Die Revolution der Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!” Herausfordernde Gedanken zur Jahreslosung 2021.

Theologie

 

„Barmherzigkeit ist ein Wert, der im Zentrum jeder funktionierenden und toleranten Gesellschaft stehen sollte. Die Barmherzigkeit erkennt letztendlich an, dass wir alle unvollkommen sind und ermöglicht uns so den Sauerstoff zu atmen – und uns durch unsere gegenseitigen Fehler in einer Gesellschaft geschützt zu fühlen. Ohne Gnade verliert eine Gesellschaft ihre Seele und verschlingt sich selbst.“ Nick Cave

Für die katholischen Geschwister war es schon 2015/16 ein großes Thema, jetzt werden wir alle durch die Jahreslosung 2021 herausgefordert ein „Jahr der Barmherzigkeit“ zu leben und das ist gut so: “Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!”.  Denn ich habe manchmal den Eindruck, dass Barmherzigkeit unter den biblischen Begriffen ein Nischendasein fristet. Barmherzigkeit ist eine nette Beigabe, eine Art Fortsetzung der weihnachtlichen Sentimentalität. Und klar, wir sollen auch milde und freundlich sein – aber all das geht an der eigentlichen Aussage komplett vorbei. Barmherzigkeit ist nicht die Zugabe oder der Zuckerguss, sie ist das Herzstück. Es geht nicht um christliche Sozialromantik, sondern um das Wesen Gottes, den Herzschlag des christlichen Glaubens und eine theologischen Weichenstellung der Gemeinde Jesu. Denn Barmherzigkeit beschreibt in einem Wort das Zentrum des christlichen Glaubens. Dies betont auch Papst Franziskus, wenn er Barmherzigkeit als Zielrichtung des Christseins beschreibt:

Barmherzigkeit ist nicht eine Dimension unter anderen, sie ist das Zentrum des christlichen Lebens“ Es gibt kein Christentum ohne Barmherzigkeit. Wenn unser ganzes Christentum uns nicht zur Barmherzigkeit führt, haben wir den falschen Weg eingeschlagen, denn die Barmherzigkeit ist das einzig wahre Ziel jedes geistlichen Weges.“

Es lohnt sich also etwas genauer hinzuschauen. Deshalb möchte ich dem Jesuswort jetzt zunächst biblisch-systematisch auf den Grund gehen und dann fragen, was es für uns heute bedeuten kann.

“Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!” Lk 6,36

Die Jahreslosung ist eingebettet in die Feldrede Jesu in Lk 6,20-49 (Parallele der Bergpredigt), in deren Mittelpunkt das Liebesgebot steht, welches sich in zwei Teilen zeigt: Zum einen in der Feindesliebe Jesu (Lk 6,27-35), der radikalsten und revolutionärsten Aufforderung Jesu und dem sichtbaren Zeichen des neuen angebrochenen Reiches Gottes und zum anderen in der Barmherzigkeit Gottes, die das Alltagsverhalten der Nachfolgenden auf den Kopf stellt. Während die Feindesliebe auf eindringliche Weise die Steigerungslogik des Reiches Gottes beschreibt, wo nicht das gesellschaftlich erwartbare das Erstrebenswerte ist, beschreibt die Barmherzigkeit das neue Reich Gottes Ethos. Dabei beinhaltet diese neue Haltung, was sich durch das anbrechende Reich Gottes verändern soll, nämlich die Herzen der Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben.  Direkt im Anschluss an die Feindesliebe kommt, sozusagen als theologische Begründung der angesprochenen Steigerungslogik und als praktisches Beispiel, unsere Jahreslosung. Dabei steht der Gedanke der Nachahmung Gottes im Zentrum der Aussage Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!” Seht das Vorbild, das Ziel, die neue Haltung. Aber was heißt barmherzig sein hier? Neben der Grundhaltung spricht Jesus ganz praktisch zwei Konkretionen an: Verzeihen statt Urteilen (Vers 37) und Geben statt Nehmen (Vers 38). Der südafrikanische Theologe David Bosch bringt diese Aussage gut auf den Punkt, wenn er sagt:

„Wir verkündigen den Glauben nicht als Richter oder Anwälte, sondern als Zeugen; nicht als Soldaten, sondern als Boten des Friedens; nicht als aggressive Verkäufer, sondern als Gesandte des dienenden Herrn.“

Das Reich Gottes ist als anbrechendes Ereignis zu verstehen, welches sich auf der Beziehungsebene zwischen Gott und Menschen ereignet und in dessen Mittelpunkt die gelebte Barmherzigkeit steht.

