Gedanken zur Jahreslosung 2022: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“ – außer du bist homosexuell, eine Frau oder hast eine Behinderung!?“ Wie wir Exklusionsdynamiken überwinden und eine Willkommenskultur in unseren Gemeinden etablieren können.

Theologie

 

„Wir sind, wer wir sind, nicht weil wir von den anderen neben uns unterschieden sind, sondern weil wir sowohl unterschieden als auch verbunden sind, verschiedenartig und verwandt. Die Grenzen, die unsere Identität ausmachen, sind sowohl Barrieren als auch Brücken“ (Miroslav Volf 2012:78).

 

Ist das Fortführen der Jahreslosung übertrieben? Oder gar falsch? Nur polemisch? Vielleicht. Vielleicht sind meine Erfahrungen der letzten Jahre in vielen Gemeinden auch singulär, aber ich fürchte wir haben es sowohl mit ungewollten als auch gewollten und sogar theologisch begründeten und strukturell verankerten Exklusionsdynamiken zu tun, die Menschen beabsichtigt und/oder unbeabsichtigt herabsetzen und ausgrenzen. Hier ein paar Szenen, die ich erlebt und mitbekommen habe:

Szene 1: Ich predige in einer Freikirche, hinterher gemeinsames Mittagessen, wir kommen ins Gespräch und sie erzählen, dass sie gerade „Gemeindezucht“ betrieben haben und ein Mitarbeiterpaar, dass unverheiratet zusammengezogen ist, aus der Mitarbeit genommen haben. Sie dürfen gerne zurückkommen, wenn sie Buße tun und heiraten oder wieder auseinanderziehen.

Szene 2: Ich bin zu einer Mitarbeitendenschulung einer ev. Kirchgemeinde eingeladen. In der Pause kommen wir ins Gespräch und einige Mitarbeitende erzählen mir, dass sie drei anderen Mitarbeitenden eine „Denkpause“ verordnet haben, in der sie nicht mitarbeiten sollen, weil sie sich weigern, faire Produkte zu kaufen. So ein unsoziales und unchristliches Verhalten könne man nicht einfach tolerieren.

Szene 3: Ich besuche Freunde in einer größeren Gemeinde, die am nächsten Tag einen besonderen Gottesdienst haben, wo der Bürgermeister ein Grußwort sprechen soll. Am Vorabend gibt es eine große Diskussion, weil eine mehrgewichtige Frau aus der Lobpreistanzgruppe vom Pastor gesagt bekommen hat, dass es besser für die Gemeinde und das Evangelium wäre, wenn sie am nächsten Tag nicht mittanzen würde.

Szene 4: Ich stehe nach einem Abendvortrag im Foyer und unterhalte mich, als ich mitbekomme, wie eine Frau auf eine andere Frau mit ihrem Sohn intensiv einredet. Ich wende mich den beiden Frauen und dem Sohn zu und höre, wie gesagt wird, dass Gott den Sohn der anderen Frau heilen möchte. Seine Behinderung (Asperger Autismus) wäre nicht von Gott und sei die Folge von Sünde. Deshalb wäre es jetzt wichtig Buße zu tun, damit ihr Sohn geheilt werden kann.

Szene 5: Ein homosexueller Mann möchte als Mitarbeiter in der Jugendarbeit einer freien Gemeinde anfangen, aber ihm wird mitgeteilt, dass er zwar in der Gemeinde und den Gottesdiensten herzlich willkommen sei, aber leider nicht in eine verantwortliche Mitarbeit gehen darf, weil er in Sünde lebe.

Szene 6: Eine Studierende macht ihr Praktikum in einer Freikirche und fragt, ob sie auch mal predigen darf. Dies wird abgelehnt, weil sie eine Frau ist und von der Bibel her nicht leiten und lehren darf. Die Bibel sei da klar und auch die Kirchengeschichte und die weltweite Gemeinde sehe das so.

Szene 7: Ich bin mit Freunden in einem katholischen Gottesdienst eingeladen, nach einer ansprechenden Predigt wird die Eucharistie ausgeteilt. Mir wird es verweigert, weil ich evangelisch bin.

Szene 8: Eine Frau fühlt sich in der Gemeinde nicht so wohl, weil sie selbst kein Studium absolviert und ihre beiden Kinder eine Lehre gemacht haben. Scheinbar alle in der Leitung, haben promoviert und das wird auch auf allen Veranstaltungshinweisen deutlich sichtbar gemacht.

Und diese Szenen könnte man jetzt fast beliebig erweitern und ich bin sicher, dass viele Leserinnen und Leser eine eigene Geschichten hinzufügen können. Die Liste ist lang und hier sind rassistische oder sexuelle Gewalt noch nicht mal dabei. Aber wie kann es sein, dass ausgerechnet die Kirche, Gottes Experimentierraum der Liebe und Gnade auf Erden, zu so etwas fähig ist? Was ist los mit der Gemeinde Gottes? Die diesjährige Jahreslosung bildet dazu eine Art Gegengift. Deshalb lohnt es sich, diese etwas genauer anzuschauen.

„Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh. 6,37)

Im Kontext von Johannes 6 geht es um Jesus als Brot des Lebens. Zunächst die Vermehrung von zwei Broten und fünf Fischen. Ein Vermehrungswunder unter der Motto: Den Menschen Gutes tun. Jesus sieht die Bedürfnisse der Menschen und zwar immer beide, die materiellen/existenziellen und die geistlichen/spirituellen Bedürfnissen. So wie Jesus selbst ganz Mensch und ganz Gott ist, so sieht er den Menschen als ganzheitliches Wesen mit all dem, was er und sie braucht. Es geht ihm um das irdische Leben mit all den Herausforderungen und Gebrochenheit und Nöten und um das schon auf Erden beginnende ewige Leben.

So wie Jesus in diese unvollkommene Welt gekommen ist, so beginnt das ewige Leben hier und heute mitten im Unvollkommenen.

