„Der biblische Auftrag zur Inklusion – oder: Das vergessene Thema der Kirche“

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Heute möchte ich ein Buch zu einem wichtigen und weitgehend verdrängten Themenbereich empfehlen. Es geht um Menschen mit Behinderungen und ihren Platz in der Kirche. Es geht um die Frage von Inklusion, um implizite Erwartungen an den Hauptamtlichen Dienst und Vorurteile gegen über Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen. Ein großes und nicht leichtes Thema und ich bin dankbar, dass der Theologe Oliver Merz sich diesem Thema angenommen hat. Auch aus eigener Betroffenheit heraus, hat er die letzten Jahre geforscht, Menschen zugehört, befragt und dann seine Doktorarbeit zu diesem Themenbereich geschrieben. Jetzt ist daraus ein spannendes Buch geworden, was nun vorliegt und ich (mit meinen Herausgeberkolleg*innen) durfte ein paar einleitende Worte zum Thema Inklusion in Kirche und Theologie schreiben, was ich sehr gerne getan habe. Dementsprechend wünschen ich mir, dass dieser Band in den Kirchen und Gemeinden gelesen und diskutiert wird, weil es nicht nur theologisch wichtig und ekklesiologisch notwendig ist, sondern weil wir eine neue Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen brauchen, wie Hinz treffend bilanziert: „Die größte Herausforderung inklusiver Erziehung [ist daher] die Veränderung von Einstellungen und Haltungen, die Veränderung des Selbstverständnisses und des Menschenbildes einer ganzen Institution“ (Hinz 2011:21).

Inklusion und Miteinander

Warum dieses Buch gleichermaßen wichtig und unbequem ist: Zum einen setzt es sich mit der Theorie von Inklusion auseinander, und zum anderen fragt es nach der praktischen Umsetzung im kirchlichen Leben. Da gehört Inklusion zumindest gefühlt zu unserem Alltag, aber praktisch noch lange nicht. Damit Inklusion weder zu einem pädagogischen noch zu einem theologischen Unwort verkommt, hat sich Oliver Merz auf Spurensuche gemacht und das kirchliche Feld von der Leitung her untersucht. Wenn wir von Inklusion reden, dann geht es primär um die Ausgrenzung unterschiedlicher Minderheiten und deren fehlendem Recht auf ein gleichberechtigtes Miteinander in der Gesellschaft. Exklusion hingegen beschreibt die Menschen, die für die Gesellschaft überflüssig sind und die deshalb keinen regulären Platz bekommen. Oftmals hat dies mit den großen Themen Geld, Arbeit, Status und der Frage nach der Nützlichkeit und Produktivität eines Menschen zu tun. Deshalb spricht der britische Soziologe Anthony Giddens sogar von einer „doppelten Exklusion“, nämlich einer Selbstabgrenzung der „herrschenden Eliten“ und einer mehr oder weniger gewollten Aus- bzw. Abgrenzung der „unterdrückten Schichten“. Unterschiedliche Gruppen von Menschen definieren sich gern über Anziehungs- und Abgrenzungsmechanismen. So kommt es, dass sich viele homogene Gruppen bilden, bzw. Menschen sich in Milieus gruppieren.

Inklusion und Menschenwürde

Die inhaltliche (theologische) Begründung der Menschenwürde und der daraus resultierenden Menschenrechte geht auf das alttestamentliche Verständnis der „Imago Dei“ zurück, der Ebenbildlichkeit des Menschen gegenüber Gott in der Schöpfung (Gen 1,26-27). Gott schafft den Menschen nach seinem Bilde und verschafft ihm dadurch, unabhängig von seinem Tun, einen absoluten und universalen Wert und eine Teilhabe an Vernunft und Macht, die der Mensch als Gestaltungsauftrag auf der Erde nutzen soll. Für den Tübinger Theologen Jürgen Moltmann ist dies die Grundlage und der Kernbegriff seiner Anthropologie und er ergänzt, dass der Mensch nicht nur Repräsentant und Abglanz von Gottes Herrlichkeit ist, sondern damit auch eine Erscheinungsweise Gottes selbst: „Nicht ein Fürst, sondern der Mensch, Mann und Frau gleichermaßen, alle Menschen und jeder Mensch ist Bild, Stellvertreter, Beauftragter und Abglanz Gottes“ (Moltmann 1985:224). Zur Geschichte des Menschen gehört aber auch der Sündenfall (Gen 3), durch den der Mensch in all seinen/ihren Beziehungsebenen gestört und entfremdet wurde von sich selbst, Gott und der ganzen Schöpfung. Trotzdem nennt der Psalmschreiber David den Menschen „mit Herrlichkeit gekrönt“ und „ein wenig niedriger gemacht als Gott selbst“ (Psalm 8). Diese Aussage zieht sich durch das ganze Alte und Neue Testament, wie Oliver Merz in seiner Arbeit eindrucksvoll nachweist. Der Mensch steht trotz aller Gefallenheit in einer unauflöslichen Beziehung zu seinem Schöpfer und in einer großen Geschichte der Wiederherstellung dieser Beziehung. Im Neuen Testament wird die Ebenbildlichkeit Gottes besonders in der Ebenbildlichkeit Christi deutlich. In Christus können wir Menschen Gott wieder neu erkennen und uns selbst widerspiegeln in seiner Herrlichkeit. Dies hat aber nicht nur Auswirkungen für die eigene Wahrnehmung, sondern kommt auch allen anderen Menschen zugute. Durch die Rechtfertigung des Sünders/der Sünderin entfaltet sich die Würde unabhängig von der Beschaffenheit und Leistung des Menschen und dies in aller Fehlbarkeit. Der Theologe Bach bringt dies auf den Punkt, wenn er schreibt: „Wenn Gott selber in die Hilflosigkeit kam, dann ist Hilflosigkeit kein Makel, dann ist Schwäche nicht schlimm; beide sind von Gott geheiligt“ (Bach 1986:100). Die Ebenbildlichkeit des Menschen besteht also keinesfalls nur im grundsätzlich Guten des Menschen, sondern auch in seiner Unvollkommenheit.