Barmherzigkeit, die weibliche Seite Gottes

Barmherzigkeit gehört zu den zentralen und meistgebrauchten Begriffen (über 400mal) in der Bibel. Die deutschen Begriffe „Barmherzigkeit“, „Gnade“ und „Erbarmen“ gehen dabei im alttestamentlichen Kontext alle auf das hebräische Wort ḥæsæd (sowie seiner Wurzel rḥm zurück). Dabei lässt sich keine eindeutige Zuordnung vornehmen, sondern alle drei Begriffe hängen zusammen. Interessant ist, dass es dabei einen inneren Zusammenhang zu Jahreslosung 2016 gibt: „Ich will dich trösten, wie dich eine Mutter tröstet“. Denn die hebräische Wurzel rḥm bedeutet nicht nur „Barmherzigkeit“, „Gnade“ und „Erbarmen“, sondern auch „Mutterleib“ und „Gebärmutter“ (ræḥæm) und beschreibt im Alten Testament die feminine Seite Gottes (vgl. Ex 34, Hos 11; Jer 31 etc.). Es wird deutlich, dass ræḥæm neben dem Wort Herz (leb) das häufigste gebrauchte (innere) Organ im AT ist und neben dem Sitz der Gefühle (auch Muttergefühle) auch der Ort des Glaubens an Gott darstellt. Man kann erahnen, wie wichtig die ‚weibliche Seite Gottes’ in der Bibel ist. Im Neuen Testament wird diese breite Bedeutung unter anderem von den Begriffen Trost und Tröster aufgenommen und weitergeführt, wenn Gott selbst der Gott allen Trostes ist (2. Kor 1, 2+3) und der Heilige Geist unser Tröster (Paraklet) bis in alle Ewigkeit (Joh 14, 16).  Ausführlich: sie „Das Mutterherz Gottes“.

Der Alttestamentler Hermann Spieckermann bezeichnet „Gnade und Barmherzigkeit“ als „Gnadenformel“ Gottes: „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte“ (Ps 103,8). Diese Gnadenformel kommt nicht nur siebenmal im Alten Testament vor, sondern beschriebt den zentralen Wesenszug Gottes. Gnade und Barmherzigkeit bezeichnet das voraussetzungslose Verhaltensweise gegenüber uns Menschen. Und genau dieses Verhalten fordert Jesus von seinen Nachfolger:innen in der Jahreslosung ein.

Die Gnadenformel Barmherzigkeit als Grundlage unseres Lebens

Die barmherzige Zuwendung Gottes zeigt sich also ganz praktisch in seiner Nachahmung (imitatio Dei). Die Nachahmung Gottes zeigt sich gleicherweise im theologischen Verstehen und im sozialen Handeln und speist sich aus der Erfahrung, die Barmherzigkeit Gottes selbst erlebt zu haben: Unverdient, allein aus Gnade, ohne eigenes Zutun. Hier geht es um eine Wesensveränderung die über ein reines Aktionsprogramm hinausgeht, um ein Gott-ähnlicher- Werden. Der Theologe Marcus Borg bringt an dieser Stelle einen interessanten Gedanken ins Spiel, der die Nachahmung Gottes erst möglich macht: Der Geist Gottes, der die Kraft der Veränderung in uns bewirkt und uns zur Nachahmung befähigt, verändert nicht nur uns und unseren Nächsten, sondern beschreibt ein sozialpolitisches Paradigma, welches eine alternative Vision vom menschlichen Leben möglich macht.