Und so sättigt das Brot den Hunger der Menschen und das Brotwunder offenbart die Macht und Kraft Gottes. Beim Essen des Brotes schmecken die Menschen ein Stückchen Ewigkeit. Mit Jesus beginnt das Reich Gottes hier auf Erden und der Himmel wird ein Stück sichtbarer. Jesus ist das lebendige Brot: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“

Willkommen bei Jesus: „Wer zu mir kommt…“

„Wer zu mir kommt“, dieselben Worte, die uns ein paar Verse weiter nochmal in der Jahreslosung begegnen werden und eine typisch johanneische Ausdrucksweise. Jesus begegnet ganz unterschiedlichen Menschen: Nikodemus (Joh 3), der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4), dem königlichen Beamten (Joh 4), dem Kranken am Teich Betesda (Joh 5). „Wer zu mir kommt“ und mir begegnet, von und mit mir isst, Gemeinschaft feiert, der wird verwandelt werden. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Sei willkommen, egal wer du bist, was die anderen über dich denken.

Jesus hat viele Exklusionsgrenzen der damaligen Zeit überwunden und mit den Menschen gegessen, gefeiert und geredet. Jesus liebt die Gemeinschaft mit Menschen,  hat keine Vorbehalte, sondern spricht den Menschen Anerkennung und Zugehörigkeit zu. Ja, Jesus sieht es sogar als seinen Auftrag, das zu suchen, was verloren und ausgegrenzt ist. Jesus stellt sich auf die Seite der Ausgegrenzten und ruft sie in seine Nachfolge. Eine inklusive Gemeinschaft hat eine heilende Wirkung und führt die Menschen zu ihrer geschaffenen Ebenbildlichkeit. Jesus isst mit den Zöllnern und den Prostituierten, berührt die blutflüssige Frau, die Aussätzigen und führt sie zurück in die gesellschaftliche und soziale Struktur.

 „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“

Was aber bedeutet „nicht hinausstoßen“? Der katholische Theologe Rudolf Schnackenburg weist zurecht darauf hin, dass „hinausstoßen“ im Kontext des Johannesevangelium das Bild der Herde und dem Hirten im Blick hat (Joh 10,1ff), die Schafe, die die Stimme des Hirten hören und ihr folgen, der Hirte, der für Sicherheit sorgt und kein Schaf verloren gibt und schon gar keines hinauswirft aus seiner Herde (Joh 10,28). Es geht um die „Glaubensherde“, die zu Jesus kommt, ihn hört, mit ihm isst und ihm nachfolgt. Dabei geht es sowohl um die „Schafe“, die aus der Herde selbst kommen als auch um die, die nie zur Herde gehört haben. Interessant ist die semantische Bedeutung des „nicht hinausstoßen“ im griechischen Grundtext (οὐ μὴ), denn die Verneinung  beschreibt eine sehr starke Verneinung, die man mit „nimmermehr“ oder „niemals“ übersetzen könnte. (Bauer-Aland 1048) Das Wort „hinausstoßen“ (ἐκβάλω) hat dabei in allen Übersetzungen eine klare Richtung und eine ähnliche Wortwahl: „nicht hinausstoßen“ (Luther und Elberfelder), „nicht abweisen“ (HfA, GN, EÜ), „nicht hinausweisen“ (NGÜ). Es kommt auch an anderen Stellen vor, wie zum Beispiel in Joh 9,23 +34, wo der Blindgeborene von den Pharisäern aus der Synagoge ausgeschlossen und hinausgeworfen wurde.  Jesus geht dem Hinausgeworfenen nach und nimmt ihn auf und ernst und erklärt ihm, was geschehen ist. Es wird also deutlich, dass Jesus niemand abweisen oder ausstoßen wird, der zu ihm kommt und es wird auch deutlich, dass es hier um die „Herde“, also die Gemeinde Jesus geht. Und jetzt könnten wir sagen: Na dann ist ja alles klar, alle sind willkommen in unseren Gemeinden.

Und da würden jetzt wahrscheinlich auch viele zustimmen, aber dann kommt das große „aber“! Dieses „aber“ hat viele Begründungen, meist sind sie sehr fromm und kommen im theologischen Gewand daher.

„Die Bibel ist da doch glasklar und eindeutig.“ „Das ist doch ein Zeitgeistphänomen.“ „In 2000 Jahren Kirchengeschichte gab es das nicht.“  Und das können wir jetzt auf die verschiedenen Szenen des Einstiegs anwenden. Besonders zwei Punkte möchte ich dazu aber nochmal herausheben.

Theologie als Machtinstrument der Exklusion?

Eine Hermeneutik (Bibelauslegung) hilft, dass die biblischen Texte zu uns heute reden. Eine schlechte Hermeneutik lässt die biblischen Texte verstummen.

Eine schlechte Hermeneutik vermag alles durch das Herausreißen eines Textes aus dem Kontext.

Deshalb ist es wichtig, die Bibel im Kontext der ganzen Schrift wahrzunehmen (Kanonizität) und sie im Zusammenhang mit der Heilsbotschaft des christlichen Glaubens an das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen/deuten, also die große Geschichte Gottes und ihrer Zielstellung zu beachten. Dabei die einzelnen Texte philologisch und historisch im Kontext ihrer Zeit zu interpretieren (Geschichtlichkeit), so dass es zu einer Wechselwirkung zwischen biblischen Normen und der eigenen Wahrnehmung kommt (Kontextualisierung). Die einzige wahre Theologie gibt es nicht, denn Theologie ist nie neutral, immer zeitlich und kulturell gebunden. Theologie ist immer der Versuch, mit den kulturell verfügbaren Mitteln die aktuelle Lehre von Gott zu beschreiben, deshalb ist eine theologische Auslegung immer auch ein Zeitdokument.

Man könnte mit Paul Watzlawick sagen: „Man kann nicht nicht kontextualisieren.“ Theologie ist deshalb immer temporär und nicht vollständig, ist immer auch kulturell und biographisch geprägt.

Deshalb dürfen und müssen auch theologische Prämissen hinterfragt werden, braucht es eine Haltung der Offenheit, eine Auslegungsgemeinschaft des miteinander Ringens um eine gesunde und gesundmachende Theologie in unseren Kirchen und Gemeinden. Wer sich dafür mehr interessiert kann hier mal schauen.

Das schwere Leben im gemeindlichen Happyland

Aber oftmals sind es nicht nur die theologischen und biblischen Richtigkeiten und Gebote, die Menschen exkludieren, verletzen und erniedrigen. Manchmal sind es die unausgesprochenen Dinge, die Menschen das Gefühl geben:

Du bist falsch, so wie du bist. Das ist oftmals schwer greifbar, aber wirkt wie ein Gift, das sich langsam ausbreitet.

