„Mehr Licht. Mach was Schönes: Leben teilen, Mission leben, Kirche entstehen sehen.“

Kultur & Glaube

Ich bin das erste Mal auf dem Datzeberg. Wir stehen hoch oben auf dem Plattenbau, die Sonne scheint und ich kann die Weite Mecklenburg-Vorpommern überblicken. Schön, denk ich, aber hier wohnen? Wir gehen wieder runter, Jonte Schlagner, einer aus der Community die sich Polylux nennt, läuft neben mir, zeigt mir den Weg durch „die Platte“ und erklärt mir die Schönheit, die ich auf den ersten Blick nicht erkennen kann. Mittlerweile sind wir auf einer grünen Wiese in der Mitte des Viertels, ein paar duzend Leute unterschiedlichen Alters drängen sich um einen Stand. Als sie uns sehen, rufen sie Laut Jontes Namen, einige kommen uns entgegen, ich werde freundlich begrüßt und bekomme einen Cocktail, denn heute ist Cocktailtag, wird mir im feierlichen Ton erklärt. Alkoholfrei versteht sich, denn es gibt sonst viel Alkohol, heute ist ein ‚Feiertag’, da dann mal nicht. Es wird gelacht und erzählt, zugehört und diskutiert. Ich trinke und staune und beginne langsam die Schönheit zu erkennen. Dann nimmt mich die achtjährige Lisa an die Hand und zieht mich zum karg bestückten Spielplatz ein paar Meter weiter. Das war mein erster Besuch bei Polylux auf dem Datzeberg in Neubrandenburg. Eine von 100 Initiativen, die wir als Master Transformationsstudien begleiten. Ralf und Katharina Neumann haben hier in Neubrandenburg vor zehn Jahren angefangen und mit ein paar Freunden eine Community gegründet, um ihr Leben mit den Menschen hier „im Viertel unseres Herzens“ zu teilen. Ralf arbeitet als Religionslehrer und ist Gründer und Co-Leiter von Polylux. Mittlerweile sind es 13 Erwachsenen und neun Kinder die hier mit 4000 anderen Menschen im Plattenbaugebiet leben. Eine Kirche gibt es hier weit und breit nicht. Polylux ist keine Kirche im klassischen Sinne, es gibt keine Gottesdienste und keinen Kirchturm, aber ihr Licht strahlt deutlich sichtbar. „Gott wohnt schon lange auf dem Datzeberg“ sagt Jonte, der seit gut sechs Jahren mit seiner Frau dabei ist, „wir wollen ihn für die Menschen spürbar und erkennbar machen“. Und das geschieht auf ganz unterschiedliche, aber ganz praktische Weise, vom Fußball spielen mit den Kids und Jugendlichen, dem Abenteuerland, einem offenes, religionspädagogisches Angebot für Kinder und deren Eltern in der Kita Sonnenschein, der Initiative „Fremde Freunde“, wo Patenschaften zwischen den Datzebergern und Geflüchteten vermittelt und begleitet , damit positive Begegnungen und Erlebnisse zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen geschaffen, Vorurteile und Ängste abgebaut und Verständnis und Empathie für die prekäre Lage der Flüchtlinge geschaffen werden. Und dann gibt es noch die „schall.platte“, der der Chor vom Datzeberg, ein generationenübergreifendes Angebot in dem aktuelle Lieder aus dem Radio gemeinsam gesungen werden. Jeden Montag wird geprobt und Auftritte und ein eigenes Video gibt es auch. Großartig. „Mach was Schönes“ ist folgerichtig das Motto von Polylux und wenn man hier auf dem Datzeberg nachfragt, dann strahlen die Menschen und man merkt die Verbundenheit und Anerkennung. Aber da ist nichts hipp oder cool, denn die Hippen und Coolen sind schon lange weggezogen und die die geblieben sind, leben meist von Transferkosten des Staates. Hier ist kein Platz für Sozialromantik, sondern nur für echtes Leben. Leben das miteinander geteilt wird, da geht es nicht um schnelle missionarische Erfolge, sondern um missionales Leben, da geht es nicht um tolle Zahlen, sondern ein nachhaltiges Miteinander. Mich beeindruckt das und fordert mich aber auch heraus und es ist ein Privileg solche Projekte zu begleiten und davon zu lernen. Polylux ist keine Ortskirche, aber ein kirchlicher Ort, der aus dem Kontext herauswächst. Und das braucht Zeit, weil Wachstum eben Zeit braucht. Nach zehn Jahren fangen die Menschen jetzt an zu fragen, was die Arbeit und das Leben der Polyluxleute mit Gott zu tun hat. Warum sie beten oder immer mal wieder von diesem Jesus reden. Ralf und Jonte haben nebenbei studiert, um immer wieder auf eine Reflexionsebene zu kommen, aber auch Ermutigung und fachliches Knowhow: „Die Arbeit von polylux bewegt sich in der herausfordernden Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft. Die Transformationsstudien haben uns dabei inspiriert und begleitet, diesen Weg mutig, fundiert und möglichst ganzheitlich weiterzugehen“, so Ralf. „Und jetzt“, so Ralf weiter, „ist  vielleicht der Zeitpunkt gekommen, konkretere Schritte in Richtung „Kirche auf dem Datzeberg“ zu gehen.“ Aber wie die genau aussieht, da müssen wir die Menschen hier fragen, es soll ja ihre Kirche sein.

 

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