Die Jahreslosung ist deshalb kein unerreichbares Ideal, sondern beschreibt die transformative Wirkung von Gottes Kraft auf und in dieser Welt. Dabei beschreibt sie die ganzheitliche Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus. Es gibt keinen christlichen Glauben, der nicht auch sozial und politisch in seiner Wirkungskraft ist.

Da wo es nach gesellschaftlichen Maßstäben nichts mehr zu erwarten gibt, greift die Gottes Barmherzigkeit kraftvoll ein, besonders wenn es um Ausgegrenzte, Benachteiligte und Vergessene geht. Einer wichtigsten ethischen Grundsatztext des antiken Judentums, die “Sprüche der Väter”, beginnt mit der Feststellung: “Auf drei Dingen fußt die Welt: Auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf den Taten der Barmherzigkeit“. Und schon die Weisungen Gottes in der Tora gaben dem Volk Israel einen von Barmherzigkeit, Gnade und Freiheit durchzogenen Lebens- und Arbeitsrhythmus, der sich durch alle ethischen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zog, von ökologischen und ökonomischen bis zu kulturellen und sozialen Bereichen, und zeigen ihm, dass sich die Barmherzigkeit Gottes zu seinem Volk durch alle Lebensbereiche zieht. Was die Menschen durch Egoismus, falschen Umgang mit Ressourcen und Habgier durcheinandergebracht haben, soll nun durch Gottes Ordnung wiederhergestellt werden. Beispiele dafür wären: (ausführlich im Just People Kurs der Micha Initiative)

  • Das Sabbatgebot: alle sieben Tage ruhen (Lev 25,1–4). So wurde das Schöpfungsprinzip des siebten Tages (des Sabbats) als Ruhetag auch nach dem Sündenfall beibehalten und in den mosaischen Gesetzen für das Volk Israel festgehalten und weiter ausgebaut.
  • Das Abgabegebot: es ist ein besonderes Gebot für die Leviten (hauptamtliche Priester) und die sozial Benachteiligten, wie in Dtn 14 nachzulesen ist. Hier finden wir eine der ersten Formen der Sozialversicherung durch ein gemeinschaftliches Versorgungssystem. Gerade die Schwachen und Benachteiligten sollten durch die Gemeinschaft versorgt werden (Dtn 14,28; 26,12).
  • Das Sabbatjahr: alle sieben Jahre sollen alle Sklav:innen freigelassen werden, alle Schulden erlassen und das Feld nicht bestellt werden (Lev 24; Dtn 15).
  • Das Jubeljahr (Erlassjahr): alle 50 Jahre geht der Grundbesitz wieder an seine:n ursprüngliche:n Besitzer:in zurück, um zu zeigen, dass das Land nicht den Menschen gehört, sondern Gott (Lev 25).

Gerade von der Barmherzigkeit der Sozialgesetzgebung lässt sich für heute lernen, denn es geht um das Leben und Überleben des:der Einzelnen und um die Frage nach einer sozialen Inklusion. Und hier zeigt sich das Herzensanliegen Gottes: die aus Barmherzigkeit und Gnade kommende Wiederherstellung gerechter Verhältnisse und gesunder Beziehungen auf allen Ebenen der Schöpfung: zu Gott, sich selbst, dem Nächsten und der Natur.

Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit

Barmherzigkeit geht dabei immer den einen Schritt mehr. Es geht dabei nicht nur um eine individuelle Handlungsanweisung, sondern wie die alttestamentlichen Beispiele deutlich machen, auch um eine lebensfördernde Struktur des Miteinanders, um eine Vision des Lebens. Caesar Molebatsi hat dies schon auf den Punkt gebracht:

„Es reicht nicht, nur Barmherzigkeit zu üben und die Wunden von Verletzten zu verbinden; genauso wichtig ist es, zu fragen, wie Gott über Strukturen denkt, die Menschen in Not und Elend treiben, und was er von seinem Volk erwartet.“