Es war schon immer so, dass nur bestimmte Gruppen, Familien etc. bestimmte Sachen sagen, leiten oder machen durften. Gemeinden bilden immer auch ein bestimmtes Milieu ab, eine soziale Vergemeinschaftung, die wie alle anderen soziale Gebilde auch. Es sind die ungesagten Privilegien, die Menschen klein machen. Die Autorin Tupoka Ogette hat dafür ein Wort geprägt: Happyland.  Happyland beschreibt die Erfahrung derjenigen, die unter keiner offiziellen Unterdrückung leiden und sich sogar gegen Unterdrückungsmechanismen wie Sexismus, Rassismus oder Diskriminierung einsetzen. Sie merken aber nicht, wie sehr auch sie daran gewöhnt sind, eigene Privilegien für selbstverständlich zu nehmen und Ausgrenzung anderer zu übersehen. Menschen fühlen sich nicht gut genug, weil sie nicht die übliche Bildungskarriere haben, nicht so aussehen wie die Mehrheit oder nicht das Einkommen verfügen, was scheinbar alle anderen haben.

Scham ist ein starker Exklusionsfaktor und ist oftmals unsichtbar und verletzend.

Es geht um Gewohnheiten, Unausgesprochenes, Erwartetes und Selbstverständlichkeiten, die sich aus einer jahrhundertelangen Geschichte speisen und die manchmal sogar ungewollt fortgeführt werden. In diesem Happyland haben Menschen oft das Gefühl des „Nicht-Gesehen-Werdens“, des „Nicht-zu-Wort-Kommens“ oder des „Nicht-Gehört-Werdens“. Zurück bleibt oft das Gefühl, weniger wert zu sein.

Abgrenzungsmechanismen erkennen

Wenn wir von Ausgrenzung unterschiedlicher Minderheiten und deren fehlendem Recht auf ein gleichberechtigtes Miteinander in der Gemeinde reden, dann ist dies sicherlich kein exklusiv kirchliches oder theologisches Problem, sondern wir sind geprägt von einer Gesellschaft, die uns darin geradezu prägt. Exklusion beschreibt den Mechanismus, der Menschen als für die Gesellschaft überflüssig erklärt und die deshalb keinen regulären Platz bekommen. Oftmals hat dies mit den großen Themen Geld, Arbeit, Status und der Frage nach der Nützlichkeit und Produktivität eines Menschen zu tun. Deshalb spricht der britische Soziologe Anthony Giddens sogar von einer „doppelten Exklusion“, nämlich einer Selbstabgrenzung der „herrschenden Eliten“ und einer mehr oder weniger gewollten Aus- bzw. Abgrenzung der „unterdrückten Schichten“. Unterschiedliche Gruppen von Menschen definieren sich gern über Anziehungs- und Abgrenzungsmechanismen. So kommt es, dass sich viele homogene Gruppen bilden, bzw. Menschen sich in Milieus gruppieren. In unseren Gemeinden ist dies oftmals ähnlich, nur, dass es zu den ökonomischen Abgrenzungsmechanismen zusätzlich noch theologische gibt. Es gibt eben kein gleichberechtigtes Miteinander in verschiedenen Gemeinden, wie die acht Szenen am Anfang deutlich aufgezeigt haben.

Eine gute Theologie hilft den Menschen als Ganzes zu verwandeln und berührt nicht nur sein Inneres, nein der Geist Gottes will den ganzen Menschen verändern, von seinem Denken über sein Sein bis zu seinem Verhalten.

Manchmal helfen ein paar einfache Fragen, um das zu überprüfen:

  • Dient die Theologie/Auslegung/Gebote dem Leben? Fördert sie Menschen?
  • Führt sie in eine mündige Beziehung zu Gott?
  • Wem schadet die Theologie? Wer wird ausgegrenzt? Wird die Stimme dieser Menschen gehört?
  • Wem dient die Theologie? Wer hat einen Nutzen davon?
  • Werden die Schwächsten durch die theologischen Entscheidungen gefördert?
  • Fördert die Theologie die äußere und innere Gesundheit der Menschen?

 

Und die Gemeinde ist der Platz, wo Exklusion überwunden werden sollen, weil in der Herde Jesu alle willkommen sind.

 

Ergänzung 6. Januar:

Als ich das Bild zur Jahreslosung von Eberhard Münch sah, musste ich an einen Text von mir denken, den ich im April 2010 geschrieben habe und der im Kontext der Jahreslosung und unserer aktuellen Situation in Gesellschaft und Kirche geradezu prophetisch ist:

„Ich habe vor einigen Wochen das Buch Sacharja gelesen, dort bekommt der Prophet acht Visionen in denen es um das neue Reich Gottes geht. In der dritten Vision (Sacharja 2,5-17) soll das neue Jerusalem auf Erden gebaut werden. Zuerst sollen die Mauern errichtet werden, denn eine Stadt ohne Mauern ist schutzlos. Doch Gott schreitet ein, sein neues Reich soll keine Mauern mehr haben, sondern soll offen sein für alle Menschen und Tiere. Gott selbst wird durch seine Heiligkeit wie eine Mauer aus Feuer sein. Diese Stelle hat mich sehr getroffen, baue ich doch sehr oft Mauern um mich und auch die Gemeinde auf. Eine Mauer ist schon sehr praktisch, sie ist nicht nur Schutz für die, die drin sind, sondern auch Ausgrenzung für die, die draußen sind. Was ist, wenn die, die draußen sind gar keine Feinde sind? Wenn die, die draußen sind von Gott genau so geliebt sind, wie die, die drinnen sind? Dann ist die Mauer ein Hindernis, ja sie muss weg. Als Christinnen und Christen haben wir eine lange Geschichte der „Ausgrenzung“ von Menschen und haben schon genug Mauern um unsere gut bürgerlichen Gemeinden gebaut. Gut begründet schließen wir auf den unterschiedlichsten Ebenen Menschen aus wie Kinder, Menschen mit Behinderungen, Frauen, Ausländer etc. Miroslav Volf beschreibt diese Ausgrenzung als ein zentrales Problem von uns Menschen, dass nur durch die Versöhnung durch Christus überwunden werden kann und unter uns Menschen praktisch vollzogen werden muss. Aber gerade im Letzteren habe ich oftmals meine Schwierigkeiten. Obwohl ich eigentlich genau weiß, dass der Kern der christlichen Botschaft die liebende und heilende Gemeinschaft ist, dass Integration und nicht das Ausgrenzung die Botschaft Christi ist. Aber die Mauer der Angst ist oftmals größer. Gott sagt in Sacharja: „Ich selbst werde eine Mauer aus Feuer sein.“ Nicht wir sollen eine Mauer bauen, sondern wir sollen Gott vertrauen, er wird sich selbst darum kümmern. Er entscheidet, wer „drin & draußen“ ist. Ich wünsche mir Versöhnung statt Angst und Vertrauen statt Mauern und Integration statt Exklusion.“

Wo bauen wir aus Angst Mauern auf?

