten stützt, sondern ein Relationsbegriff, der Menschen emotional ansprechen will. Er zeichnet sich vor allem durch seine Antihaltung aus, ist gegen die Politik, Institutionen und scheinbare Mehrheiten und möchte bewusst polarisieren und mit den Massen spielen. Kennzeichnend ist dabei vor allem, dass es einfache Antworten auf schwer zu beantwortende Fragen gibt. Und es gibt klare Feindbilder: Meist geht es ganz konkret um die Exklusion von Minderheiten wie Migranten, Homosexuelle, Asylbewerber, ethnische Minderheiten etc. Populismus ist eine große Geschichte der Verführung in eine scheinbar sichere Welt. Glaubt man den aktuellen Forschungen, so hat der aktuelle Populismus vor allem drei Gründe, wie auch der Berliner Professor Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin im Deutschlandfunk ausführt: Da ist zunächst die ökonomische Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger und die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg, dann die Entfremdung zwischen Politiker/innen und Bürger/innen sowie drittens eine kulturelle Desorientierung in einer Zeit in der immer mehr Selbstverständlichkeiten scheinbar hinterfragt werden. Alle drei hängen eng miteinander zusammen. Fangen wir mit dem großen Bild an, den großen Transformationsprozessen, die unsere Gesellschaft momentan prägen.

Zeiten der Verunsicherungen und Desorientierungen

Diese Transformationsprozesse bringen technische Fortschritte und Wohlstand genauso mit sich wie Abhängigkeiten und eine neue Armut. Der Sturm des globalen Wandels hat viel verändert. Wir befinden uns in einem tiefgreifenden und fortgesetzten Prozess der Modernisierung (d.h. der Individualisierung, Demokratisierung, Pluralisierung etc.), der sich in den letzten Jahrzehnten beschleunigt hat. Wir erleben eine Diffusion von Transformationsprozessen, die sich in globalen Phänomenen zeigt. Natürlich wissen wir über die globalen Phänomene unserer Zeit Bescheid, es seien nur Ökonomisierung und Digitalisierung beispielhaft genannt, aber deren Auswirkungen können wir bisher kaum abschätzen. Während in den letzten Jahrzehnten große Teile ‚westlicher’ Gesellschaften ihre eigene Form des Wirtschaftens, den Kapitalismus und die damit zusammenhängende Globalisierung, gefeiert haben, merken jetzt immer mehr Menschen, dass es dafür einen hohen Preis zu bezahlen gibt. Einen Preis, den bisher immer ‚die Anderen’ bezahlt haben. Der westliche Mensch entdeckt in der globalen Entgrenzung seine Sehnsucht nach Nationalität und Normalität, der scheinbar flexible Mensch seine Sehnsucht nach Sicherheit und Bindung. Die Herausforderung in dieser Spannung sein Leben zu gestalten ist groß und dies macht immer mehr Menschen Angst vor der Zukunft. Wo alles möglich wird, geht Orientierung Schritt für Schritt verloren und immer mehr Menschen sehnen sich nach einer inneren Sicherheit, und dies, obwohl sich in ihrem normalen Lebensablauf vordergründig gar nichts verändert hat.

Das Gefühl der Ohnmacht und der Überforderung

Dies ist ein Paradox, welches für die Demokratie gefährlich ist, weil gerade Splittergruppen mit radikalem und fundamentalistischem Gedankengut gestärkt werden. Der vorläufige Nutznießer sind die rechten Populisten rund um die AfD, die diese Sprachlosigkeit mit einfachen Antworten überwinden. Denn die gewohnten Antworten erreichen die Menschen immer weniger. Wir brauchen dringend Antworten, weil die Entwicklungen weltweit rasant voranschreiten. Nicht nur in den über 50 Kriegsgebieten, die wir weltweit beklagen, sondern bis in unsere Stadtteile und Dörfer, ja bis in die Kommentarleisten unserer Computer hinein, bahnen sich zunehmend Unzufriedenheit und Hass ihren Weg. Bonhoeffer hat auf die Frage ‚Wer ist denn mein Nächster?’ etwas lapidar geantwortet: „Die Person, die mir nahe ist.“ (Bonhoeffer) Das war schon zu seiner Zeit herausfordernd; jetzt, durch die globale Gleichzeitigkeit von Social Media sind Südafrika, Sri Lanka oder Kolumbien „mein Nächster“ und mir via Whatsapp, Skype oder Facebook nahe. Dies stellt uns vor ganz neue Herausforderungen, da mit dem Wissen um den Nächsten gleichzeitige Handlungsoptionen einhergehen. So bleibt oftmals ein Gefühl der Ohnmacht und der Überforderung, das sich auf unterschiedliche Weise entladen kann. Denn aus Überforderung entsteht Unsicherheit und aus Unsicherheit Angst und Angst ist ein gefundenes Fressen für Populisten jeglicher Art.