Die Tat-Dimension von Barmherzigkeit umfasst dabei etwa Vergeben, Geben, Anwaltschaft, Gastfreundschaft, Dienen ebenso wie die Kraft-Dimension des Evangeliums Heilung, prophetische Einmischung, Wunder etc. Dabei zeigen sich die Taten der Barmherzigkeit sowohl in der Fürsorge an Not leidenden Menschen in Alltagssituationen (siehe Gleichnisse Jesu) als auch in der Hilfe für die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt oder in der Veränderung ungerechter und unterdrückender (politischer) Systeme. Christus ist Herr nicht nur über Herzen, sondern über die ganze Welt, samt ihren Strukturen und Systemen. Wir sind dazu berufen das in Jesus Christus bereits begonnenes Reich nicht nur zu verkünden, sondern auch zu verkörpern. Mein Kollege Tobias Künkler hat es mal auf den Punkt gebracht als er sagte:

„Wo Barmherzigkeit nicht Hand in Hand geht mit prophetischer Kritik an Verhältnissen, die Hilflosigkeit, Leid und Ungerechtigkeit generieren, handelt man mindestens blind, wahrscheinlich schizophren und im schlimmsten Fall zynisch.“

Deshalb ist Barmherzigkeit auch öffentliches Handeln, welches die Hoffnung auf eine “bessere Gerechtigkeit”(Mt 5,21-23)  in sich trägt und sichtbar macht. Im Zentrum der Feldrede/Bergpredigt steht diese bessere Gerechtigkeit Gottes, die aber nicht mit menschlicher Macht und Gewalt durchgesetzt wird, sondern durch eine Barmherzigkeit, die ein neues Denken und Handeln erwachsen lässt. Wie ein roter Faden zieht sich die neue Königsherrschaft Gottes und ihre Wirksamkeit und Durchsetzung der heilschaffenden Gerechtigkeit Gottes durch die Evangelien. David Bosch sieht in diesem gerechten und barmherzigen Handeln an unseren Nächsten deshalb das barmherzige Handeln Gottes mitten unter uns. So zeigt sich Gottes Solidarität mit den Menschen, so zeigt sich Gottes Herz unter uns oder wie Bosch es ausdrückt:  Mission bedeutet Gottes Barmherzigkeit mit den Menschen teilen. Udo Schnelle hat dies in seinem Buch „Die ersten 100 Jahre des Christenstums“ sehr gut herausgearbeitet, wodurch sich die ersten Christ:innen von der Gesellschaft unterschieden haben, was so attraktiv war an ihrer Lebensweise und da spielte das Liebes- und Feindesgebot sowie die gelebte Barmherzigkeit eine zentrale Rolle. Daran wurden die Chrsit:innen erkannt, dass sie Barmherzigkeit gelebt haben, sowohl im jüdischen Kontext und mit der Interpretation von Reinheit/Unreinheit und dem Umgang mit den Reinheitsgeboten als auch im Römischen Reich, indem es gegenüber Armen, Kranken und Sterbenden eine Kultur der Unbarmherzigkeit gab, die durch die Barmherzigkeit und die praktisch gelebte Nächstenliebe vieler Christ:innen aufgebrochen und verändert wurde.

Barmherzigkeit als offensive Heiligkeit

Die von Jesus geforderte Barmherzigkeit war für die ersten Christ:innen nicht weniger als Aufforderung für ein revolutionäres Leben gegenüber vielem was die gesellschaftlichen Gepflogenheiten damals lehrten. Und diese Revolution zeigt sich nicht nur im ethischen Handeln, sondern auch im theologischen und hermeneutischen Verständnis der alttestamentlichen Schriften.  Deutlich wurde dies in der zentralen Frage: Wer gehört dazu? Hier wird das neue Paradigma des Reiches Gottes sichtbar, was Jesus immer wieder lebte und verkündete: Barmherzigkeit statt Opfer: „Wenn ihr begriffen hättet was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verurteilt“ (Mt. 9,13; 12,7). Schauen wir uns dies am Beispiel von Markus 1,40-44 einmal genauer an:

“Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!« 41 Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt. Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit ermahnte er ihn: »Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.”