Welche Mauern zwischen uns müssen abgerissen werden? Was ist meine Aufgabe dabei?

Wo müssen wir dem „Feuer Gottes“ wieder mehr vertrauen als uns selbst?

Gemeinde ist der Raum in dem menschliche Grenzen überwunden werden

So schriebt Paulus an die Gemeinden in Galatien (Galater 3,28): „Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.“ Damit verbinden wir den Traum, dass wir im Auftrag Jesus gegen die drei großen Formen der Unterdrückung als Christinnen und Christen konsequent vorgehen: kulturelle Differenzen: “Griechen & Juden”; geschlechtliche Unterdrückung: “Männer & Frauen”; Ausbeutung durch Ungleichheit: “Freie & Sklaven”. Gemeinde als Ort der Integration und nicht der Ausgrenzung, Überwindung der Grenzen in unserem Kopf, der Grenzen in unserem Herzen, der Grenzen unserer Kultur, unseres Milieus, der Grenzen unserer Theologie und auch der Grenzen zwischen den Generationen. Wiederherstellung von Gemeinschaft ist Gottes großes Ziel in und mit dieser Welt. Was heißt Gemeinschaft: Sich einbringen, einander tragen, ermutigen und ermahnen.

Hier sind wir mitten in der Jahreslosung und in der Willkommenskultur, die Jesus vorgelebt hat und gesellschaftliche Exklusionen der damaligen Welt überwunden hat.

Ob Ausländer, Aussätzige oder Ausgegrenzte, Jesu „offensive Heiligkeit“ hat immer auch eine Integration in die Gesellschaft zur Folge gehabt, immer eine Integration in die Gemeinschaft mit Gott, war geleitet von Gnade und Barmherzigkeit. Und das hat auch die erste Gemeinde in Jerusalem so gelebt, alle waren willkommen, was sich sogar bis in die Räumlichkeiten gezeigt hat. Denn sie trafen sich alle gemeinsam im Tempel, um öffentlich Gottesdienst zu feiern. Alle konnten am Gottesdienst teilnehmen, klingt nicht spektakulär, was es aber, denn im jüdischen Tempel gab es verschiedene Räume für verschiedene Gruppen (Männer, Frauen, Heiden), der Gottesdienst der ersten Gemeinde fand nicht zufällig in der „Halle Salomos“ statt (Apg 3,11; 5,12), denn dies war der Raum im Tempel, zu dem alle Gruppen, auch Frauen und Heiden Zutritt hatten. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Für die damaligen Verhältnisse war dies sehr besonders, ja grenzüberschreitend, denn das neue Gottesvolk entstand aus Heiden und Juden und das brachte viel Diskussionen mit sich, die sich durch fast alle Briefe des Neuen Testamentes ziehen (von der Notwendigkeit der Beschneidung über das Essen von Götzenopferfleisch bis zur Frage der Gültigkeit der Reinheitsgebote). Es war nicht alles gut in den ersten Gemeinden, das zeigt auch, dass in Jerusalem die griechischen Witwen benachteiligt (Apg 6) wurden oder gelogen und betrogen wurde (Apg 5).

Es ging und geht in Gemeinde nicht um Perfektion, sondern um gelebte Beziehungen und die müssen gelebt, überprüft und versöhnt werden.

Es gibt keine Gemeinschaft ohne Grenzen, ohne Verabredungen und ohne Spannungen. Die Frage ist: Wie wird damit umgegangen? Wie offen wird darüber geredet? Wie transparent werden Entscheidungen getroffen? Und: Wer darf mitentscheiden?

Wenn alle willkommen sind, ist dann alles egal?

Als Christinnen und Christen stehen wir dabei immer noch mit beiden Beinen mitten in dieser gefallenen Welt.  Eine Willkommenskultur und eine Gemeinde, die Menschen in ihre Gemeinschaft aufnehmen und inkludieren will, steht auch vor manchen Herausforderungen.

Willkommenskultur und Inklusion muss aber genau diese Spannung aushalten, da sie sich auf der einen Seite für die Würde und die Rechte aller Menschen einsetzt und auf der anderen Seite durch Inklusion nicht das Paradies auf Erden geschaffen wird. Gerade weil es um verschiedenartige und gefallene Menschen geht, gehört das Thema Versöhnung zur Prämisse jeglicher Inklusionsdebatten.

Dabei geht es nicht um eine billige „Gleichmacherei“, sondern um die zentrale Frage einer neuen Gemeinschaft. Wenn wir den Gedanken der Inklusion im Neuen Testament verorten wollen, dann ist dies kein Individualgeschehen, sondern eingebettet in die neue Gemeinschaft, die Christus durch Kreuz und Auferstehung gestiftet hat. Gott selbst leidet in Christus am Kreuz für alle Ausgrenzungen und öffnet so erst die Tür zu dieser neuen Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Die Selbsthingabe Christi feiern wir im Abendmahl, in dem diese neue Gemeinschaft auf Erden schon sichtbar wird. In Taufe und Abendmahl erinnern sich die Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi an ihre Ebenbildlichkeit Gottes und feiern dann die Teilhabe an der neuen Gemeinschaft und dem Leib Christi (1Kor 11,21.24). Durch Christus erleben wir eine Transformation unseres Denkens und Handelns (Röm 12,2) und können so die neue Gemeinschaft miteinander leben. Dies zeigt sich auch in dem von Paulus immer wieder bemühten Bild des Leibes (Röm 12; 1Kor 12), in dem alle gleichwertig zusammengehören, aber jede/r seine spezifischen Aufgaben hat (1Kor 12,12-31).