Identität oder „Ich poste also bin ich!?“

Die Frage der Identität und der Frage, wer ich bin und zu wem oder was ich gehöre wird immer dann besonders relevant, wenn Selbstverständlichkeiten ins Wanken kommen, wenn bisherige Ordnungen nicht mehr greifen und sich die Dinge um einen herum bis in den Alltag hinein verändern. Die Welt, in der man lebt, verändert sich so stark, dass bei vielen die Selbstgewissheit des eigenen Lebens ins Schwanken kommt. Dies wird dadurch verstärkt, dass es andere Menschen gibt, die das eigene Schwanken als Chance erleben und sich scheinbar wohlfühlen in den Unsicherheiten, ja diese für sich aufnehmen, annehmen und sogar ausnutzen. Identität wird immer mehr zu einem ästhetischen Ideal, das wir durch die Produkte, die wir kaufen und durch die Medien, durch die wir uns präsentieren, verstärkt wird. Sich selbst entwerfen, entwickeln und vermarkten ist aber auch anstrengend und macht aber auch müde. Und das ‚Medium is the Message’, wie schon McLuhan Mitte der 1960er Jahre sagte. Das, was ich bin und wie ich es zeige verschmilzt zu einer eigenen Einheit. Das Selfie bei Facebook, das gepostete Essen bei Instagram und der aktuelle Status meines Seins bei Twitter. Kurz und prägnant wird ein Teil meiner Identität öffentlich und die öffentliche Wahrnehmung prägt einen Teil meiner Identität. Und es geht weiter und schneller, wie der neuste Trend unter dem boomenden Markt der virtuellen Selbstvermarktung zeigt: Snapchat. Ich poste mein Bild in meiner Story und spätestens nach 24 Stunden wird es automatisch gelöscht. Deshalb wird jeder Tag mit 20, 30, 40 oder mehr Bildern meines Lebens dokumentiert. Folge meiner Story, sei Teil meines Lebens – für einen kurzen Augenblick. Leben als Moment. Morgen ist wieder alles vorbei. Heute zählt. Diese Schnelligkeit ist Anspruch und Herausforderung zugleich. Die eigene Identität entsteht aber gerade aus der wechselseitige Bezogenheit zwischen dem eigenen Selbst und der Welt und wird durch dadurch erst geformt, geprägt und konstituiert. (Rosa, Resonanz)