Zunächst muss festgehalten werden, dass Jesus die damalige Gesetzgebung ernst nimmt und die Heilung vom Aussatz und der Unreinheit durch den Priester bestätigen lässt. Der Priester war für die Reinheit verantwortlich und somit auch für die vollständige Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben. Das Verlorene/Kranke/Unreine soll wiederhergestellt werden: Jesus hatte tiefes Mitleid, im „drehte es die Gedärme um“, Jesus lässt sich berühren vom Mitleid, ein körperliches Gefühl. Jesus zeigt deutlich, dass er keine Angst davor hat, von der „Unreinheit“ anderer Menschen in irgendeiner Art angesteckt zu werden. Im Gegenteil eröffnet er begegnet Menschen auf Augenhöhe, berührt sie und heilt sie. Der Theologe Klaus Berger nennt es: „Offensive Heiligkeit“. So wie die offensive Heiligkeit sich durch Jesus ausbreitet und das Unreine und Kranke verwandelt, so soll auch unser Glaube gesund machen, ansteckend sein. Nicht aus uns heraus, sondern durch die Kraft Jesus Christus in uns. Damit es keine Missverständnisse gibt, im Judentum der damaligen Zeit gab es ganz unterschiedliche Reinheitsgebote, wie zum Beispiel “Essensunreinheit, Tempelunreinheit oder moralische Unreinheit”, die ganz unterschiedliche Folgen für die betroffenen Personen hatten.  Jesus erfüllt die Reinheitsgebote (Mt 5,17-20) und führt sie so zu ihrer Bestimmung. Dies war für viele revolutionär, kaum denkbar und wir erleben einen Streit darüber, der sich bis weit in die ersten Gemeinden hineinzieht (Apg. 15; Gal 2; 1. Kor 8 +10; etc.).

Evangelium heißt: Die Umkehrung von Macht- und Kraftverhältnissen dieser Welt! Heißt: Das Evangelium hat die Macht zur Veränderung von Herzen und Verhältnissen!

Offensive Heiligkeit ist bei Jesus ganz praktisch. Diese Heiligkeit wird, wie wir gerade bei Jesus sehen, wird nicht nur theoretisch vermittelt (durch seine Reden), sondern setzt sich durch gelebte Barmherzigkeit (Berührung, Essen, Freundschaft, Nachfolge, Beziehung) durch. WIn Jesu neuem Paradigma besteht der Auftrag darin, geistliche und gesellschaftliche Grenzen nieder zu reißen, damit sich seine Heiligkeit ausbreiten kann.

Bei Jesus und dem anbrechenden Reich Gottes beginnt Barmherzigkeit schon konkret zu werden:

  • Ein Blick in die synoptischen Evangelien zeigen 12 verschiedene Gastmahlgeschichten
  • Im Lukas-Evangelium machen alleine die Tischgemeinschaften Jesu sowie seine Gastmahlgleichnisse ein Fünftel des gesamten Stoffes aus
  • In Lukas 7 wird Jesus ein „Vielfraß und Säufer“ genannt und ein Kumpane der Zolleinnehmer und Sünder:innen.
  • Ständig lässt er sich auf diejenigen ein, die außerhalb der Gesellschaft stehen: Er berührt sie, lässt sich berühren

Christsein lebt von der eschatologischen Kraft, von der Utopie, dass Jesus kommt und sein neues Jerusalem kommt. Diese Hoffnung bestimmt schon jetzt unser Denken und Handeln und dies wird im Reich Gottes sichtbar. Tischgemeinschaft bedeutete damals: Ich befinde mich auf einer Ebene, ich teile, was ich bin und habe mit dir! Die Ausgrenzung durch deine soziale Stellung ist aufgehoben. Barmherzigkeit durchbricht diese Trennung und ermöglicht Menschen Teil der großen Gemeinschaft Gottes zu werden:

  • Jesus isst mit den Zöllnern und Zachäus tut Buße und verteilt seinen Besitz unter den Armen
  • Jesus isst mit den Prostituierten, lässt sich von ihnen berühren
  • Jesus berührt die blutflüssige Frau und sie wird gesund
  • Jesus berührt die Aussätzigen und sie werden gesund

Matthias Lambach bringt es in seiner Untersuchung auf den Punkt, wenn er schreibt: “Freude über die Rückkehr des „Verlorenen“ als Versinnbildlichung Gottes eigentlichen Plans für das Volk und gleichzeitig Kritik am bestehenden Ausgrenzungssystem.” Das Evangelium Christi entfaltet seine Relevanz, seine Kraft mitten in der Brüchigkeit dieser Welt, mitten bei den Ausgestoßenen, bei den nicht gewollten, nicht Perfekten.