Gemeinde ist ein Platz für Unvollkommenheit und ein Ort der Heilung

Jede Person, die in die Gemeinde kommt wird auch enttäuscht werden. Gemeinde als perfekter Ort ist ein Irrglaube, den es, wie eben gesehen, so weder in der Bibel, noch heute gibt. Aber wie leben wir in der Spannung, dass wir als Menschen immer auch Grenzen ziehen und in unserer Identitätsentwicklung auch von den Abgrenzungen leben? Denn es gibt keine Gemeinde, die für sich keine Grenzen zieht und das ist auch gut und gesund und ich möchte dazu auf einige Gedanken von Miroslav Volf und sein wegweisendes Buch “Von der Ausgrenzung zur Umarmung” verweisen. Volf nimmt die Gedanken des Leibes als Bild auf und verweist darauf: „Der Geist löscht die körperlichen Unterschiede nicht aus, sondern er ermöglicht den Zugang zum einen Leib Christi für Menschen mit solchen Unterschieden zu gleichen Bedingungen. Was der Geist auslöscht (oder wenigstens lockert), ist die stabile und sozial konstruierte Wechselbeziehung von Unterschieden und sozialen Rollen. Die Gaben des Geistes werden ungeachtet dieser Unterschiede gegeben“ (Volf 2012:55).

In einer Gemeinschaft seinen Platz finden unabhängig von seiner kulturellen Herkunft, seiner sexuellen Identität oder seiner Behinderung ist ein christliches Identitätsmerkmal, das auf die Ebenbildlichkeit Gottes zurückgeht.

Alle Menschen haben denselben Wert und dieselbe Würde, unabhängig von ihrem Tun und können somit Teil des Leibes Christi werden. Ein großes Missverständnis in der Inklusionsdebatte ist aber, daraus zu schließen, dass alle Menschen das Recht haben, alles gleich tun zu können oder zu müssen. Dieser „Zwang zur Inklusion“ wird weder der Ebenbildlichkeit Gottes in seiner Vielfalt, noch dem Bild des Leibes Christi gerecht. Würde und Vielfalt schließen sich nicht aus, nein sie bedingen sich gegenseitig. Paulus spricht weder von einer Auflösung der Identität, noch davon, dass es keine kulturellen Unterschiede mehr gibt oder die Geschlechtlichkeit aufgehoben wird, sondern von einer Wertigkeit der Unterschiede in ihrem geschöpflichen Platz und ihrer Ebenbildlichkeit in Gott selbst. So wie die Schöpfung am Anfang schon eine Vielfalt kannte und eine Harmonie und Gleichwürdigkeit, so gibt es dies in der neuen Schöpfung durch Christus auch.

Im Schöpfungsprozess wird geordnet und differenziert, aber nicht ausgeschlossen.

Es geht also nicht um eine Gleichmacherei aller Menschen, sondern um eine differierende Gleichwürdigkeit. Eine gesunde Identitätsentwicklung braucht auch Abgrenzungsmechanismen, die Unterschiedlichkeiten (in Gaben, Aufgaben und Wirkungsort) deutlich machen und gleichermaßen Vielfalt befürworten. Der Ort, dies einzuüben, ist laut der Bibel die Kirche und Gemeinde. Und so kommen wir wieder zu den Einstiegsbeispielen und der Frage, wie dies praktisch aussehen kann. Dies rechtfertig in keiner Weise eine Exklusion aufgrund des eigenen Geschlecht, Herkunft oder sexuellen Identität! Im Gegenteil, es fördert die Vielfalt der unterschiedlichen Menschen in Gleichberechtigung.

„…den werde ich nicht abweisen!“

Jede Gemeinde (und Gemeinschaft) ist dabei selbst ein systemischer Organismus und verfolgt sowohl eine bestimmte Identität als auch bestimmte Abgrenzungsmechanismen, auch aus ihrer Geschichte heraus. Genau dies gilt es immer wieder zu überprüfen und zu fragen, worin die Identität liegt und welche Motivationen hinter den aktiven und passiven Abgrenzungsmechanismen liegen. Viele unserer christlichen Gemeinschaften und Gemeinden sind (zu?) homogene Gruppen, die in der bürgerlichen Mitte verwurzelt sind und sich schwer tun, sich gegenüber Anderen zu öffnen. Die Motive für diese Abgrenzungen liegen dabei meist nicht in einer biblischen Reflexion des Kreuzes, sondern in gesellschaftlichen Prägungen und der Angst, etwas zu verlieren, wie Status, Zeit, Gewohnheiten, Traditionen etc.

Inklusion beginnt daher die eigene Situation zu reflektieren und die eigene Haltung zu hinterfragen. Was sind meine Ängste? Meine Prägung? Meine Motive oder meine Grenzen?

Wie gesehen geht es nicht um eine „Gleichmacherei“, sondern um die zentrale Frage nach der Ebenbildlichkeit und Menschenwürde eines jeden Menschen. Grundlage ist eine geistliche Haltung, dass ich demütig vor Gott, der Bibel und dem Nächsten bin. Denn Demut gibt Mut – und Mut brauche ich, um den Anderen nicht zu verurteilen, nicht zu schnell Grenzen zu ziehen, sondern um zu fragen, welches Bild ich vom Anderen in mir trage? Und wie dieses Bild entstanden ist? Eigene Erfahrungen? Hörensagen? Vorurteile? Mit welcher Haltung begegne ich diesem Bild in mir? Und bei all diesen Fragen muss mir bewusst sein, dass der Andere auch ein Bild von mir in sich trägt. Wie möchte ich, dass er oder sie mit diesem Bild umgeht? Der Umgang mit diesen „Bildern des Anderen“ nennt in der jüdische Philosoph Levinas eine gegenseitige „asymmetrische Verantwortungsbeziehung“. Das bedeutet, dass ich nicht nur für mich und mein Bild verantwortlich bin, sondern eben auch für den Anderen und sein Bild von mir. Diese Beziehung gilt es immer wieder zu reflektieren und zu korrigieren, nur so kann ich meine eigene Christusbeziehung stärken und den Anderen verstehen, sogar von ihm lernen. Dazu braucht es Mut, Vertrauen und nicht zuletzt echte Begegnung.