Das Identitätsdilemma: Wenn das eigene Ich zur Nebensache wird

Für die Teenager von heute Alltag, nicht besonders anstrengend, sondern lässig und nebenbei bedienen sie sich bei den kulturellen Möglichkeiten und konstruieren dabei ihre eigene Identität. Für viele anderen sind diese Entwicklungen kaum nachvollziehbar, anstrengend, man fühlt sich abgehängt. Zu schnell scheint die fluide Moderne vieles, was bisher sicher und klar war, in Frage zu stellen: Arbeitszeiten, Familienbilder, Konfessionen, Ländergrenzen, Geschlechterrollen etc. Wer bin ich? Bin ich nur das, was ich selber gewählt habe? Ich ernähre mich vegan und bin deshalb Veganer! Was sagt das über mich aus? Der Theologe Dalferth bringt das ganze Identitätsdilemma auf den Punkt, wenn er schreibt: „Doch der Preis des Identifikationsdrucks ist hoch. Wenn es um Authentizität und eigene Identität geht, wird selbst [B]eiläufiges zum Wesentlichen. Nichts kann zur Verhandlung gestellt werden, alles muss verteidigt werden. Dies gilt gleichermaßen für die Frage nach der Identität als auch für viele ökonomischen Fragen: Bilder in der Kirche, Kreuze auf Bergspitzen oder Gerichtssälen. Feiertage oder kultische Gewänder, lateinische Messen, Beschneidungsrituale und Ganzkörperschleier. Immer geht es um alles und stets steht man selbst auf dem Spiel. Zwischen Sache und Person wird nicht mehr unterschieden, und zwischen Wichtigen und weniger Wichtigen auch nicht mehr.“ (Dalferth 2015:7) Wenn wir über Populismus reden, dann geht es in der Tiefe der Diskussion um die Frage der Identität, der Zugehörigkeit und der Anerkennung. Das sind ganz existenzielle Fragen an denen wir uns festhalten und aufreiben und die uns so empfänglich machen für Meinungen und Menschen, die uns in unseren Fragen scheinbar ernst nehmen, ja um uns werben. Und es ist das Einfallstor des Populismus, der in einer immer komplexeren Welt mit seiner Reduktion auf die Einfachheit der Antworten, die einem ein längst vermisstes Heimatgefühl und eine Zugehörigkeit schaffen. Diese Komplexitätsreduktion und der Rückzug in die eigene begrenzte Welt funktionieren in der digitalen Welt schon optimal. (Den Hinweis zu Identität und Populismus verdanke ich Arne Bachmann.)

Die Echokammer des eigenen Ichs: Algorithmus des eigenen Glücks

Begonnen hat alles mit einem ökonomischen Auftrag, Werbung sollte effektiver an die User gebracht werden, aber mittlerweile haben sich Algorithmen zu einer umfassenden Rundum-Versorgung weiterentwickelt. Die Nachrichten der User in sämtlichen Bereichen steuern, sich ständig selbst weiterentwickeln und jeden Tag den Usern die Wirklichkeit präsentieren, die er und sie gerne haben möchte. Ein Algorithmus entscheidet also für mich, was mir gefällt und ordnet mir, wie von unsichtbarer Hand geleitet, täglich, ja stündlich die Freunde und Nachrichten zu, die meinem Interesse, meiner Meinung und meinen Neigungen gleicht und unterstützt. So entsteht eine „Filter Bubble“ oder eben auch Echokammer genannt. Es werden ständige die Nachrichten wiederholt, die wir gerne hören. Das ist nicht nur eine gute Selbstbestätigung, denn Neurowissenschaftler der Princeton University haben rausgefunden, dass Recht bekommen nicht nur gut für unser Selbstbewusstsein ist, sondern dass jedes Mal, wenn wir Recht bekommen, Stoffe in unserem Gehirn ausgeschüttet werden, die zu einem Wohlbehagen führen. Rechthaben ist also auch ein Glücksgefühl. Wir fühlen uns gut dabei und können es gar nicht oft genug wiederholen und die Algorithmen sorgen dafür, dass dies auch ständig geschieht. Selbstbestätigung als Suchtmittel. So bestärkt jede Wiederholung unsere Echokammer und uns reicht es zu glauben, dass wir Recht haben.