Das Evangelium Christi ist eine gesundmachende Kraft, die sich inmitten unserer Gemeinschaft verbreitet.

Sie ist offensiv und inklusiv und geht genau dahin, wo unsere Gesellschaft Menschen ausschließt. Die Kraft zeigt sich durch sie im ganz normalen miteinander, beim Essen, Freundschaft, Nachfolge, Beziehung, ja beim einander-Berühren bei der nächsten Begrüßung oder der Verabschiedung heute Abend. Hier wird durch das WIE des Glauben das WAS deutlich.

Barmherzigkeit als transformative Kraft

Dieses revolutionäre Barmherzigkeitsprogramm Christi spielte wie gesehen bei den ersten Christ:innen eine zentrale Rolle und zog sich durch die gesamte Kirchengeschichte, ja, folgt man dem Religionssoziologen Rodney Stark, dann hat ausgerechnet die Pest und das bramherzige Verhalten der Christ:innen zur Ausbreitung des Christentums maßgeblich beigetragen. So gab es im Jahr 165 n. Chr. nur etwa 45’000 Christ:innen, also etwa 0,08 % der Bevölkerung. Die Pest (und andere Krankheiten wie  Pocken, Fleckfieber, Cholera, Typhus und Masern) brachte in verschiedenen Wellen in den nächsten hundert Jahre tausende von Menschen um. Viele Christ:innen kümmerten sich, auch unter Einsatz des eigenen Lebens, um die Kranken und Sterbenden und lebten so die Barmherzigkeit. Cyprian, Bischof von Karthago schrieb im Jahr 251 in einem Brief dazu:

„Wie passend, wie notwendig ist es, dass diese Pest, die schrecklich und tödlich scheint, die Gerechtigkeit eines jeden prüft und die Gesinnung der Menschheit erforscht: ob die Gesunden sich um die Kranken kümmern, ob Angehörige ihren Verwandten die gehörige Liebe erweisen, ob die Herren Erbarmen haben mit ihren kranken Sklaven, ob die Ärzte die Bedrängten nicht im Stich lassen.“

Das Fazit von Rodney Starks Untersuchungen ist dann auch verblüffend, denn um 300 n. Chr. waren 10,9 % der Bevölkerung Christen, der Anteil der Christ:innen im Römischen Reich hat sich also vervielfacht. Den Grund sieht Stark zum einen in dem großen Zeugnis der gelebten Barmherzigkeit in den Krisen des Landes und in der gegenseitigen Unterstützung der Christ:innen untereinander, so dass sie die niedrigste Todesrate von allen sozialen Gruppen hatten. Aber auch in den Klöstern des Mittelalters, aus denen die ersten Universitäten erwuchsen (Bologna, Paris, Prag und Heidelberg) spielet das Thema Barmherzigkeit eine zentrale Rolle, denn Bildung schützt vor Armut und Ausgrenzung. Die Reformation und der Pietismus lieferten etwas später einen großen Beitrag, dass diese Bildung nicht nur Einzelnen zugängig gemacht wurde, sondern dass die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Ja, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass es vorwiegend Christ:innen waren, die das Bildungs- und Sozialwesen in Europa maßgeblich durch ihre gelebte Barmherzigkeit prägten, von den Schulen (Comenius) über Kindergärten (Fröbel) und Heimen (Müller) bis zu Genossenschaften (Raiffeisen) und der modernen Krankenpflege (Nightingale). Das prägt Deutschland bis heute und wir sind dankbar in dieser Tradition zu stehen. Aber es ist auch keine Grund sich darauf auszuruhen, sondern wir sind als Christ:innen aufgefordert mit unserem Glauben die Gesellschaft weiter zu gestalten und zu prägen. Dies geschieht immer für, bei und mit den Menschen vor Ort. Christsein ist nichts Abstraktes, nichts, was sich ausschließlich in einer unsichtbaren Welt abspielt, sondern wie wir es schon seit Jesus im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“. Das Reich Gottes wird auf Erden auch in unserem sozialen Miteinander und gelebter Barmherzigkeit sichtbar. Selbst wenn wir wissen, dass dieses Reich Gottes in einem „jetzt und noch nicht“ steckt, in dem es sich in der Kraft des Heiligen Geistes schon mitten unter uns zeigt, wissen wir gleichzeitig, dass es sich in seiner Vollkommenheit erst mit der Wiederkunft Jesu zeigen wird. Bis dahin wird es ganz unterschiedliche Frömmigkeitsstile und konfessionelle Ausprägungen geben und das empfinde ich als Bereicherung und sehe darin die Größe Gottes. Glaube ist ein Geschenk, das sich gerade durch Teilen vermehrt. Ich glaube, dass das Reich Gottes größer ist als eine Kirche oder ein Gemeindeverband und dass in Zukunft neue Netzwerke der Barmherzigkeit entstehen müssen. Gerade in einer Zeit der tiefgreifenden Veränderungen erleben Menschen dies oft als Bedrohung und Krise.