Wir brauchen eine Hilfs-, Lern- und Festgemeinschaft, die bei aller erstrebten Annäherung zugleich jede Form falscher Angleichung vermeiden will.

Wir haben also eine Verantwortung, wie wir die Einheit des Leibes Christi leben. In der Gemeinschaft Gottes sind alle Menschen willkommen und genau dies fordert die Jahreslosung dieses Jahr ein, nicht mehr und nicht weniger. Und das geschieht nicht von allein, sondern ist ein aktiver Prozess an dem möglichst viele beteiligt sind.

Zum Abschluss möchte ich acht praktische Umsetzungshilfen für den Gemeindealltag geben, die helfen können, die Jahreslosung praktisch zu leben:

Tipp 1: Beteiligungskultur (am Gottesdienst und anderen gemeindlichen Formaten): Hier gilt es möglichst viele unterschiedliche Menschen zu beteiligen. Jeder Dienst, sei er noch so klein und unscheinbar (nicht sichtbar)  ist wichtig und sollte in einem Team gemeinsam gemacht werden. Jeder dieser Dienste ist zu würdigen und beteiligt und integriert Menschen. Menschen etwas zutrauen, sie dabei begleiten ist ein wesentlicher Teil des Reiches Gottes. Nicht alle müssen alles machen, aber sich gegenseitig ermutigen, Dinge auszuprobieren, fehlerfreundlich zu sein, prägen eine Gemeindekultur und machen Mut.

Tipp 2: Team Willkommenskultur: Ein Team bildet sich, das vor allem die Aufgabe hat Menschen willkommen zu heißen, zu unterstützen und ihnen Gutes zu tun. Das geht los, dass Menschen gesehen und begrüßt werden, wenn sie in den Gottesdienst kommen, dass den Mitarbeitenden gedankt wird, indem zum Beispiel dem Technikteam ein Frühstück gebracht wird oder Leute angesprochen werden, die sonst schnell übersehen werden.

Tipp 3: Blind Breakfast: Gerade in der Coronazeit gut möglich: Es geht um ein gemeinsames Frühstück bei dem die Gastgebenden nicht wissen wer kommt und umgekehrt. Ein Team sammelt sowohl Gastgeber als auch Gäste und lost diese dann zu, erst am Vorabend bekommen alle die Adressen und am Sonntagmorgen trifft man sich zum Überraschungsfrühstück und schaut dann gemeinsam den Gottesdienst online.

Tipp 4: Visionscheck: Es werden unterschiedliche Leute aus der Gemeinde (und aus verschiedenen Generationen und Kreisen) gesucht, die als Team die Aufgabe haben, die einzelnen Kreise und Gruppen zu besuchen und mit ihnen über die gemeinsame Vision ins Gespräch zu kommen: Was läuft gut? Wo sind Schwierigkeiten? Was braucht es an Unterstützung, etc. Sollte es keine gemeinsame Vision geben ist dies die tolle Gelegenheit diese gemeinsam zu entwickeln.

Tipp 5: Einführung eines Schutzkonzept: Sichere Gemeinde zur Prävention und Hilfe bei sexuellem, sozialem oder geistlichem Machtmissbrauch. Hier kann man sich auch gut professionelle Unterstützung holen. Wichtig ist, dass es eine gut sichtbare und unabhängige Anlaufstelle gibt an die sich Menschen wenden können. Außerdem braucht es Safe Spaces wo bestimmte Gruppen einen Schutzraum finden, um sich selbst wahrzunehmen und vor den Urteilen Anderer geschützt zu werden.

Tipp 6: Diversitätscheck: Um Happyland zu vermeiden braucht es ein aktives Gegenlenken. Durch die einseitige theologische Prägung der letzten Jahrhunderte fällt es verschiedenen Menschengruppen (Geschlecht, Kultur, Alter, Bildung, etc.) in der Gemeinde oftmals schwerer Verantwortung wahrzunehmen und sie werden auch weniger gesehen und gefördert. Dieses Team versucht hier aktiv zu helfen und ermutigt und fördert Menschen ihren Platz in der Gemeinde zu finden und ihre Verantwortung in der Gemeinde wahrzunehmen. Dies gilt auch und gerade mit Menschen mit Behinderungen, die oftmals keinen Platz in unseren Kirchen und Gemeinden finden. Wie erleben sie die Gottesdienste? Oder auch die Eltern ansprechen und fragen, was für Unterstützungssysteme sie brauchen?

Tipp 7: Biographieabende: Fünf oder sechs Leute treffen sich und erzählen sich Teile ihrer Lebens- und Glaubensgeschichte. Pro Abend sind max. zwei Leute dran, der Rest hört zu. Es sind nur Verständnisfragen erlaubt. Gerne auch bei einem gemeinsamen Essen oder einem Glas Wein möglich. Sich zuzuhören, aufeinander zu hören, die Geschichte eines Menschen zu verstehen, ist eine Grundvoraussetzung, um Gemeinschaft in Unterschiedlichkeit zu leben.

Tipp 8: Schulungen: Veränderung braucht Zeit und geht nicht von alleine, deshalb braucht es Mut, Vision und einen langen Atem Prozesse anzustoßen und zu begleiten. Dafür braucht es immer wieder die Befähigung der Menschen, die an diesen Prozessen begleitet sind. Schulungen, gerade von Menschen außerhalb der Gemeinde, sind dafür aus meiner Sicht unumgänglich, weil sie die blinden Flecken sichtbar machen und Menschen empowern. Hier sind auch theologische Schulungen bzw. Gesprächskreise wichtig, um gemeinsam Bibel zu lesen und zu verstehen.

 

Ergänzung 6. Januar: Fragen, die häufig gestellt wurden.

Warum gehört der erste Teil des Verses der Jahreslosung “Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen” nicht Teil der Jahreslosung? Und was bedeutet dieser Teil im Blick auf die Jahreslosung?