Gefühlte Wahrheiten und alternative Realitäten

Es entstehen gefühlte Wahrheiten und alternative Realitäten so ganz nebenbei durch Googles personalisierte Suchergebnisse oder einem personalisierten News Stream von Facebook, der immer aktuell auf unseren Smartphones und Internetbrowsern erscheint. Raus aus der allgemeinen Wirklichkeit der etablierten Medien und rein in die eigene Wirklichkeit, die meine Meinung wie ein Echo meiner selbst immer wiederholt. So kann selbst der größte Unsinn zum emotionalen Wohlbefinden führen und zur gefühlten Wahrheit werden, an die wir selbst glauben. Markus Reuter von der Plattform für digitale Freiheitsrechte Netzpolitik.org: „Dadurch entsteht ein etwas einseitiges Bild der Welt. Nämlich eines, was die eigene Wahrnehmung immer bekräftigt oder die einem zeigt, dass man richtigliegt und das alle anderen auch so denken. … Und dadurch bekomme ich nicht mehr andere Sichtweisen mit.“ Als wäre dies nicht besorgniserregend genug, ist daraus ein riesiges Geschäftsmodell geworden aus denen sogenannte Datenbroker aus unseren Daten eine neue Währung generiert haben. Schon 2013 kam heraus, dass der US-Datenbroker Acxiom 700 Millionen Dossiers von Internetusern, darunter 44 Millionen deutsche Dossiers, erstellt und zum Verkauf angeboten hat. Je nach Dossier gibt es Basisinformationen wie Alter, Geschlecht und Wohnort, Bildungsniveau und Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Gruppe, aber auch die Ergebnisse vom eigenen Einkaufsverhalten, Suchmaschinenabfragen oder Facebookaktivitäten ergeben Krankheiten, sexuelle Neigungen, Lieblingsautoren oder kulinarische Vorlieben. Und so ist es keine Überraschung, dass bei der Facebookwerbung oder meinem Internetanbieter ausgerechnet die Produkte platziert werden, die ich bevorzuge. Microtargeting nennt man diese Kommunikationsstrategie im Marketingbereich, die auch sehr erfolgreich in den Wahlkämpfen von Obama, Trump und Marcon eingesetzt wurde. Es wurden aus Millionen von Dossiers politische Profile erstellt, um dann die Wechselwähler via Hausbesuche gezielt anzusprechen. Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Lautlos gewinnen die Technologiegiganten mit unseren Daten beständig an Macht und nutzen diese, um die Gesellschaft umzugestalten. Und so wächst der Informationskapitalismus, dabei sind Google und Co die Grundwerte einer Demokratie nur am Rande wichtig. Aber auch in der physischen Welt macht sich Unsicherheit und Angst breit und das ganz nüchtern und real.

Arbeit schützt vor Armut nicht: Erwerbsarmut steigt in Deutschland an

Zwar geht es Deutschland auf dem ersten Blick so gut wie schon lange nicht mehr, aber von den Milliardenüberschuss im Bundeshaushalt und den niedrigsten Arbeitslosenzahlen seit Jahrzehnten profitieren nicht alle. Im Gegenteil, eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (2016) zeigt, dass viele Deutschen konkrete Ängste vor dem sozialen Abstieg umtreibt. So haben 60% Angst davor, das sie ihren Lebensstandard nicht halten können und 44% haben Angst, dass ihr Einkommen im nächsten Jahr nicht mehr ausreicht, knapp jeder Dritte (29%) hat zudem Angst in die Arbeitslosigkeit zu fallen. Sind das nur gefühlte Ängste? Die mit der Realität nichts zu tun haben? Folgt man den Ergebnissen der neusten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI, Juli 2017), so hat sich die Erwerbsarmutsrate zwischen 2004 und 2014 in Deutschland verdoppelt. 4,1 Millionen Menschen arbeiten, können aber von ihrer Arbeit nicht mehr leben und werden vom Staat durch Zuzahlungen subventioniert. Diese Transferzahlungen sind für den Staat zwar teuer, haben aber den Vorteil, dass diese Menschen nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen. Als ‚erwerbsarm’ gilt in der EU, wer im Jahr mehr als sechs Monate erwerbstätig ist und in einem Haushalt lebt, der mit weniger als ‚60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens’ der Bevölkerung auskommen muss, in nackten Zahlen heißt dies in Deutschland monatlich 983 Euro. Diese Zahlen belegen, dass einige der beschriebenen Ängste tatsächlich ernst zu nehmen sind und es, bei allem momentanen Wohlstand, eine immer größere Gruppe von Ökonomisierungsverlierern gibt und eine noch größere, die Angst hat, genau in diese Gruppe durchgereicht zu werden. Die Frage in Bezug auf das Thema Populismus ist, wie mit diesen Zahlen und Ängsten umgegangen wird. Denn die neuste Bertelsmann Studie bestätigt eindrucksvoll den kausalen Zusammenhang zwischen Einkommen/Bildung und Populismus. Und es ist nicht überraschend, dass je niedriger das Einkommen und die Bildung ist, desto höher sind sie selbst populistisch eingestellt (Bertelmann Stiftung 2017). Von wem wird die Scham und die Angst, aus dem gesicherten Mittelstand zu fallen ernst genommen?

