„Von der ekklesialen Mäeutik. Eine Rezension zu: Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche.“

Theologie

Dieses Buch hat meine Erwartungen nicht erfüllt und doch weit übertroffen. Klingt komisch, war aber so. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich kenne und schätze die beiden Herausgeberinnen des Buches als innovative, kluge und tatkräftige Theologinnen, die mit ihrem Kirchenprojekt Kirche2 wichtige ökumenische Impulse in die aktuelle Kirchendiskussion hineingeben. Meine Erwartungen waren also hoch und der interessante Untertitel „Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche“ verstärkte diese noch, denn was brauchen wir mehr als eine neue Ekklesiologie in einer sich wandelnden Welt.

Biographie & Theologie

Und so las ich die ersten Kapitel und wurde mit hineingenommen in verschiedene Biographien, die vor allem um narrative Jesusgeschichten (Astrid Adler) eigene Erfahrungen einer Rucksackreise (Hanna Buiting) und dem eigenen Theologiestudium (Mara Feßmann) drehten. Keine Frage, gut geschrieben und doch nicht das was ich erwartete. Aber was war das? Mehr theologische Auseinandersetzung? Oder ekklesiologische Innovationen? Vielleicht sogar neue Konzepte? Vielleicht war es auch meine Ungeduld, wollte ich zu schnell zu viel? Um ehrlich zu sein, ich weiß es selber nicht so genau und so setzte ich mich hin und fing noch mal von vorne an das Buch zu durchwandern. Dies war ein guter Entschluss, denn jetzt begann sich das Wunder vor meinen Augen langsam zu entfalten. Manche Geburten brauchen etwas länger. Denn Herrmann und Bils wollen keine neuen Konzepte bringen oder ihre reichhaltigen Erfahrungen von Kirche2 an die Frau und den Mann bringen, sondern die Veränderungen unserer Zeit wahrnehmen, reflektieren und fragen, was diese bedeuten können. Nils Neumann bringt in seinem Beitrag das Konzept des Buches gut auf den Punkt, wenn er schreibt: „Es ist aufschlussreich, dass Paulus gleich am Beginn des Galaterbriefs auf seine Biographe zu sprechen kommt. Angesichts der komplexen theologischen Konfliktsituation hält er es für geboten, zunächst einmal seine eigene Person zu thematisieren. Um die Legitimation seiner Botschaft abzusichern, schildert er den Galatern, wie er von Jesus Christus zu seinem Dienst beauftragt worden ist (Gal 1,11-24).“ Natürlich wissen wir, dass Biographie und Theologie nicht zu trennen sind, nur spielt die Biographie in den meisten theologischen Fachbüchern eine kaum erkennbare Rolle. Hier wird sie offengelegt, mit all den Brüchen, all den schönen und weniger schönen Erfahrungen mit Glauben und Kirche. Dadurch wird das Werden betont und nicht das Sein. Das Unperfekte und nicht Perfekte. Dadurch machen sich die Autorinnen und Autoren angreifbar, ja verletzlich und genau dadurch wird dieses Buch so wertvoll und tatsächlich neu.

Fremdheit als Chance oder das Glück des „not fitting in“

Kirche wird in „Wandern und Wundern“ nicht mehr nur als Institution mit Tradition und Macht beschrieben, sondern als eine Entdeckungsreise von und an den Rändern. Dabei geht es um die Überwindung von konfessionellen Grenzen und Gesetzmäßigkeiten und das Überwinden von starren Strukturen und theologischen Traditionen. Keine Apologetik des bisherigen, sondern eine Einladung, sich am Fremden und Neune zu reiben und zu lernen. Und so beschreibt es Mara Feßmann gut in ihrem Beispiel vom ‚Pinguin unter den Vögeln’: „Von der Fremdheit als Gabe und Geschenk zu sprechen, finde ich unfassbar wertschätzend, und es versöhnt mich mehr und mehr. Wie oft hat der Pinguin sein Schwimmen mit dem Fliegen verglichen und ist zu dem Schluss gekommen, dass das Schwimmen im Vergleich damit nicht so viel wert ist, nicht wirklich weiterbringt und Strecke machen lässt?“