Die Jahreslosung wird von der „Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“  (ÖAB) ausgesucht, einem Zusammenschluss von 24 evangelischen, katholischen und freien Werken. Die Jahreslosung soll kurz und prägnant durch das Jahr leiten. Daneben gibt es auch für jeden Monat einen Monatsspruch und einen täglichen Bibelleseplan. DIE ÖAB hat das Ziel Menschen die Bibel näher zu bringen und zum Bibellesen zu motivieren. Die erste Jahreslosung gab es übrigens 1934 aus dem 1. Petrusbrief: „Des Herrn Wort aber bleibet in Ewigkeit.“ Die Jahreslosung 2024 ist übrigens auch schon gewählt. Sie lautet: “Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.” 1 Kor 16,14.

Zum fehlenden Teil des Verses: “Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen”: Ich würde erstmal feststellen, dass dies typisch johanneisch ist, es gibt neben diesem Kapitel 7 immer wieder die engen Beschreibungen zwischen dem Vater und dem Sohn (und dem Heiligen Geist): “Der Vater zeigt dem Sohn alles” (Joh 5), “Ich und der Vater sind eins” (Joh 10), “Wer den Vater sieht, sieht mich” (Joh 14), etc. etc. Interessant dabei ist, das es nicht um dogmatische Aussagen geht, sondern um die Beziehungsebene. Da lässt sich für uns ich viel lernen und für die Jahreslosung passt dies sehr gut: Jesus sieht die Menschen die zu ihm kommen und er nimmt sie an, er sucht die Beziehung zu ihnen und stößt sie nicht hinaus…

Aber gibt es bei Jesus nicht auch Exklusionsdynamiken wie bspw. der „reiche Jüngling“ (LK 18) oder Jesus zieht klar Grenzen, wie bspw. mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4), der Jesus klar sagt: „Sündige hinfort nicht mehr“?

Die Antwort ist nicht ganz einfach und lässt sich nur im Gesamtkontext der Evangelien beantworten. Zunächst gilt, dass die Willkommenskultur Jesu nicht heißt, alles ist gut! Sondern: Du bist willkommen wie du bist. In meiner Nähe kannst und darfst du dich verändern. Das gilt für die Herzenshaltung des reichen Jünglings genauso wie für das Verhalten von der Frau am Jakobsbrunnen. Aber heißt dies, dass Jesus sie exkludiert? Nein, der „reiche Jüngling“ geht von sich aus und auch die Frau am Jakobsbrunnen wird nicht weggeschickt. Und wenn sie weiter sündigt? Wenn sie sich nicht an Jesu Worte halten würde? Würde Jesus dann sagen: „Hab ich es dir nicht gesagt, du sollst nicht mehr sündigen. Raus mit dir?“ Nein, Jesus würde ihr 7 mal 70mal vergeben und sie nicht wegschicken. (Mt 18) Und dann gibt es auch situative Grenzen, da wo die eigene und die (geistliche) Gesundheit der Anderen geschädigt wird, hier können die Fragen vom Anfang helfen. Die Propheten im AT sind ein gutes Beispiel, die für Recht und Gerechtigkeit Gottes gekämpft haben und dies hat auch zur Folge, dass Gerechtigkeit hergestellt wird. Mein ehemaliger Kollege Guido Baltes hat sich ausführlich mit den Exklusions- und Inklusionsdynamiken in den Evangelien auseinandergesetzt und kommt am Ende auf folgendes Ergebnis:

„Aus christlicher Perspektive ergibt sich daher für die heutige Diskussion um Inklusion die mühevolle, aber unvermeidliche Aufgabe: Wir müssen selbst herausfinden und entscheiden, in welchen Fällen traditionelle Grenzen der Exklusion aus der Kraft biblischer Überzeugungen heraus überwunden werden müssen, weil sie lediglich kulturell oder zeitgeschichtlich bedingt sind. Und in welchen Fällen notwendige Grenzen der Exklusion mit gleicher Deutlichkeit benannt und gesetzt werden müssen, wie das bei Jesus und in der gesamten biblischen Tradition der Fall ist, weil sie sich aus der Botschaft des Evangeliums und aus dem Wesen Gottes und seiner Schöpfung ergeben. Beides weise voneinander zu unterscheiden und in Liebe in die Tat umzusetzen, ist keine leichte Aufgabe. Deshalb braucht die Kirche das Reden und Wirken des Heiligen Geistes, um einen jesusgemäßen Weg zwischen den biblischen Polen der Inklusion und der Exklusion zu finden und zu gehen.“

Ich finde es hilfreich, weil es aufzeigt, dass es eben nicht immer so einfach ist, sondern ein gemeinsamer Aushandlungsprozess ist, dem wir uns immer wieder aussetzen dürfen und müssen.

Bei den Szenen am Anfang fehlt noch das Thema “geimpft und nicht geimpft”? 

Ich habe lange überlegt, ob ich das Thema “impfen” mit in die Szenen nehme oder nicht, habe ich dann dagegen entschieden, weil ich bedenken habe, dass dieses Thema all die anderen wichtigen und oft übersehenen Beispiele überdeckt. Und trotzdem kam es jetzt duzende Male, ich nehme die Frage mal mit! 😉 Ein anderes Beispiel, was mehrfach kam, war die Frage nach der Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer….

 

“Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen”, denn in meiner Gemeinschaft:

…ist jede und jeder willkommen

…halten wir auch Unterschiedlichkeit aus

…versuchen wir untereinander uns in herzlicher Liebe zu begegnen

…sind wir gastfreundlich

…können wir heil werden und trösten uns untereinander

…kennen und nennen wir unsere Grenzen

…ermahnen und erbauen uns

…sagen wir uns Wahrheit in Liebe

…machen wir Macht transparent und legen Entscheidungsstrukturen offen

…wissen wir, dass wir alle Sünder:innen sind und aus Barmherzigkeit leben

…sind wir um Versöhnung bemüht

 

Du hast weitere Ideen oder Anmerkungen, dann ergänze die gerne in den Kommentaren.