Und wer sieht mich?

Wo finden betroffene Menschen Gehör, gerade in Zeiten in denen die Gefahr besteht, dass ein „Heilsbringer“ versucht dies für sich auszunutzen? Und dann kommen die Dinge oftmals zusammen, die Angst den großen Transformationsprozessen nicht gewachsen zu sein und dass was bisher erreicht wurde vielleicht zu verlieren. Das schwindende Vertrauen in Politik und Medien, die sich ja scheinbar um diese meine Fragen und Ängste nicht kümmern. So sucht und findet man Menschen und Nachrichten und Kampagnen im Netz, die genau auf diese Fragen und Ängste eingehen und mit jedem ‚like’ und jeder neuen ‚Freundschaft’ füllt sich die eigene Echokammer mit der Selbstbestätigung die mir so sehr fehlt und geben mir endlich das gute Gefühl des Angenommenseins. So angenehm dies auf den ersten Blick auch sein mag, so problematisch ist diese Entwicklung langfristig, denn es entsteht eine zunehmende Entfremdung zum eigenen Ich. Der Soziologe Harmut Rosa beschreibt dies in seinem sehr lesenswerten Buch „Resonanz“ treffend, wenn er von misslingenden ‚Weltbeziehungen’ der einzelnen Personen spricht, in dem sich das eigene Selbst langsam von der Welt um sich herum loslöst. Durch die Digitalisierung entsteht zusätzlich eine Entkörperlichung, aber gerade der Körper (essen, atmen, lieben etc.) nimmt eine Vermittlungsposition zwischen der Welt in der wir leben und dem eigenen Ich ein und ist deshalb für die eigene Entwicklung von großer Bedeutung.

Natürlich sind das nur zwei Beispiele die gemeinsam und/oder getrennt das Thema Populismus fördern und uns herausfordern sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Hier sind aus meiner Sicht besonders die Kirchen und die Christinnen und Christen gefragt, Antworten zu geben und Wege aus der Echokammer zu ebenen.

 

Der Populist in mir oder warum Populisten immer die anderen sind

Dabei kommt es in erster Linie auf die eigene Haltung an. Jesus selbst bringt das ‚was’ und das ‚wie’ in Mt 7,12 zusammen: „Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern.“ Diese Worte Jesu sind wie eine Brücke zwischen dem privaten und öffentlichen Bereich, dem was und dem wie. Und dies hat wieder mit der eigene Identität zu tun. Es zeigt sich beispielsweise ganz praktisch, dass ich andere Meinungen und Menschen nicht schlechtmachen muss, wenn ich mir meiner eigenen Identität gewiss bin. Dadurch wird mein eigener Glauben widerstandsfähiger, auch im ganz praktischen Umgang mit anderen Meinungen. Ich kann lernen andere Meinungen stehen zu lassen, von ihnen zu lernen und sie nicht nur zu tolerieren. Es kommt also auf die Art und Weise an mit der ich argumentiere und diskutiere, nicht nur auf den Inhalt.

Die Versuchung tief in mir

Dazu kommt, dass ich als Christ in meiner Identität nicht nur von mir selbst abhängig bin, sondern in einer relationalen Identität mit Gott selbst stehe. Er spricht mir mein Menschsein zu, ich werde von außen angesprochen und werde so unabhängiger von den Zurufen aus der eigenen Echokammer. Und doch, und das muss auch gesagt werden, sind wir alle dafür anfällig, wenn es um die Bestätigung der eigenen Meinung geht. Egal ob rechts oder links, ob religiös oder politisch, die Versuchung Menschen durch einfache Meinungen auf die eigene Seite zu ziehen obliegen wir alle. Die Suche nach Anerkennung oder die Frage nach Macht und Mehrheiten sind süße Verführer die auch vor Kirche oder Christinnen und Christen nicht haltmachen. Luther nennt es die „Verkrümmung von uns selbst“, die uns immer wieder herausfordert und die uns zu einer verkrümmten Sicht in unserer Echokammer verführt. Buße tun heißt dabei Abstand zu sich selbst bekommen – raus aus den im Wunschbild meiner selbst hängen geblieben Wünsche. Buße und Versöhnung helfen mir Gottes Fremdwahrnehmung wahrzunehmen, sich selbst zu reflektieren und wieder aufrecht zu gehen. Aus dieser Perspektive fällt es mir leichter mit anderen Meinungen umzugehen und andere Menschen in ihren Ängsten ernst zu nehmen.