Barmherzigkeit kennt kein aber

Kommen wir auf Papst Franziskus zurück, der sagte:

„Wer die Barmherzigkeit Gottes erfährt, fühlt sich dazu gedrängt, bei den Letzten und den Armen zum Urheber von Barmherzigkeit zu werden.“

Vielleicht geht es uns als Christ:innen zu gut, richten wir zu schnell und zu viel, lassen uns leiten von dem Paradigma der „Reinheit“, die immer schön darauf achtet, wer dazu gehört und wer nicht, wer was glauben soll? Barmherzigkeit durchbricht genau diese Mauern, reißt Grenzen und Mauer ab und führt Menschen zusammen. Auch da, wo es unbequem ist, da wo Menschen und Menschengruppen marginalisiert werden, keine Stimme haben, selbst Schuld sind oder sogar aus christlichen Gründen ausgegrenzt werden. Gottes Barmherzigkeit nimmt genau diese Menschen in den Blick, die Alleinerziehenden in der Nachbarschaft, die Menschen mit Behinderung im Stadtteil, die Eheleute, die sich nichts mehr zu sagen haben, die einsame Oma, die gerade nicht besucht werden kann, der Arbeitslose Single in seiner kleinen Hochhauswohnung, die Sinti und Roma in unserem Land und die Geflüchteten auf Lesbos. Barmherzigkeit kennt kein aber. Sie rechnet nicht auf und fragt nicht nach, ob es verdient sei. Oder um es mit der Pastorin Sandra Bils zu sagen: „Barmherzigkeit lässt niemand ertrinken. Punkt.“ Das ist Gottes neue Welt, wie Jesus sie in Matthäus 25 ganz praktisch beschreibt:

 „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben; ich war krank und ihr habt mich versorgt; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.“

Ja, das ist herausfordernd, ja, das ist revolutionär, ja, das ist Reich Gottes Ethos. Barmherziges Handeln zeigt den Herzschlag Gottes auf Erden. Barmherzigkeit ist ein Ärgernis. Ja, daran werden sich die Menschen scheiden. Ja, und daran scheitere ich und genau dann kann ich die Barmherzigkeit Gottes selbst erleben. Denn auch mein eigenes Scheitern muss geheiligt werden. Das gibt mir die Kraft und die Hoffnung wieder selbst barmherzig zu sein, Daran wird man Christinnen und Christen in der Welt erkennen. Daran wird die Mission Gottes auf Erden sichtbar. Barmherzigkeit sieht, würdigt und feiert das Leben – sei es noch so klein, vergessen oder ausgegrenzt. Barmherzigkeit führt Leben zurück in die Gemeinschaft zu Menschen und zu Gott.