 

Bild:  (c) by Edmund Pokelsek

 

14 Comments

  1. Sehr gute Gedanken vor allem für die innerkirchliche Praxis. In meiner Predigt zur Jahreslosung für die Gottesdienste zum Jahreswechsel gehe ich mit einem Bildmotiv des SCM-Verlages noch auf andere Aspekte ein…

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  2. Linda Kieser

    Also das ist schon ziemlich ausführlich! Danke dafür! Das einzige was mir dazu noch einfällt ist das Thema politischer Einstellungen. Ich kenne es aus den USA, dass dort Gemeinden oft entweder überwiegend aus Republikanern oder Demokraten bestehen. In kleinen Ansätzen ist das bei uns auch schon zu beobachten und ich hoffe sehr, dass sich dieser Effekt nicht weiter verstärkt. Da würde mich deine Meinung, Tobias, noch interessieren. Liebe Grüße!

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    • Danke. Ja, über das Politische und auch über das Impfen habe ich lange nachgedacht und es dann aber rausgelassen, da ich befürchtet habe, das es dann all die anderen wichtigen Beispiele überspielt. Aber es stimmt, die linken und rechten Ränder im christlichen Bereich nehmen zu und werden so zunehmend zum “Identitymarker”, was nicht sehr gut ist, man kann dies schon gut bei den “Christen in der AfD” sehen, während ich das eher kritisch sehe, verschwimmen die Grenzen in eher konservativen Gemeinden immer mehr. Das wird noch spannend werden….

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      • Linda Kieser

        Tatsächlich hatte ich die Politik nur im Allgemeinen und nicht in Bezug auf das Impfen gemeint. Aber natürlich hat das aktuell jede:r gleich im Kopf. Bisher war ich einfach immer noch fast stolz, dass im deutsch-amerikanischen Vergleich die Gemeinden bei uns offener und „breiter“ gedacht haben, keine Wahlempfehlungen etc gegeben haben im Gegensatz zu den USA. Und ich habe mich gefragt wie wir uns das erhalten können. Wahrscheinlich genau indem wir all die wichtigen Themen, die dein Blogbeitrag bearbeitet, bewusst in die Tat umsetzen. Also vielen Dank für die Anregungen!

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  3. Wow, der Text hat gut getan. Die praktischen Umsetzungshilfen haben mich inspiriert. Klar, man liest am liebsten die Texte die die eigene Meinung eloquent und tiefgründig darstellen, aber ich habe mich an einigen Stellen auch herausgefordert gefühlt die eigene Theologie und Praxis nochmal zu überdenken. Danke!!

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  4. Albert Walter

    Sehr geehrter Herr FAix,
    sie haben eine Gruppe von Menschen vergessen, die – so nehme ich an – nach Ihrer Meinung sicher nicht kommen dürfen: die Ungeimpften. Ich bin ein dreifach Geimpfter, aber empfinde den Umgang mit den Ungeimpften – die Beschimpfung auch durch hochrangige Politiker – sehr beschämend. Die Spaltung der Gesellschaft geht nicht von den Ungeimpften aus. Es ist die bewusste Ausgrenzung dieser Gruppe in unserer Gesellschaft – leider auch durch die Kirchen.

    Freundliche Grüße

    Albert Walter

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    • Lieber Herr Walter,
      vielen Dank. Ich habe lange überlegt, ob ich “Corona” mit in die Beispiele nehme oder nicht, habe ich dann dagegen entschieden, weil ich bedenken habe, dass dieses Thema all die anderen wichtigen und oft übersehenen Beispiele überdeckt. Aber trotzdem habe ich schon zig Nachrichten bekommen, wie Ihre, das Thema ist einfach sehr präsent. Ich habe ja ein paar Rfelexionsfragen in meinem Blogbeitrag eingefügt, die ich da schon hilfreich finde. (Dient die Theologie/Auslegung/Gebote dem Leben? Fördert sie Menschen?
      Führt sie in eine mündige Beziehung zu Gott?
      Wem schadet die Theologie? Wer wird ausgegrenzt? Wird die Stimme dieser Menschen gehört?
      Wem dient die Theologie? Wer hat einen Nutzen davon?
      Werden die Schwächsten durch die theologischen Entscheidungen gefördert?
      Fördert die Theologie die äußere und innere Gesundheit der Menschen?) Denn es geht ja um die Gemeinschaft und wie man mit den unterschiedlichen Argumenten und theologischen Deutung umgeht! Ihr Aussage, dass die Schuld der Spaltung bei den Ungeimpften liegt finde ich da ehrlich gesagt nicht hilfreich, denn genau diese Schuldzuweisungen machen es doch gerade schwierig, oder? Für die Gemeinden und Kirchen gilt ja weitgehend die 3G Regel, was ich auch gut finde und gut zur Jahreslosung passt. Das in Kürze mit herzlichen Grüßen Tobias Faix

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  5. Christof Ziemer

    Lieber Herr Faix,
    ich nehme noch einmal das Coronathema auf. Ich habe in meinem Weihnachtsbrief zur Jahreslosung geschrieben: Die beste und aktuellste Auslegung der Losung liegt für mich in den Antworten, die Ärzte oder Pflegerinnen in Intensivstationen und Pflegeheimen auf die Frage von Journalisten gegeben haben, ob es für sie in der Behandlung einen Unterschied ausmache, ob der Patient oder die Patientin geimpft oder nicht geimpft sei. “Natürlich nicht!”, höre ich einhellig. Ist das nicht Geist vom Geist Jesu: “Wer zu mir kommt, denn
    werde ich nicht abweisen”? Mir jedenfalls macht es Mut im Blick auf die viel beredete Spaltung in der Gesellschaft.
    Freundliche Grüße Christof Ziemer

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  6. Gerhard Reitz

    Lieber Tobias Faix,
    sehr fundiert. Vielen Dank! Das Beispiel dass jemand, der/die evangelischer Konfession ist, die Eucharistie/das Abendmahl in der Messe verweigert wird. Das soll es geben – fürchterlich. Da vergißt jemand, dass Christus uns einlädt und nicht der Pfarrer. Ich kenne einige ev. Gemeindeglieder, die „bei mir“ zur Kommunion gehen. Was denn sonst. Vor allem wenn der/die Ehepartner:in katholisch ist. Und von vielen weiß ich es gar nicht – in einer Großstadt. Aber auch wenn Kinder mal laut sind, sollte dies keine ärgerlichen Blicke geben. Einen Spieletisch aufstellen – mit Betreuung. Eltern mit kleinen Kindern ermutigen durch die Kirche zu spazieren und zu erkunden. Und mehr. Danke für die Gedanken. Gerhard Reitz, Pfarrer

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