Ambiguitätstoleranz als Populismusprophylaxe

Vielleicht kennen manche die alte Anekdote von dem jüdischen Rabbi, der die Menschen lehrte, dass jeder Mensch zwei Steine in seiner Tasche tragen solle. Auf dem einen solle stehen: „Ich bin nichts als Staub und Asche.“ Auf dem anderen: „Um meinetwillen wurde die Welt erschaffen.“ Und jeder Mensch solle die Steine so nutzen, wie er sie braucht. Die Aufforderung des Rabbis aber ist ein anschauliches Beispiel für eine zentrale Herausforderung für den Umgang miteinander. Es geht zum einen darum Spannungen, Mehrdeutigkeiten und die Vielschichtigkeit der Realität auszuhalten. In der Aufforderung des Rabbis bedeutet das: beide Sätze sind wahr, stehen aber vordergründig im Widerspruch zueinander. Zum anderen geht es darum Eigenverantwortung zu übernehmen, d.h. selber zu entscheiden, wann und wie man die Steine nutzt. Wenn wir im Bild bleiben, könnte man sagen: Manche Menschen tragen keine Steine mit sich herum. Sie wissen nicht wer und was sie sind. Sie sind Leichtgewichte, die immer so sind, wie die anderen sie haben wollen. Sie passen immer in die Lücke, die die anderen ihnen als Lebensraum geben. Andere haben nur einen Stein dabei und halten sich demnach entweder für den Mittelpunkt des Universums oder für dessen Abschaum, ein widerliches und verabscheuungswürdiges Nichts. Wieder andere sind nicht fähig die Spannung der beiden sich vordergründig widersprechenden Wahrheiten auszuhalten. Sie empfinden es als völlige Überforderung, selber auswählen zu müssen, welchen Stein sie wann nutzen. Um diese Überforderung und Anspannung aufzulösen werfen sie mindestens einen Stein weg – wahrscheinlich auf diejenigen, die sie als Sündenbock identifiziert haben. Möglicherweise sogar auf die, die behaupten es gäbe zwei Steine. Wer aber in der Lage ist beide Steine mit sich zu tragen, d.h. ihre Wahrheit anzuerkennen und mit ihnen und damit mit sich verantwortungsvoll umzugehen, der hat das, was moderne Psychologinnen und Pädagogen Ambiguitätstoleranz nennen. Ich behaupte, dass Ambiguitätstoleranz ein wesentlicher Aspekt der eigenen Identität ist und eine Prophylaxe gegenüber Populismus.

Eindeutig mehrdeutig oder: Unsicherheiten aushalten lernen

Ambiguitätstoleranz kann mit Unsicherheits- oder Ungewissheitstoleranz übersetzt werden. Es beschreibt die Fähigkeit, dass Menschen mit Mehrdeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten, ungewissen und unstrukturierten Situationen oder unterschiedlichen Erwartungen, die an die eigene Person gerichtet sind umgehen können. Vielleicht genau das, was wir brauchen, in einer Welt in der Moral von links wie von rechts mehr als Waffe gebraucht wird um andere zu zerstören, gewinnen moralische Konflikte eine immer größere Sprengkraft. Wohl dem und der, der und die nicht bei jedem Konflikt existenziell die eigene Identität in die Waagschale werfen muss, sondern beide Steine fest in der Hand hält und es aushält, dass nicht jeder Konflikt mit einer schnellen und unterkomplexen Meinung gelöst werden muss. Dies kann uns die Haltung und Standhaftigkeit geben den Dialog mit anderen zu suchen statt sie vorschnell zu verurteilen. Es kann uns helfen nicht jede andere Meinung als existenziellen Angriff auf mich selbst zu deuten und so werden es die Populisten schwer haben mit ihren einfachen Antworten – in Deutschland und in Marburg. Und das ist gut so.

 

Zuerst erschienen bei: KIM Ökumenische Monatszeitschrift.

 

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