Oder, um es abschließen mit den Worten von Volker Halfmann zu sagen:

„Einzig die gelebte Barmherzigkeit hat die Kraft, diese Welt wärmer und gerechter zu machen. Einzig die gelebte Barmherzigkeit vermag vor dem Richterstuhl Gottes zu bestehen.

Einzig die gelebte Barmherzigkeit lässt Menschen erkennen, dass Gott für sie ist und sie liebt. Einzig die gelebte Barmherzigkeit wird auch uns helfen, wenn wir ausgeraubt, blutend und halbtot am Wegesrand liegen.

Darum brauchen wir Barmherzigkeit!“

 

Vertiefende Literatur:

  • Marcus J. Borg. Meeting Jesus Again for the First Time. Harper One.
  • David Bosch. Mission im Wandel. Brunnen Verlag.
  • Volker Halfmann. Wer fühlt, was er sieht, der tut, was er kann: Ein Plädoyer für mehr Barmherzigkeit. R. SCM. Brockhaus
  • Rainer Kessler. Sozialgeschichte des alten Israel. Eine Einführung. WBG.
  • Udo Schnelle. Die ersten 100 Jahre des Christentums. UTB Taschenbuch.
  • Rodney Stark, The Rise of Christianity: A Sociologist Reconsiders History.
  • NT Wright Das Neue Testament und das Volk Gottes, Francke Verlag

 

Ergänzend sei hier auf die katholischen Geschwister hingewiesen und ihre sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit:

  1. Hungrige speisen
  2. Durstigen tränken
  3. Fremde beherbergen
  4. Nackte kleiden
  5. Kranke pflegen
  6. Gefangene besuchen
  7. Tote bestatten

Sowie ihre sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit:

  1. Irrende zurechtweisen
  2. Unwissende lehren
  3. Zweifelnden recht raten
  4. Trauernde trösten
  5. Lästige geduldig ertragen
  6. Denen, die uns beleidigen, gern verzeihen
  7. Für Lebende und Tote beten

Und ihre praktische Anleitung zum Tun:

  • Den Menschen achten
  • Hinsehen
  • Ansprechen und Zuhören
  • Berühren
  • Trösten
  • Herberge gewähren
  • Verantwortung übernehmen
  • Zeit haben
  • Dem Nächsten aus Überzeugung dienen
  • Helfen lernen

 

Bildnachweis: 2016 Ausstellung Barmherzigkeit Galerie-Augsburg

 

 

 

7 Comments

  1. Gerda Schaller

    Lieber Tobias,
    ganz zufällig bin ich auf deinen Beitrag zur Jahreslosung gestoßen. Er ist extrem super formuliert und auch auf praktische Art und Weise auf den Punkt gebracht!!! Seit Jahren versuche ichGemälde zur Jahreslosung zu kreieren, was eine enorme Herausforderung ist. Deine Ausführungen bzgl. der Verbindung zur weiblichen Seite Gottes im Blick auf das Thema Barmherzigkeit, hat mich sehr ermutigt, denn dies habe ich auch im Gemälde aufgenommen. Gerne sende ich dir das Motiv.
    Herzlichste Grüße,
    Gerda Schaller

    Antworten
  2. Danke, deine Auslegungen zur Jahreslosung sind für mich jedes Jahr eine Pflichtlektüre. 🙂

    Ich war so frei, mich für unsere Kurzandachten, die CVJM-Spots, inspirieren zu lassen, die wir als Videos wöchentlich bei Instagram und Youtube veröffentlichen.
    https://youtu.be/yOQmF7x9A7U

    Dieses Jahr ist die Losung ja wirklich sehr vielschichtig und auch ein sehr aktuelles Thema. Mal sehen, wir überlegen, ob wir einzelne Aspekte über das Jahr verteilt immer wieder mal aufgreifen.

    Viele Grüße aus Wetzlar
    Hille

    Antworten
  3. Christiane Banse

    Lieber Herr Faix,
    was für ein schöner Beitrag! Eine kurze Frage: Woher stammt das Zitat von Nick Cave, wissen Sie das? herzliche Grüße, Christiane

    Antworten

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