Inklusion und Kirche

Was auf der einen Seite für Christinnen und Christen in den Kirchen und Gemeinden selbstverständlich sein sollte, weil klassische Exklusionsgründe (Galater 3,28: Mann/Frau, arm/reich, Einheimischer/Fremder) durch Christus überwunden werden, ist auf der anderen Seite immer noch problematisch (sowohl in als auch außerhalb der Gemeinden). Denn als Christinnen und Christen stehen wir immer noch mit beiden Beinen mitten in dieser gefallenen Welt. Inklusion muss aber genau diese Spannung aushalten, da sie sich auf der einen Seite für die Würde und die Rechte aller Menschen einsetzt und auf der anderen Seite durch Inklusion nicht das Paradies auf Erden geschaffen wird. Gerade weil es um verschiedenartige und gefallene Menschen geht, gehört das Thema Versöhnung zur Prämisse jeglicher Inklusionsdebatten. Dabei geht es nicht um eine billige „Gleichmacherei“, sondern um die zentrale Frage einer neuen Gemeinschaft. Wenn wir den Gedanken der Inklusion im Neuen Testament verorten wollen, dann ist dies kein Individualgeschehen, sondern eingebettet in die neue Gemeinschaft, die Christus durch Kreuz und Auferstehung gestiftet hat. Gott selbst leidet in Christus am Kreuz für alle Ausgrenzungen und öffnet so erst die Tür zu dieser neuen Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Die Selbsthingabe Christi feiern wir im Abendmahl, in dem diese neue Gemeinschaft auf Erden schon sichtbar wird. In Taufe und Abendmahl erinnern sich die Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi an ihre Ebenbildlichkeit Gottes und feiern dann die Teilhabe an der neuen Gemeinschaft und dem Leib Christi (1Kor 11,21.24). Durch Christus erleben wir eine Transformation unseres Denkens und Handelns (Röm 12,2) und können so die neue Gemeinschaft miteinander leben. Dies zeigt sich auch in dem von Paulus immer wieder bemühten Bild des Leibes (Röm 12; 1Kor 12), in dem alle gleichwertig zusammengehören, aber jede/r seine spezifischen Aufgaben hat (1Kor 12,12¬-31).

Inklusion und Unterscheidung

So sind wir verbunden durch den einen Geist, sind ein Leib und doch unterschiedliche Glieder. Volf beschreibt dies folgendermaßen: „Der Geist löscht die körperlichen Unterschiede nicht aus, sondern er ermöglicht den Zugang zum einen Leib Christi für Menschen mit solchen Unterschieden zu gleichen Bedingungen. Was der Geist auslöscht (oder wenigstens lockert), ist die stabile und sozial konstruierte Wechselbeziehung von Unterschieden und sozialen Rollen. Die Gaben des Geistes werden ungeachtet dieser Unterschiede gegeben“ (Volf 2012:55). In einer Gemeinschaft seinen Platz finden unabhängig von seiner Herkunft ist ein christliches Identitätsmerkmal, das auf die Ebenbildlichkeit Gottes zurückgeht. Alle Menschen haben denselben Wert und dieselbe Würde, unabhängig von ihrem Tun und können somit Teil des Leibes Christi werden. Ein großes Missverständnis in der aktuellen Inklusionsdebatte ist aber, daraus zu schließen, dass alle Menschen das Recht haben, alles gleich tun zu können oder zu müssen. Dieser „Zwang zur Inklusion“ wird weder der Ebenbildlichkeit Gottes in seiner Vielfalt, noch dem Bild des Leibes Christi gerecht. Würde und Vielfalt schließen sich nicht aus, nein sie bedingen sich gegenseitig. Paulus spricht weder von einer Auflösung der Identität, noch davon, dass es keine kulturellen Unterschiede mehr gibt oder die Geschlechtlichkeit aufgehoben wird, sondern von einer Wertigkeit der Unterschiede in ihrem geschöpflichen Platz und ihrer Ebenbildlichkeit in Gott selbst. So wie die Schöpfung am Anfang schon eine Vielfalt kannte und eine Harmonie und Gleichwürdigkeit, so gibt es dies in der neuen Schöpfung durch Christus auch. Im Schöpfungsprozess wird geordnet und differenziert, aber nicht ausgeschlossen. Es geht also nicht um eine Gleichmacherei aller Menschen, sondern um eine differierende Gleichwürdigkeit. Eine gesunde Identitätsentwicklung braucht auch Abgrenzungsmechanismen, die Unterschiedlichkeiten (in Gaben, Aufgaben und Wirkungsort) deutlich machen und gleichermaßen Vielfalt befürworten. Der Ort dies einzuüben ist laut der Bibel die Kirche und Gemeinde.