Konkrete Wünsche für kirchliches Neuland

Und ja, wir wissen nicht erst seit Emmanuel Levinas, dass wir am besten am Anderen, ja am Fremden lernen, um so den eigenen Horizont zu erweitern und bestehende Kategorien Konventionen aufzubrechen. Und so machen sich die Autorinnen und Autoren auf die Suche nach den Irritationen, die ihnen helfen, den eigenen Blick wieder neu zu justieren, wie Markus Kalmbach, der lutherische Pastor, der unter Kirche mehr als ein „mehr als Gottesdienst“ versteht und feststellt, dass wir in Deutschlands Kirchen das eine Schaf haben. Dieses pflegen wir, aber darüber hinaus müssen wir die 99 weiteren suchen. Oder der Organisationsberater Michael Bonert der gerade die abweichenden Mehrheitsmeinungen als Chance für Veränderungsprozesse sieht und anhand von vier konkreten Schritten aufzeigt, wie diese für die Organisation Kirche nutzbar gemacht werden können. Das macht Mut und es zeigt, dass es neben den traditionellen Wegen, neue Trampelpfade gibt, die entdeckt und beschritten werden müssen. Dazu gibt Sebastian Baer-Henney vier mutmachende Wünsche, die milieugrenzen zu sprengen und die Wanderer zwischen den Welten stärken, denn, so Baer-Henney, es fehlen Pioniere, die kirchliches Neuland ergründen, sich vortasten und so Kirche wieder für Menschen erreicht, die sich von der klassischen kirchlichen Arbeit abgewendet haben. Wie dies konkret aussehen kann, beschreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk am Beispiel ihrer eigenen Zusammenarbeit am Kirchenprojekt raumschiff.ruhr. Offen und ehrlich, auch in der Entfremdung gegenüber der eigenen Kirche, sowie mutig und herausfordernd dies konstruktiv und gemeinsam für neue Weg nutzbar zu machen.

Theologie entstehen lassen

Sabrina Müllers Beitrag „W@nder ekklesiologische Chance“ könnte man eigentlich zuerst lesen, denn es ist wie eine Bedingungsanleitung für das Buch samt inhaltlicher Zielsetzung der einzelnen Autorinnen und Autoren und so kommt sie zu dem Schluss: „Die Autorinnen und Autoren ringen in ihren Beiträgen mit dem Kirchenbegriff. Eine intensive Auseinandersetzung zwischen zwei Realitäts- und Erfahrungswelten wird dabei ersichtlich. (…) Theologie entsteht dabei kontextuell und gemeinsam. Die persönlichen religiösen Erfahrungen und Suchbewegungen sowie Sinn- und Wahrheitskonstruktionsprozesse werden gemeinsam gegangen und individuell begleitet. Kirche oder, besser gesagt, die Kirchlichen Menschen assistieren als reflektierende Bezugssysteme für individuelle Glaubensprozesse und gleichzeitig für eine öffentliche und sprachlich zugängliche Theologie und Kirche.“ Diese ekklesiologisch mäeutische Funktion ist zweifelsohne die Stärke des Buches, muss entdeckt, gelesen und geboren werden. Das fordert heraus, denn es bedeutet sich auf die Spuren der Biographien der Autorinnen und Autoren zu machen und die eigene Biographie und Theologie zu hinterfragen. Dafür lohnt sich auch ein zweiter Anlauf. Theologie beginnt manchmal mit dem bewussten Verlernen, dem hinaustreten aus festgefahrenen Mustern und Kategorien des eigenen Denkens und Empfindens. Sich lösen von den vertrauten Pfaden und vorsichtig losgehen, um Neues zu entdecken. „Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche“ hat mir genau dabei geholfen und dafür bin ich den Autorinnen und Autoren sehr dankbar.

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