 

8 Comments

  1. Ebenso fundiert zu dieser Thematik äußert sich in seinen Werken Johannes Eurich, z.B. in „Gerechtigkeit für Menschen mit Behinderung“ oder „Inklusive Kirche“.

    Dass hier die Forderung, „dass alle Menschen das Recht haben, alles gleich tun zu können“ als „großes Missverständnis“ oder „billige Gleichmacherei“ bezeichnet wird, ist aber nur schwer nachzuvollziehen. Genau darum gehts bei Inklusion (im Unterschied zur Integration): Dass alle Menschen unmittelbar teilhaben. Dazu bedarf es des Rechtsanspruchs für Menschen mit Behinderung, die gleichen Dinge tun zu können wie alle anderen auch; dazu gehört auch der Anspruch auf Unterstützung, um Dinge tun zu können, die nur mit Unterstützung möglich sind.

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    • Ja, schätze das Buch von Johannes Eurich sehr!
      Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt, aber zwischen „Teilhabe“ und „das Gleiche tun können“ ist für mich ein Unterschied. Und der ist auch gut und wichtig, weil jede und jeder dieselben Rechte und den selben Wert hat, aber deshalb kann jemand Blindes bspw. nicht sehen und braucht deshalb besondere technische Hilfsmittel, vielleicht sogar eine extra Schule (wie hier in Marburg). Weil jede und jeder den Anspruch auf Unterstützung hat ist es keine „billige Gleichmacherei“…..

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      • Vielleicht meinen wir das selbe und reden doch aneinander vorbei. Niemand muss das Gleiche tun (können), aber für mich bedeutet Inklusion, dass jede und jeder den Anspruch auf Unterstützung hat, um vollständig in allen Lebensbereichen teilhaben zu können – ohne in Sondersysteme gesteckt zu werden (Sonderschulen, Werkstätten, Wohnheime am Ortsrand). Eine inklusive Gesellschaft (und Kirche) zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass sie den betroffenen Menschen individuelle Unterstützung bietet, sondern auch durch strukturelle Veränderung, sodass von Anfang an alle teilhaben können. Und DA fängt für Kirchen die echte Arbeit an: Können Menschen mit Behinderung Kirchengemeinderäte werden? Sind die Gemeinderäume barrierefrei? Ist auch die Verkündung inklusiv (hier lohnt sich die Lektüre U. Bachs)? Die meisten kirchlichen Projekte, die sich „inklusiv“ nennen, sind es eben doch nicht, weil sie sich „speziell“ an Menschen mit Behinderung richten.

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  2. Hm, das ist wenig konkret. Pfarrer treten in ein beamtenähnliches „Dienstverhältnis“ ein. Wenn sich nichts geändert hat, steht für die Lebzeitverbeamtung immer noch eine amtsärztliche Untersuchung an, von der eine Übernahme abhängig gemacht wird. Da haben Menschen mit Behinderung schlechte Karten.
    Wie steht es also konkret heutzutage mit der Haltung der Dienstherrin Landeskirche und ihrer Toleranz für Behinderungen? Gibt es Grenzen? Wo liegen die? Und kann man von Gemeinden die erforderliche Toleranz erwarten? Was ist, wenn eine „gedeihliche“ Zusammenarbeit einer Gemeinde (Kirchengemeinderat) mit einem Pfarrer wegen seiner Behinderung nicht mehr zu erwarten ist?

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    • dierk schäfer

      habe keine lust mir das buch zu kaufen. geht es auch auf die denkbare unvermögen von gemeindemitgliedern ein, sich mit dem unvermögen eines behinderten pfarrers zu arrangieren? beispiel: eine blinde pfarrerin kann braille und damit auch bestens predigen. ein pfarrer, der stark spastisch behindert ist und dadurch kaum verständlich, wird diesen job wohl kaum ausfüllen können. bitte kein verweis auf Stephen Hawking, der hat ein anderes publikum und ist zudem genial.

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